CaptureOnePro vs. XYZ ... Was ist eigentlich das Problem?

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

presss kit vDieses Post ist eine etwas allgemeinere Betrachtung dieser ewig nervenden Dueserei, welcher RAW-Entwickler denn nun der einzig Wahre sei. Vorab einen kurzen Disclaimer. Es geht mir nicht um Lightroom(LR) vs CaptureOnePro(COP) vs DarkTable(DT) vs Aperture(AP) ... wer ist besser(?) ... und so Kram. COP macht nicht bessere Bilder. Ich kann mit allen Programmen aehnliches erreichen. Nur der Weg dahin unterscheidet sich zuweilen betraechtlich. Ebenso wie der generelle Einsatzzweck, die Weiterverwendung usw. Die ganze Diskussion ist eigentlich gar nicht die Frage nach dem Entwickler/DAM, sondern die nach dem Arbeitsablauf. Ich will hier auch nicht fuer COP evangelisieren. Im Gegenteil, der Zustrom zu COP hat die kleine PhaseOne(P1) zeitweise deutlich ueberfordert und es waer evtl. besser, wenn die sich intern entspr. dieser Popularitaet neu sortieren wuerden ... bevor sie sich weiter oeffnen.

Es gibt viele Gruende, warum man sich fuer einen (neuen) RAW-Entwickler interessiert. Man hat z.B. gerade mit dem Fotografieren angefangen und die mitgelieferte Software des Kameraherstellers passt nicht so recht oder der bisherige Hersteller hat das Geschaeft aufgegeben oder die Firmenpolitik gefaellt einem nicht usw. Zum Glueck bieten alle kommerziellen Hersteller Schnupperangebote z.B. ueber 30 Tage an. Bei FOSS wie DT kann man sich sogar unendlich lange Zeit lassen. Natuerlich kann man sich auch fragen, ob es ueberhaupt moeglich ist, sich innerhalb von 30 Tagen, auf einen komplett neuen Arbeitsablauf einzustellen, bzw. sich von einem alten zu verabschieden.

So geht es nicht!

Ich halte das in der Form, wie die meisten dies versuchen, fuer beinahe unmoeglich. Gerade beim Umsteigen. Denn dagegen steht evtl. eine viele Jahre XYZ-Erfahrung, die, so wie bei mir COP, irgendwann zu festen Verdrahtungen gefuehrt hat. Ich habe tatsachlich immer mal wieder LR und AP probiert und war am Ende des Tages reichlich angenervt - ueber deren grausige Unlogik - so meinte ich. Ich probiere privat auch mit DT und Lightzone herum - und auch dort bin ich gelegentlich am Verzweifeln. Den eklatanten Fehler, den die meisten machen, ist, dass sie einen (Feature)Vergleich der Software A oder besser des Toolsets A, mit dem Toolset B machen.

Ich sehe exakt dieses Problem regelmaessig bei den Studenten, die beinahe alle, schon aus Preisgruenden (auch ein Feature), lieber mit LR arbeiten. Die meinen auch, sie waeren total flexibel, offen ... und dann fragen sie schon beim Import nach der oder der Funktion, welche sie von LR oder AP her kennen. So wird das aber nichts. Die Fotografieklassen werden von P1 unterstuetzt und entspr. haben wir auch genuegend Lizenzen zur Verfuegung, die jeden Studenten heranfuehren koennte. Also auch ueber die 30 Tage hinaus.

Und genau da sehe ich dann sehr deutlich, wie kompliziert es zu sein scheint, sich von seiner RAW-Entwickler-Sozialisation, also der festen Verdrahtung, zu loesen. Typisch z.B., »Warum kann ich Doubletten beim Import nicht verhindern.? - Ja, weil es zu (m)einem Workflow nun mal gehoert, dass ich fuer jede Session/Projekt frisch formatierte und getestete Karten mitnehme. Ich behandle Karten wie Film.« Ich wuerde auf diese Frage - bei meinem Arbeitsablauf - schlichtweg gar nicht kommen!

Alle Programme in den Toolsets, die man als Fotograf/Fotobearbeiter/Fotojournalist taeglich innerhalb des Arbeitsablaufs (vulgo Workflow, sprich Wörkfloh) zur Hand nimmt, haben ihre eigenen Konzepte. Die koennen sehr haeufig gar nicht auf eine andere Software uebertragen werden. Sehr typisches Beispiel sind die Sessions in COP. Der potentielle LR-Wechsler denkt sich oft, »Ah OK, Session ist fuer Tethered und irgendwie katalog- bzw. datenbankfrei. Der Katalog in COP entspricht wohl ungefaehr dem in LR.« Dem ist jedoch nicht so. Erstens enthaelt auch die Session eine Datenbank (mithin einen Katalog) und zweitens gibt es im Katalog-Modus wiederum drei grundsaetzlich verschiedenen Katalogtypen, von denen LR aber nur 2 kennt und AP einen weiteren Katalogtyp. 

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cosessiondb steht fuer Capture-One-Session-Datenbank. Die Bilder koennen (muessen aber nicht) in diesem Template einsortiert sein. Spaeter koennen die Sessions dann per Dag&Drop z.B. in einen United Catalogue als Projekt eingefuegt werden. Die Metadaten wie Keywords, Bewertungen, Farbtags ... werden automatisch uebernommen.

Diese Beispiele liessen sich unendlich fortsetzen. Praktisch an jeder Ecke der verschiedenen Pakete begegnen mir neue Konzepte. Z.T. gar nicht so offensichtlich. So macht z.B. Saettigung etwas ganz anderes in COP, als in LR ... oder der Weissabgleich ... usw. Daraus ergibt sich auch schon ein vorlaeufiges Fazit. Der Versuch, einen gewohnten Arbeitsablauf von Software A ueber Software B drueberzubuegeln, ist einen ganz bloede Idee.

Aber es wird noch schlimmer. COP oder irgend ein anderes Programm, steht ja nicht alleine da. Deshalb waere es auch richtiger, von Toolsets zu sprechen. Dazu gehoert u.U. ein externer Bildeditor, ein Archiv- und Backupsytem, eine Onlinegalerie, ein Vertriebssystem mit Fakturierung, ein kollaboratives DAM usw. usf. Und all diese Tools innerhalb des Sets, haben ihre sehr spezifischen Schnittstellen. So ist z.B. die Schnittstelle fuer PS in LR eine voellig andere, als in COP. Oder die MediaPro(DAM) Integration in COP ist bedeutend flutschiger, als z.B. in DT, wie netzwerkfaehig ist mein Katalog bzw. dessen Content ... ?. Ein reiner Featurevergleich von UVW mit XYZ laesst den Anwender beim Wechsel unweigerlich ins Messer laufen, wenn ich nicht auch die Schnittstellen der Software hinsichtlich meines Arbeitsablaufs ueberpruefen wuerde.

So gehts!

Ein voellig anderer Approach waere also: Ich suche einen effizienten(Zeit, Geld, Ressourcen...) Arbeitsablauf, an dessen Ende qualitativ hochwertige Bilder herausfallen. Das setzt voraus, dass ich sofort aufhoere zu vergleichen und mich nur noch genau auf diesen Ablauf konzentriere. Dann beginne ich damit, zwei Welten miteinander zu verschmelzen. Mein Arbeitsablauf in der realen Welt: Projekt machen und terminieren, zum Kunden fahren, on Location culling/rating, Import, Aufgabenverteilung zur Bearbeitung, Archivierung ... Vertrieb, Verkauf, Reklamation, Inkasso ... mit den Moeglichkeiten eines gegebenen Tool(sets). In diesem Fall vor allem mit dem RAW-Entwickler als wesentlicher Bestandteil dieses Sets.

Es nuetzt mir ueberhaupt nichts, wenn ich bei jedem Schritt ueberlege, wie ich das mit LR, DT, AP oder was weiss ich gemacht haette bzw. mache. Zulaessig ist dagegen, wenn ich in gleicher Weise Toolset A, B, C usw., sowie ihre Permutationen betrachten wuerde und dann abschliessend Zeit, Kosten und Ressourcen miteinander vergleiche!

Ich habe festgestellt (an studentischen Versuchstieren), dass dieses Losloesen von altem Kram am besten geht, wenn man die Bedingungen so realitaetsnah wie moeglich gestaltet. Also raus aus dem mal-gucken-und-vergleichen-Modus und direkt auf reale (am besten kommerzielle) Projekte, unter typischem Zeitdruck, auf das gegebene Toolset (und den Kunden) loslassen. Dann zeigt sich, dass alle sich nur noch auf das Wesentliche konzentrieren. Das rumgespiele mit dem UI endet sofort und man erkundigt sich ploetzlich nach Hautton-WB oder aehnlich essentielle Fragen. (Kurzer Einwurf: Natuerlich lassen wir die Studenten nicht ins Messer laufen, die Kollegen stehen - auch vor Ort - mit allem bereit.)

Leute die sich selbst auf diese Weise ins kalte Wasser stuerzen oder eben gestuerzt werden, stellen nach relativ kurzer Zeit, also ein bis zwei Projekten, tatsaechlich fest, welcher Arbeitsablauf bzw. welches Toolset am besten zu ihnen passt.

Ich behaupte hier mal, durch diverse Youtube-Tutorials, Blog-Posts usw., die sich auf den reinen Vergleich kaprizieren, werden Interessierte nie so schnell zu einer tragfaehigen Entscheidung kommen. Mittlerweile denke ich, dass man solche Vergleiche vor allem dann meiden sollte, wenn man ernsthaft was entscheiden muss. Sinnvoll sind sie nur dann, wenn man mal ueber seinen Tellerand hinausschauen möchte. Also quasi als Erklaerung der Form, "Clarity entspricht ungefaehr dem, was in LR unter Vibrancy kennst, aber eben nicht genau." Als Grundlage fuer einen Wechsel sind Vergleiche jedoch so hilfreich, wie die Idee, seine Negative statt in Leitz, nun in Herlitz einzusortieren. Kann man machen, ist aber komplett sinnfrei. Nur weil man mit Adobes Politik nicht klar kommt, nun COP mit Gewalt einen LR-Wörkfloh ueberzuhelfen, fuehrt am Ende zu noch viel mehr Frust.

Idealerweise setzt man sich zu Beginn einer (doch recht weitreichenden) Entscheidung mit einem Blatt Papier und einem Bleistifft hin und skizziert seinen Ablauf und formuliert eine Art Pflichtenheft. Bleistift deshalb, weil man ums Radieren nicht herum kommt. Es wird naemlich sehr schnell klar, dass man - egal wie - Kompromisse machen muss. Die Datenblaetter der einzelnen Programme geben einem hoffentlich eine konkrete Auskunft ueber die realen Moeglichkeiten. Meist jedoch nicht. Heutzutage werden Features und Schnittstellen, die man selber nicht hat, aber dafuer der Mitbewerber, eher durch Marketingsprech umschifft. Nach meiner Erfahrung kommt man um das Probieren nicht herum.

One More Thing: Die neue Schickness

Oft höre ich, »die Software gefällt mir nicht« bei der Entscheidung fuer oder gegen eine bestimmte Software. Bis zu einem gewissen Grad kann ich das Argument verstehen. Wenn es denn eins ist, denn leider ist damit aber oft nicht das GUI insgesamt gemeint, sondern NUR der optische Eindruck. Es gibt jedoch sehr viel gute Software da draussen, die zwar scheiße aussieht, aber ausgesprochen Handy ist. Ich benutze unter OSX, Win & Linux immer noch den Norton-Commander bzw. dessen Klon Midnight-Commander (MC).

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Ich hatte irgendwann Ende der 80er eine Lernkurve damit, aber heute kann ich den mit geschlossenen Augen auf allen Betriebssystemen bedienen, ohne auch nur ein mW an Gedächtnisleistung zu verschwenden. Der Finder hingegen fordert mich heute noch heraus und macht mich regelmäßig fünsch. Einen Schönheitswettbewerb wird MC garantiert nicht gewinnen. Aber wie bei Ugly Betty kommt es eben NICHT auf die Auesserlichkeiten an. Wer darauf z*u*v*i*e*l Wert legt, ist keineswegs ein Ästhet, sondern nur jemand, der mit seiner kostbaren Lebenszeit nichts Rechtes anzufangen weiss. Das Argument ist nur dann gueltig, wenn das grafische Interface die Arbeit erschwert, einschränkt usw. Also sowas wie iTunes ... oder so.

Fazit: Featurevergleiche, egal ob auf Blogs, in Zeitschriften oder auf Youtube, behindern bezüglich einer Entscheidung für einen neuen Arbeitsablauf bzw. eines neuen Programms. Einen funktionieren Arbeitsablauf zu schaffen, ist eine Herausforderung und nicht mal eben mit dem Wechsel einer Software aus dem Aermel geschuettelt. Will man wechseln oder beginnen, braucht es einen Plan ... oder auch zwei ...

 

  • Ich kann Dir da nur Recht geben, bis auf eins:
    Es gibt UIs wo es klickt und UIs wo man da Gefuehl hat als wenn mensch eine Doktorarbeit mit Boxhandschuhen an den Haenden tippen muesste. Und dies hat nichts mit der Qualitaet der Software zu tun, es kommt darauf an wie das Benutzerhirn verdrahtet ist und wenn der Unterschied zwischen dem Benutzerhirn und dem Entwicklerhirn zu gross ist, kommt keine oder nur eine gestoerte Kommunikation zu stande.
    Ein Grund weshalb ich eigentlich immer Software von Firmen kaufe, die Demoversionen anbieten.
    Wichtig ist es Auch, dass der Benutzer sich seine eigene Oberflaeche anlegen kann. Manche Werkzeuge findet man oft nur an der letzten Stelle im dritten Dropdown, und wenn ich dann aber ein Faible fuer gerade dieses Werkzeug habe, sei es aus aestetischen oder technischen Gruenden, kostet es mich Zeit diese Funktion aufzurufen. Kann ich es aber mit einem Hotkey belegen oder gut sichtbar in einer grafischen Benutzerflaeche ablegen, gewinne ich an Geschwindigkeit und, vielleicht noch wichtiger, Spielspass!
    Mein wichtigster Testpunkt mit Software ist immer derselbe: Wie weit komme ich, ohne in das Handbuch schauen zu muessen! Fuer mich persoenlich ist das viel wichtiger als Geschwindigkeit oder eine Featureliste von 36 Seiten.

  • Hi Peter! Wir meinen eigentlich beide dasselbe. Wenn das UI einen behindert, weil z.B. irgendwo was versteckt ist - einfach weils cool sein soll - oder dem Arbeitsablauf zuwider laeuft, dann ist das Design schlecht. Keine Frage. Was ich meine, ist die reine Grafik.

    Das alte PhotoMechanic, Photoline oder auch der Norton sehen optisch eher nich so toll aus. Dennoch hat da alles seinen Platz, der entweder empirisch oder durch durchdachtes Design dahin gelangt ist. In diesem Fall lass ich dieses "gefaellt mir nicht" eben nicht als Argument gelten. Ob ein Hammer nun Pink oder Schwarz angepinselt ist, ist ziemlich Wumpe, wenn ich denn einen Nagel in Brett bekommen will. Hauptsache der Hammer tut und fliegt mir nicht aus der Hand.

    Es gibt da natuerlich auch einen fliessenden Bereich. Du kennst evtl. die verschieden Windowmanager unter Unix/Linux (twm, olwm, icewm, sawfish, ...)? Im Prinzip machen die alle das gleiche. Manche von denen sind jedoch so haesslich(allein durch die Fontwahl), dass sie kaum noch zu bedienen sind. Andere dagegen sehen klar scheisse aus, funktionieren aber ganz wunderbar z.B. twm. Andere wiederum sind voellig ueberdesigned und funktionieren andere gar nicht.

    Fazit: Man kann Aussehen nicht immer von der Funktion trennen. Allerdings sollte man sich durchs Aussehen nicht blenden lassen. Waer ich nicht schon verheiratet, wuerde ich Ugly Betty vom Fleck weg heiraten.

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