Eigentlich heisst es ja Tiefenschaerfe.

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

croiiEs regnet draussen und ich hab gerade mal wieder in meinem alten Croÿ geblaettert und dabei bin ich auf die „Tiefenschaerfe“ gestossen. Dazu muss ich sagen, dass ich rein gewohnheitsgemaess immer von „Tiefenschaerfe“ spreche und das „Schaerfentiefe“ mir nur schwer ueber die Lippen kommt. Eigentlich nie. Natuerlich werde ich bei Gelegenheit von korrekten deutschen Kollegen gerne darauf hingewiesen, dass es ja eigentlich „Schaerfentiefe“ hiesse. Heisst es natuerlich nicht ...

In der Wikipedia hat man sich geeinigt, dass beides richtig sei. Und wenn das in der Wikipedia steht, dann kann man getrost misstrauisch sein. Immerhin fuehrt WP dazu die Norm „Din 19 040 Blatt 3“ an. Ob das „Blatt 3“ richtig ist, kann ich nicht sagen, da mir die Norm nicht vorliegt, aber es handelt sich vermutlich eher um die DIN 19 040-2 „Begriffe der Photographie; Allgemeine technische Begriffe für photographische Verfahren und Techniken“ (1). Uebrigens WP - diese Norm wurde schon vor einigen Jahren zurückgezogen. Vielleicht moechte man bei DINs endlich die Rechtschreibung korrigieren oder einige digitale Dinge anpassen ?

croii

Die croÿsche Tiefenschaerfe-Definition ist tatsaechlich mit der der Schaerfentiefe identisch.

Eine Norm ist einem Gesetz sehr aehnlich und wird, wie eben dieses auch, von Menschen gemacht. Da fliessen also nicht nur Sachverstand und Weitsicht, sondern eben auch Eitelkeit und Eigeninteresse ein. Wenn diese Einflussnahme zu offensichtlich wird, dann kickt man die Norm wieder. „Abgasuntersuchungen“ waere so ein Thema … und „Schaerfentiefe“ m.E. auch.

Das Problem (an verregneten Herbsttagen) ist gar nicht so sehr, dass der eine Begriff besser sei als der andere, sondern dass tatsaechlich zwei unterschiedliche Dinge gemeint sind. Und deshalb wird in den Foren auch immer bis aufs Messer diskutiert. Die eine Fraktion besteht freundlich aber bestimmt auf die Wahrheit, „Herr lasss Hirn regnen, der Aldi liegt links !!!“ und die andere Seite argumentiert Weise dagegen „Du Nixmerker, der Lidl liegt rechts !11“.

Wenn ich von Tiefenschaerfe rede, dann habe ich mitnichten hyperfokal, CoC und Offenblende im Kopf, sondern einen sehr konkreten Eindruck, welchen Tiefeneindruck ein Bild machen soll.

Wolfgang Schmidetzki brachte das wunderbar auf den Punkt (2):

„Schärfentiefe ist ein Längenmaß. Es wird z. B. in mm angebenen.
Es bezeichnet die Entfernung vor und hinter dem Fokuspunkt, der noch scharf abgebildet wird. Die Schärfentiefe hängt von der Blende und der Brennweite ab.

Tiefenschärfe beschreibt dagegen die "Qualität" der Schärfe (in der Tiefe - oder des Hintergrundes). Sie ist "gering oder hoch". Tiefenschärfe ist als Begriff mit Bewegungs(un)schärfe vergleichbar. Bewegungs(un)schärfe kann man ebenfalls nur qualitativ als hoch oder niedrig beschrieben. So ist es auch mit Tiefenschärfe. Die "Schärfe in der Tiefe" kann gering sein (der Hintergrund ist verschwommen) oder groß sein (Hintergrund ist scharf).“

Ersteres ist ein klassischer Pixelpeeperbegriff, wie es sie auch schon zu Analogen Zeiten gab. (Damals hiessen sie wahrscheinlich Kornausmesser oder so.) Also ein klar quantifizierbarer Begriff, der weder Interpretation noch Diskussion zulaesst. Sowas passt eigentlich auch ganz wunderbar in eine deutsche Industrie-Norm.

Letzteres, also Tiefenschaerfe, ist das, was mir als Fotograf entgegenkommt. Er bezeichnet einzig die Anmutung. Die Schaerfentiefe kann durchaus z.B. 1m sein und ich beschreibe die Tiefenschaerfe mit „sehr gross“. Der Fotograf weiss mit „grosser Tiefenschaerfe“ was anzufangen, aber mit einer „Schaerfentiefe von 1m“ nur relativ wenig, wenn man nicht noch sowas wie „mein 70-200 mit Offenblende“ oder aehnlichem Kokolores hinzufuegen wuerde. Und der geneigte Leser kann sich dann noch gleich anhand seines DOF Calculators die richtige Entfernung zu seinem Motiv ausrechnen.

Womit wir auch schon bei falschen Freunden waeren. Haeufig gibt man in den diversen Calculatoren eine ominoese „Entfernung zum Subjekt“ ein. Gemeint ist die Entfernung des Motivs. Subjekt als (ueberfluessiger) Anglizismus des Substantivs Subject ist ein klassischer Falscher Freund, wie Streetworker, Beamer oder Public Viewing. Diverse Rechtschreibhilfen geben eine sehr klare Antwort:

subject {adj}
   untertan
   dienstbarhist.
to subject sb./sth.
   jdn./etw. unterwerfen
subject [topic]
   Thema {n}
subject
   Schulfach {n}educ.
   Unterrichtsfach {n}educ.
   Subjekt {n}ling.philos.
   Studienfach {n}educ.
   Fachrichtung {f}acad.educ.
   Motiv {n} [Gegenstand einer Fotografie, eines Gemäldes oder eines literarischen Werkes]artlit.photo.
   Satzgegenstand {m}ling.
   Lehrfach {n}educ.
   Gebiet {n}acad.

Im Englischen kann man durchaus Subject sagen – im Deutschen ist es schlicht falsch. Darueber hinaus, sollte das Motiv eine Person sein, so ist dies nicht nur ein sinnentleerter Begriff, sondern auch direkt beleidigend - „Sie Subjekt, Sie!“ (Friedrich II).

(1)http://www.din.de/dinrel14/servlet/page/din-de/mitwirken/normenausschuesse/nvbf/normen/wdc-beuth:din21:1723877/quotedBy?hits=10&page=0

(2)http://wolfgang.schmidetzki.net/blog/archives/2009-12/tiefenschaerfe_vs_schaerfentiefe.int.html

 

  • Martin Messmer

    Schärfentiefe ist eine TIEFE, eine Strecke etwa auch,in der es mehr oder weniger scharf ist. Mathematische Sorte ist [mm]. Tiefenschärfe ist eine gewisse SCHÄRFE, die irgendwo in der Tiefe ist. Sorte = ?? (wie misst man Schärfe?) … Es kommt ja auch darauf an, ob wir Regenschutz oder Schutzregen sagen :-)) Schärfentiefe ist korrekt, sobald wir nach einer Tiefe bzw. nach einem Bereich fragen, wo wir Schärfe (dem Schärfeneindruck nach) vorfinden … mathematisch und sprachlich … und dies wird allermeist gemeint, wenn mit diesem Begriff etwas formuliert wird …

Leave your comments

Post comment as a guest

0
terms and condition.