Notizbuch ist das Wichtigste

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

JPEG SMALL MG 8811Es geht um Fotoutensilien. Im vorangegangenen Artikel hab ich mich mit der Tasche als Behaelter fuer Equipment und Utensilien beschaeftigt. Auf dem Foto unten kann man erkennen, was in so einer Tasche ist. Man kann unheimlich viel Tuedeluet in so ein Ding stopfen, aber wenn das Volumen limitiert ist, dann muss man eine Auswahl treffen. Was muss man auf eine Fotopirsch wirklich mitnehmen ?

Mit Pirsch meine ich so einen typischen Tagesausflug, wie ihn unzaehlige Touristen und so auch ich, immer wieder gerne machen. Also z.B. ein Tagesausflug von Berlin nach Potsdam inkl. Sanssouci, von Florenz nach Pisa inkl. Siena, von London nach Cambridge, von Shanghai nach Hangzhou … usw. Morgens hin - abends zurueck und den groessten Teil des Tages ist man auf den Beinen. ...

Neben den unten beschrieben Utensilien befindet sich neben der Kamera mit einem Summicron 35mm/2.0 noch ein Orestor 100mm/2.8, ein Sucher EVF II sowie ein Blitz SF24D in der Tasche. Um das Equipment soll es in diesem Artikel jedoch nicht gehen, sondern nur um die Utensilien um Kamera, Objektiv & Blitz herum.

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Batterien & Akkus

Neben vielen Dingen, auf die ich unten noch zu sprechen komme, wiegen Akkus und Batterien nun doch zu viel, als dass man deren Gewicht einfach ignorieren koennte. Wenn ich weiss, ich bin nur tagsueber unterwegs, brauche kaum den elektronischen Sucher (EVF) und das Display ohnehin nicht, dann bleibt der Ersatzakku tatsaechlich im Hotel. Auf noch kuerzeren Trips sowieso. Nach meiner Erfahrung kann ein guter Fotoakku einen Tag ganz locker wuppen. Ein frischer Leica M-Akku mit 13.2Wh hat dann immer noch einen weiteren Tag Sicherheit. Moeglicherweise ist das ein Vorteil von Messsucherkameras gegenueber Kameras mit rein elektronischem Sucher ? Aber auch eine DSLR wie die 5DMkII schafft das, wenn auch mit etwas weniger Sicherheit hinten raus.

Meist hab ich Blitzbatterien (2 x CR123) dabei, aber eigentlich nur, weil die immer in der Tasche sind. Diese Batterien sind gewoehnlich immer dann leer, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann und da mein Blitz keine Statusanzeige hat, lass ich die lieber in der Tasche.

Tuecher

Sind wirklich wichtig und die habe ich tatsaechlich immer dabei. Dazu gehoert ein sauberes Tuch, das idealerweise antistatisch ist und mit dem man aber auch mal Regen von der Kamera wischen kann - und dann natuerlich Optik-Putztuecher von Zeiss.

Sicher gibt es noch andere Hersteller, aber Zeisstuecher riechen nicht so entsetzlich nach Klostein und bleiben eeewig feucht. Aus billigen Brillenputztuecherverpackungen diffundiert der Alkohol schon sehr schnell in die Umgebung. Zeiss-Packungen kann ich nach 3 Jahren aufmachen und die Tuecher sind immer noch feucht (ausprobiert).

Drahtausloeser

Den brauch ich zugegebenermaszen sehr selten, aber wenn, dann geht es auch nicht ohne. So z.B fuer Shots ueber Zaeune oder aehnliche Gelegenheiten, bei denen man sich enorm verrenken muesste und dann natuerlich fuer Bulb-Aufnahmen. Zwar hab ich eine sehr ruhige Hand, aber der Drahtausloeser gibt mir bei etwas dunklerer Umgebung zusaetzlich ein paar wertvolle Zehntelsekunden. Da rein mechanisch, verbraucht er natuerlich keinen Strom und wiegt fast nichts.

Graukarte

Davon hab ich zwei in der Tasche. Eine so gross wie eine Visitenkarte und dann noch eine „richtige“ mit 6x4“. Wenn man seine Ferienwohnung in Florenz mit goldenem Abendlichteinfall, Deckenbeleuchtung und Ponte Vecchio hinter dem Fenster stimmungsvoll fotografieren moechte, dann kommt man um ein bzw. zwei Karten nicht herum. Dieses Video zeigt wie das geht: VIDEO. Mal ganz abgesehen vom Weissabgleich, ersetzt die Graukarte auch ganz hervorragend einen externen Belichtungsmesser. (Die Leica hat ja bekanntlich eine Graukarte auf dem Verschlussvorhang.)

Sowohl zu Graukarte, als auch zu Drahtausloeser waere vielleicht noch anzumerken - auch wenn ich laengst aus dem Alter raus bin - wer damit ankommt, hat die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts bereits in der Tasche. Normalshooter haben da keine Chance … wirklich nicht … Und nein, ein Testosterongriff an der DSLR bewirkt eher das Gegenteil.

Visitenkarten

Wer sich mit Graukarte und Drahtausloeser exponiert, der wird oefter nach einer Visitenkarte gefragt. Auch ohne Hahnenkamm, hier in Asien geht es ohne Karte nicht. Ganz abgesehen davon, schafft es Vertrauen zu den Fotografierten, wenn man sich auf diese Weise ausweisen kann. Und gelegentlich kommt es sogar vor, dass man auf diese Weise Kontakte knuepft, die spaeter geschaeftlich wertvoll werden.

Notizbuch

Das ist m.E. das wichtigste Utensil. Ich hatte schon mal im Podcast erklaert, dass ich mir vor dem Ausloesen fuer jedes einzelne Bild einen Titel ueberlege. Das ist eine mentale Sicherung gegen Scheissbilder. Ueblicherweise sind diese Titel eher temporaer. Manchmal gefallen sie mir aber auch so sehr, dass ich sie unbedingt notieren muss.

Wie eben schon bei der Visitenkarte angemerkt, kann Fotografieren sehr kommunikativ sein, evtl. moechte jemand Bilder gesendet bekommen, man will sich was zum Motiv notieren, evtl. Anekdoten fuers Fotobuch, Wegskizzen … usw. usf.

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Ich habe einen enormen Verbrauch an Notizbuechern und schaetze das Buch als genauso wichtig wie das Objektiv ein. Ohne geht es nicht !

Wie beim Objektiv kommt es natuerlich auf die Qualitaet an. Notizbuecher mit Klebe- oder Fadenbindung sorgen recht bald fuer Verdruss. Spaetestens dann, wenn man mal ein paar Seiten aus dem Buch gerissen hat. Diese Buecher loesen sich schnell auf. Die sehen im Laden oder dem obligaten YT-Video vielleicht schick aus (und der Hipster kann eh nicht ohne), aber in der wirklich wirklichen Realitaet da draussen taugen sie nix. Moleskin hat deshalb den Seiten eine Sollreissstelle spendiert. Reisst man Seiten heraus, bleiben Struenke zurueck. Je nachdem wieviel man „extrahiert“ … sehen die Seitenstruenke irgendwann bloed aus und so 100% zuverlaessig funktioniert die Sollreissstelle ebenfalls nicht.

Ringbindung ist in der Tat die nachhaltigste und schoenste Loesung. Seiten, die ich entferne sind ohne Spuren wirklich weg. Ich kann enorm viel Kram zwischen die Seiten packen, die Hoehe passt sich jeweils an. Ausserdem koennen die Ringe auch gleich den Ballpen aufnehmen. Neben dem schwarzen Ballpen habe ich immer einen Druckbleistift dabei. Das ist besonders praktisch, wenn mal was durchpausen moechte. Was haeufiger vorkommt, als man denkt …

Aehnlich wichtig ist der Einband. Kunstleder wird sehr schnell sproede und entfaerbt sich zu allem Ueberfluss auch noch. Das ist besonders bei schwarzen Einbaenden aergerlich. Hartpappeinbaende bzw. Deckel werden zwar speckig und ich kritzel sogar gelegentlich darauf, aber sie altern irgendwie wuerdevoller, als eine sonnenempfindliche Plastikbeschichtung.

Ob die Buchseiten nun Linien, Kaestchen bzw. Punktraster haben oder die Seiten gar blank sind, halte ich fuer ziemlich nebensaechlich. Evtl. ist blank besser, wenn man noch ein bisschen malen will … oder man sich nicht entscheiden kann ? Ich benutz mal dies und mal das und konnte bislang keine Vor- oder Nachteile entdecken. Wichtig ist allerdings ein an den Oesen im Rueckdeckel befestigter Gummi, um die Seiten und den weiteren Inhalt zusammenzupressen. Denn mit der Zeit wandern auch Klebezettel, Tickets, sogar Blaetter von Pflanzen und Wasweissich in die Buecher. Damit das alles drin bleibt, ist so ein Gummi unverzichtbar (*gnihihi*).

Seit ca. 10 Jahren verwende ich die A6 Notizbuecher von Muji. In DE gibt es die z.Z. wohl nur mit 70 S. Punktraster, was die beschriebenen Moeglichkeiten etwas eingrenzt. Hier in Asien gibt es etwas mehr Auswahl. Dennoch decke ich mich jedes mal mit einem ganzen Schwung ein. Ich ueberlege schon eine Weile, ob ich mir nicht mein eigenes Buch anfertigen lasse. Moeglichkeiten gibt es hier genug. Es gibt so ein paar Kleinigkeiten, die ich gerne aendern wuerde … na mal sehen.

Apps

Immer wieder wird mir wegen meines obsessiven Notizbuecherverbrauchs vorgehalten, ich koennte doch irgendwas elektronisches wie Evernotes, Photographer’s oder aehnliches benutzen. Ich hab das alles ausprobiert und dabei wahrscheinlich mehr Geld ausgegeben als fuer 20 weitere Buecher. Das Fazit ist: das ist alles nix !

Der Unterschied zwischen Notizbuechern aus der Realwelt und den Surrogaten aus der Unterhaltungswelt, ist wie ein Plachutta zu McDonalds oder das Gerbeaud zu Starbucks. Letztere geben immer nur vor, etwas zu sein. Sie sind jedoch nur Potemkinsche Doerfer fuer Menschen mit Fantasiemangel. Es gibt dort weder wirkliches Essen noch echten Kaffee, sondern nur die Karikatur einer Idee, was Essen und Kaffee - bzw. Restaurant und Kaffeehaus - sein soll.

Genauso verhaelt es sich mit echten Notizbuechern zu Evernotes&Gedoens. Letztere sind weitgehend unpraktisch, antiseptisch, hässlich, nervend und gaengelnd. Fuer diesen Nicht-Nutzen soll man am Ende bezahlen und sein Werk ggf. sogar teilen. Aber noch schlimmer, sie fuellen meine Lebenszeit nicht mit Genuss an, sondern verschwenden sie mit Missvergnuegen. Falls sich jetzt jemand fragt … ich verbrauche so 1-2 Notizbuecher pro Monat.

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Ich sehe den Nutzen von Smartphones in der Unterhaltung. Man kann damit spielen, Filme schauen, sein Selbst darstellen, Podcasts hoeren, eBook lesen, neusten Gossip austauschen … Nur ein kleiner Bereich geht ueber den reinen Konsum hinaus. Ich kann z.B. navigieren, schnell was im Internet finden und evtl. sogar mit jemanden telefonieren. So nutze ich das GPS manchmal, um meinen Standort fuer Fotos zu dokumentieren. Dennoch habe ich alle weiteren Apps - bis auf eine - die mir beim Fotografieren helfen sollten geloescht. Das letzte verbliebene Programm ist der Sun-Surveyor und den benutze ich relativ haeufig.

Fazit: Es braucht nicht viel um auf Fotopirsch zu gehen, ein bisschen Technik, ein bisschen Chi Chi und ein Notizbuch. Das Smartphone kann man getrost zu Hause lassen.

 

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