Scannen war gestern - Dias digitalisieren.

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

cop 1Schon seit Jahren trage ich mich mit dem Gedanken, die Diasammlung meines Vaters zu digitalisieren. Es handelt sich, wie ich jetzt genau sagen kann, um 5,384 Dias, von denen die ersten noch aus den 50ern stammen. Leider war das DDR-Filmmaterial (überwiegend ORWO UT18) nicht besonders stabil und die Lösung dieses Problemes drängte zusehens. Erschwerend kam hinzu, dass fast alle Dias verglast waren und sich zwischen dem Glas Ausgasungen befanden, die sich nun als Tröpfchen niederschlugen. 

Wie üblich bei Vorhaben dieser Art hab ich erst mal nach einem Dienstleister gesucht. Überraschenderweise gab es da gar nicht so viele. Nach diversem Herumgefrage in den »sozialen« Netzwerken hat mir dann Christophe Halatek von http://www.scannemeinefotos.de ein sehr vernuenftiges Angebot gemacht. Mit allem Drumherum (3,600dpi, Ordnerstruktur, Tiff auf HD, Transport etc...) Hätte der Spaß ca. 2,000EUR gekostet. Ich hätte das Angebot auch angenommen, wenn ... ja wenn ... 

Mein Vater wollte partout nicht, dass die Dias auf eine Reise geschickt werden. Er sorgte sich vor allem darum, dass die Bilder nicht wieder in der richtigen Reihenfolge in die Kästen gelangen. Dazu muss man wissen, dass in jedem Kasten von je 100 Dias auch immer ein Index eingeklebt war. Bei der späteren Metadatenvergabe, waere es schlimm, wenn diese Ordnung durcheinander kaeme. Am besten wäre es gewesen, wenn der Dienstleister vor Ort ist und immer peu à peu die Kästen abholt und zurückbringt - natuerlich wohlsortiert. Einen solchen Dienstleister findet man vielleicht in Frankfurt, Berlin oder München - jedoch keineswegs im beschaulichen Rostock.

Mein zweiter Gedanke war dann, mit diesem Budget im Kopf, jemanden aus dem Bekanntenkreis zu gewinnen, der zum einen ueber die benötigten Scanner (z.B. auf Arbeit) und zum anderen über das Know How verfügt. Eine Freundin in Berlin hat gleich wieder abgewunken, als sie die Menge hörte und ein Freund in Rostock konnte das zeitlich nicht einrichten. Mehr hab ich nicht gefunden ... und bei der Gelegenheit merkt man dann auch, wie sehr sich der Freundeskreis ueber die Jahre auf die ganze Welt verteilt hat und wie wenig Myzelien man noch in der alten Heimat hat - aber das ist eine andere Geschichte.

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Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich mir über die Technik noch keine Gedanken gemacht. Scannen, so dachte ich, wäre die eine richtige Möglichkeit. Der Gedanke, mir einen Gucki vor die Kamera zu schnallen und auf diese Weise mal eben 5,000 Bilder abzufotografieren, kam (und kommt) mir völlig absurd vor. Allerdings war das formatfüllende Abfotografieren mit einer Kleinbildkamera durchaus interessant. Rein rechnerisch kommen da bei der 5dMkII ca. 3,962 dpi heraus. In der Praxis gelingt das zwar nicht (und ist eh von der Auflösung der Objektive abhängig), aber mit dem Kompromiss konnte ich leben. 

Einige Anleitungen, die ich im Netz dazu gefunden habe, kaprizierten sich auf das teilautomatisierte Abfotografieren von einem Projektor(Bild) (http://goo.gl/8Q3UKf und http://goo.gl/Pv70NU). Das ist zweifellos eine sehr bestechende Loesung. Was mich daran stoerte, waren zwei Dinge: Erstens, ich muss mir irgendwas zusammenbasteln bzw. basteln lassen. Was OK ist, wenn ich die Zeit dafuer haette. Hab ich aber nicht, da für dieses Vorhaben nur ein paar Tage eines eh knapp bemessenen Europaaufenthaltes herhalten mussten. Zweitens wiegt noch schwerer: Das Durchgeroedel mit Kassetten funktioniert nur mit Dias annähernd gleicher Bauart. Da man in der DDR zusehen musste, wo man Rähmchen her bekam, enthielt jeder Kasten eine Melange unterschiedlichster Rähmchen, mit diversen Abmessungen und Toleranzen sowieso. Die Chance auf einen 6er im Lotto ist höher, als das ein Kasten klaglos durchroedelt.

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Die dritte Variante im Abfotografieruniversum war die klassische Reprotechnik mit Leuchtkasten. Man findet im Netz einige horizontale Vorrichtungen. Ich hab das probiert und halte das für groben Unfug. Wenn ich ein Dia erst mit einer Vorrichtung gegen Verrutschen aufgrund der Schwerkraft sichern muss, taugt schon der Ansatz nicht. Die Idee dahinter war vermutlich, einen Einstellschlitten (den man ja eh hat) zu nutzen. (http://goo.gl/YiNX78 und http://goo.gl/6Ed2wT). Ein vernünftiges Reprostativ haben dagegen deutlich weniger Leute mal so rumstehen. 

Also hab ich hier mit einem Reprostativ chinesischer Bauart aus den 60ern probiert und war sofort begeistert. So ein wuchtiger, gusseiserner Trumm mit Mikrometerverstellung mag heute einige Kilo-EUR kosten und ist sicherlich so übertrieben wie mit ICBM auf Haarläuse zu schiessen, aber dies hat mir dann schon die richtige Richtung gewiesen. Die entscheidenden Punkte bei all diesen Reprostativ+Tisch-Lösungen sind die Verbindung zwischen Grundplatte und Stativ, sowie die absolute Zuverlässigkeit der Höhenverstellung. Immerhin hängt am Arm eines solchen Stativs ein Gewicht von ca. 1.5kg (z.B. 5dMkII 810g + EF100mm/2.8Macro 600g). Kein Mensch moechte, dass die Spiegelvibration oder eine vorbeifahrende Straßenbahn das Bild kaputt macht.

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Ich hab mir auf dem hiesigen Fotomarkt diverse senkrechte Lösungen angeschaut und dabei wieder die Erkenntniss aufgefrischt, dass Qualität eben doch ihren Preis hat.  Alle vermeintlich »preiswerten« Lösungen entpuppten sich am Ende als billig - respektive unbrauchbar. Leider gibt es auch fuer Reproloesungen keine Preis-Grenze nach oben. Ganz schnell ist man einige tausend EUR los. Diese Systeme haben sicher ihre Berechtigung für die entsp. Einsatzfaelle, aber für meinen speziellen Bedarf konnnte ich durchaus einige Kompromisse machen. Am Ende bin ich beim Kaiser Reproständer RS 2 XA 5411 gelandet. Entsprechend habe ich auch die geeignete Leuchtplatte Kaiser slimlite - Lichtbox, 2448 und das passende Kaiser Netzteil für Slimlite 2447/2448 LED Light Box bestellt.

In Rostock angekommen, hab ich das Esszimmer meiner Eltern in Beschlag genommen und war dann doch überwältigt von der schieren Masse an Dias. Nach kurzem Probieren waren die Einstellungen klar und ich konnte loslegen. Als Dia-Halter bzw. Arretierung habe ich ein altes Mauspad zerschnitten. Das Mauspad war an die Leuchtplatte getaped und diese wiederum an die Grundplatte. Man sollte auf jeden Fall nur den Diabereich beleuchtet lassen und alles andere Licht abdecken - auch den Rand zwischen Diarahmen und Mauspad. Das bringt ganz erheblich Schaerfe. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich im Netz verschiedene Videos von vermeintlichen Profis sehe, die das Dia nur an einer Ecke fixieren und so das Restlicht der Leuchtplatte munter in die Linse streut. Das ist kaum praxisnah. 

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Aus naheliegenden Gründen habe ich eine moeglichst kleine Blende (z.B. 8) gewählt. ISO war auf 100 eingestellt und Belichtungszeiten waren entsp. lang (z.B. 1/6s). Erwartungsgemäß ist das Fokussieren das eigentliche Problem. Dank CaptureOne Pro 9.0.3 und Tethering mit Liveview konnte ich am Bildschirm die Schärfe im Fluss kontrollieren. Gerade an diesem Punkt hab ich mich riesig ueber das Kaiser-Geraet gefreut. Selbst nach der Mittagspause sass der Fokus immer noch da, wo ich ihn vor zwei Stunden eingestellt hatte. Und dass, obwohl ich den Arm zwischenzeitlich mal mit 2kg (5dmkII + 24-70 + Zwischenring) belastet habe.

Noch ein Wort zum Lichtpanel. Die 1,650cd/m2 bei 5000K des Slimlite reichen für Dias und für meinen Anwendungsfall völlig aus. Wer es dennoch richtig krachen lassen will, der kann sich das Prolite scan SC anschauen. Das ist besonders dann sinnvoll, wenn man die Scannerei bzw. Abfotografiererei etwas professioneller und auf Dauer betreiben will. Der entscheidende Vorteil ist, dass die Belichtungszeiten deutlich kleiner werden können und das bringt weitere Schärfe.

Nach 3 ½ Tagen waren alle Dias abfotografiert. CaptureOnePro war im Sessionmode (naturgemäß bei Tethered Shooting) eingestellt. Am Ende eines jeden Kastens habe ich dann noch den Index mit einer weiteren Kamera fotografiert und später den Index dem Kasten zugeordnet. Die Zuordnung der Bilder zu einem konkreten Kasten erfolgte über separate Alben. Das geht natürlich am besten mit Smartalben, wenn man zu Beginn eines neuen Kastens die Metadaten und so die Kastennummer einstellt und auf die folgenden 99 Bilder automatisch uebertragen laesst.  

Ideal wäre es gewesen, wenn man den Job zu zweit gemacht hätte. Einer hätte die Dias gemanaged und der andere CaptureOnePro.  So musste ich jedes Dia einlegen, mich zum Computer umdrehen, Aufnahme einstellen, ausloesen, wieder umdrehen, Dia zurück in den Kasten, nächstes Dia - nach der Zeit hatte ich ein Schleudertrauma .. oder so.

3 ½ Tage klingen relativ viel (war es auch), aber gemessen an der üblichen Scangeschwindigkeit z.B. des Nikon CS5000, ist diese Lösung die mit Abstand schnellste. Selbst wenn man annimmt, dass der Scanner alle Kassetten klaglos inhaliert, hätte ich immer noch ca. +1.5min pro Dia (2,800dpi+ICE). Das wären insgesamt ueber 140 Stunden reine Scanzeit! So kam ich auf gerade mal ca. 20sec pro Dia. Mit zwei Leuten hatte sich die Zeit auf <10s verkleinert und man hätte sich nebenbei noch einen Schwank aus seinem Leben erzählen können. Ich hätte gerne eine 5Ds oder ähnliches zur Hand gehabt, dann wäre die Auflösung am Ende jenseits der der üblichen Scanner gewesen ...naechstes mal. 

Fazit: Abfotografieren statt scannen! Mit den modernen DSLR >25Mpix, einem guten Makro, CaptureOnePro und dem geeigneten Equipment, sind die seinerzeit üblichen Scanner völlig obsolet geworden - auch aus Kostengesichtspunkten. Die Projektorvariante würde sogar eine vergleichbare Automatisierung erlauben. Schneller ist man allerdings im Team und mit der geschilderten klassischen Reproloesung.

PS: Ich wollte mein Fluggepäck zurück nach Asien nicht mit dem Ständer bzw. der Grundplatte belasten und hab daher alles in Deutschland gelassen und auf eBay eingestellt. Wer sich dafuer interessiert ... http://www.ebay.de/itm/322001697205 und hier http://www.ebay.de/itm/322001772064


Kurzer Nachtrag: Ich wurde gefragt, wie das mit der Befestigung auf dem Lichtpad konkret aussieht. Ich habe unten mal eine Skizze dazu gemacht. Der Ausschnitt im Mauspad fuer das Dia ist am Rand des Pads. Da die Raehmchen alle unterschiedlich gross sind, bleibt mal eine groessere bzw. kleinere Luecke zwischen dem Rahmen und dem Mauspad. Dieses Licht wuerde in das Objektiv streuen, was natuerlich nicht geht. Entsprechend habe ich dazu aus Cardboard eine Maske ausgeschnitten, welches diese Lichtlecks abdeckt. Am Ende kommt das Dia in eine Art Tasche. Natuerlich muessen Lichtpad, als auch Mauspad und die Maske gegen Verrutschen gesichert werden - idealerweise mit doppelseitigem Klebeband.

 

 

  • Ja genau, den Dupli° meinte ich. Die Blitzröhre ist problemlos und wechselbar. Ich komme immer auf f16 und es passt mit dem Aufwand: rausholen Dia einlegen... fertig. Trotzdem find ich deine Variante recht gut :)

  • Wäre da nicht ein Multiblitz Color-Diaduplikator "DUPLI" gut gewesen?

  • Ich vermute du meinst das Ding hier Dupli ? Das waer ohne Zweifel auch gegangen, aber die Leuchtplatte lag etwas naeher. Das Schnippeln des Mauspads sieht komplizierter aus, als es in Wirklichkeit war.
    Ich kannte das DUPLI nicht, aber es scheint schon ein bisschen in die Jahre gekommen zu sein. Gerade bei Blitzroehren waer ich da skeptisch. Vermutlich haette ich auch mit Kenntnis des Dupli wieder die Leuchtplatte genommen.

  • Paul

    Moin Sven, auch ich habe vor ein paar Jahren eine Diasammmlung abfotographiert. Und zwar meine eigene Reisediasammlung aus den 70er und 80er Jahren, immerhin auch so 2500 Stück. Ich habe gleich gewußt, daß ich Abstriche in der Qualität hinnehmen will, um schneller fertig zu werden. Ich habe also die Kamera aufs Stativ geschnallt und das auf ein Leinwand an der Wand projizierte Bild abfotographiert, inklusive einer leichten Verzeichnung, da ich nicht senkrecht fotographieren konnte. Denn da stand ja der Projektor.
    Die Arbeit ging allerdings erst richtig in der Bearbeitung los: Jedes Bild croppen und tausende von Stäubchen und Härchen entfernen. Ich hoffe, daß sich bei Dir nicht so viel Schmutz angesammelt hat.
    Hau rein!
    Schüchterne Anfrage: Der Podcast....?
    Gruß von
    Paul

  • Hallo Paul, entschuldige die spaete Antwort, aber ich bin mal wieder etwas im Stress. Firmenumbau, Chin. Neujahr, Deutschlandtour und dann noch zwei 1/2 fette Projekte waren etwas zuviel fuer den Podcast ... Um auch gleich auf die letzte Frage einzugehen; ja, es geht weiter. 3 Themen sind schon produziert. 2x geht es um Erneuerbare Energien in Taiwan und 1x um Fotografie (das Interview mit HGEsch in voller Laenge).

    Zum eigentlichen Thema Staub. Da steht - oh Koinzidenz - tatsaechlich auch gerade was bei Heise zu http://goo.gl/06vIrG ... leider hinter einer unakzeptablen Paywall. Der Anreissertext reicht aber, um sich ungefaehr klar zu machen, wie das Prinzip ist. Wie gesagt, ich hab den Artikel nicht gekauft, aber ich stell mir das so vor, dass eine Kamera den Infrarotkanal fotografiert und eine andere das RGB. Beide sind aehnlich wie eine Stereokamera z.B. an einem Reprostaender angebracht. Die leichte Parallaxenverschiebung wird z.B. mit PS wieder rausgerechnet und mit dem I-kanal und dem RGB erhalte ich dann ein RGBI, wobei I vor allem die Staubdaten enthaelt und als Maske fue die RGB Teile verwendet werden kann. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mit der Verbreitung des Abfotografierens im Vergleich zum Scannen, diese Methode auch bald kommerzialsiert wird und es entspr. Software geben wird.

    Bis dahin bleibt einem (so wie Dir und mir) nur der Weg ueber das muehsame Wegstempeln der Fusseln und Staeube ...

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