Willkommen im Abmahnklub der erfolglosen Foto-Wannabies. ...

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

Seit einiger Zeit wachsen aus dem Boden der bizarren deutschen Abmahngesetzgebung zahlreiche Dienstleister wie Photoclaim, Plughunter, Polycolor ... empor, die ihre Kopfgeldjäger-Leistungen vermeintlichen Fotografen anbieten. Naturgemäß wird dies von den meisten Hobbyfotografen begruesst, denn so bekommen sie ganz unverhofft eine Moeglichkeit, ihre Bilder doch noch irgendwie zu versilbern - auf das Mutti auch dem nächsten Kamerakauf noch willig zustimmt. Doch das Geschenk ist vergiftet. Wer sich nach einer Weile als Teilzeit- oder Hobbyfotograf entschließt, die Fotografie zum (ehrlichen) Beruf zu machen, dem fällt das deutsche Abmahnrecht und sein Umgang damit, schmerzhaft auf die Füße. ...

... An der Ueberschrift kann man evtl. schon ablesen, dass ich nichts weiter als ehrliche Verachtung fuer solche Läden ueber habe. Das mal so als Disclaimer.

Das Geschaeftmodell richtet sich m.E. an erfolglose Teilzeit-Fotografen, die auf diesem Wege versuchen, ihr Equipment zu refinanzieren. Folgerichtig sind auch nicht die eigentlich grossen Kopierer in Verlagen oder Agenturen das Ziel, sondern Privatpersonen. Ein vermeintlicher Rechtsverstoss wird irgendwo festgestellt, dann wird abgemahnt und anschliessend steckt sich der Verein die Provision ein. Wie das geht, zeigt z.B. der Wannebie Dennis Skley.

Wer sich dessen Webseite anschaut, der erkennt auch die grenzenlose Unbedarftheit. In meinen Augen handelt sich ausserdem um einen klaren Missbrauch der CC-Lizenz. Das Beispiel illustriert sehr eindrucksvoll, dass Kamerabesitz keinesfalls automatisch einen echten Fotografen hervorbringt.

Mal abgesehen davon, handelt es sich auch nur scheinbar um eine guenstige Loesung, um - zugegebenermaszen aergerliche - Rechtsverstoesse zu unterbinden. Es kommt immer mal wieder vor, dass sich ein Verlag nicht an die Vertraege haelt oder eine Agentur Kreuzlizensierungen vornimmt, die nicht abgesprochen waren. In diesen Faellen handelt es sich um real entgangene Gewinne. Das sind Faelle, die diese Abmahnklubs vermtl. gar nicht registrieren. (Denn in den Produkten, wie z.B. einem Magazin, steht maximal »Foto: Hersteller« oder bestenfalls meine Agentur.)

Jemand, der eine gefakte Rolex traegt, ist kein entgangener Kunde von Rolex - weiss eigentlich jeder. Ein Bloedmann, der meine Bilder kopiert und damit seine Webseite oder seinen Doener-Flyer verziert, ist def. kein entgangener Gewinn. Auch da kann es jedoch in besonders dreisten Faellen noetig sein, mal einzuschreiten. Und genau dafuer habe ich eine Rechtsschutzversicherung ueber Freelens.

Solche, zur Zeit wie Pilze aus dem Boden schießende, Abmahnclubs richten m.E. sich an Wannabies und nicht an Fotografen. Die potentiellen Nutzer sind vermutlich weitgehend erfolglos und nicht in der Lage, ihre Produkte vernuenftig zu vermarkten. Dazu gehoert eben auch echtes Marketing (nein, nicht SEO), Klinkenputzen und jede Menge Bueroarbeit.

Mal eben so 10,000 Bildchen nach Flickr zu posten und dann zu hoffen, dass es kopiert und kommerziell wird, um es dann ordentlich abmahnen zu koennen, hat nichts mit dem Beruf eines Fotografen zu tun, sondern zeigt lediglich einen klassischen Arschlochcharakter.

Bevor ich ein Assignment bekomme, mache ich ein Angebot mit einem Preis. Dazu gehoeren auch die Nutzungsbedingungen, welche gelegentlich recht unterschiedlich ausfallen koennen. So z.B. wenn ich Bilder fuer ein Kochbuch an einen Verlag bzw. Autor verkaufe. Zwar hoffe ich auf eine Zweitverwertung (falls erlaubt), rechne aber nicht damit.

Ich sehe nicht, wie ich als Fotograf beraubt werde, wenn jemand anderes diese Bilder verwendet. In den meisten Faellen geht das auch gar nicht, da der »Dieb« niemals die Bilder in den entsprechenden Aufloesungen, Farbraeumen und der Auswahl, hat.

Ich erkenne nicht mal im Ansatz den Sinn in solchen Sätzen: »Viele Fotografen müssen schlicht ihre Kunden schützen, denn die bezahlen gutes Geld für die Fotos und möchten nicht, dass ihre Wettbewerber diese für umsonst nutzen können. »(Nico Trinkhaus, Photoclaim).

Die Bilder sind beim Kunden oder Fotografen doch nicht irgendwo oeffentlich zugaenglich. Wer macht denn sowas? Als Auftraggeber wuerde ich den Fotografen abmahnen cool, der die von mir gekauften Bilder irgendwo feilbietet (soweit er nicht das Recht dazu hat).

Man stelle sich mal vor, ich parke meinen Mercedes in Offenbach (No offense Offenbacher!), lasse die Tueren weit offen stehen, den Schluessel stecken und klemme hinter die Scheibenwischer den Fahrzeugbrief. Keine Versicherung wuerde fuer das zu erwartende Ergebnis zahlen und die Polizei, wuerde evtl. wegen versuchten Versicherung-Betruges gegen mich ermitteln. Und was ist, wenn ich jede Woche einen Mercedes nach Offenbach fahre ... ich persoenlich wuerde das kriminell nennen. 

Meiner Meinung nach haben genau dies potentielle Kunden der Abmahnklubs vor. Sie haben vermutlich keine Auftraege bzw. bieten ihre Dienste so billig an, dass sie davon nicht existieren koennen. Also kommen sie irgendwann darauf, ihre Bilder auf den einschlaegigen Kostenlos-Bilderhalden abzusondern, um dann das absurde deutsche Abmahnrecht fuer sich einzuspannen. (Warum eigentlich nicht bei serioesen Agenturen die Bilder unterbringen?) Und das funktioniert am besten, wenn man es massenhaft zelebriert.

Und wenn ich das massenhaft betreibe, dann sind da ganz sicher auch ein paar arme Schweine oder unbedarfte Hanseln dabei, die mal ihren Doener illustriert oder die Vereinswebsite gebastelt haben. Kommerziell ist das ja schon ... allein, wenn da ein Affiliate-Link auf der Seite ist ... Diese Leute moegen doof sein, aber man kann mit ihnen vernünftiger, menschlicher verfahren - finde ich.

Noch einmal: Wer nicht weiss, wie er als Fotograf seine Bilder verkaufen kann, der soll sich einen anderen Beruf suchen oder es endlich als reines Hobby auffassen. Durch solche Aktivitaeten wird das Terrain fuer die Berufsfotografen (in DE) beständig komplizierter und laesst verbrannte Erde zurueck. Dass die deutsche Rechtssprechung diesem Tun den Boden entzieht, glaube ich allerdings nicht mehr. Denn die eigentlichen Nutzniesser sind neben den Bounty Hunters vor allem die Anwaelte. Und letztere haben in DE eine gut funktionierende Lobby.

Oft höre ich, »In Deutschland ist das mit dem Bilderklau gut gelöst, aber hier in XYZ leider nicht.«? Ja, in DE haben wir das Abmahnrecht. Quasi die Lex Moevenpick fuer skrupellose Anwaelte und verarmte Ex-Urheber. Nur, »Gut« ist davon gar nichts. Zumindest nicht für den Berufsfotografen. (Btw. Was manche Club-Mitglieder evtl. vergessen, auch die Hobbyhure muss dem Fiskus einen Anteil zahlen.)

Ich, bzw. meine Agentur (in HK) hat frueher ca. 50% der Umsaetze in Asien und die anderen 50% in Europa gemacht. Seit zwei Jahren verschiebt sich das zugunsten Asiens. Ich vermute, z.Z. sind es 80%Asien : 20%EU. Zwar ist die Konkurrenz hier deutlich haerter und man muss heftig rudern, um an Assignments zu gelangen, aber die Erloese sind hoeher (ähnliches hoere ich aus US).

Der Preisverfall in EU ist selbstverschuldet und wird durch die Abmahnkultur noch zusaetzlich befeuert. Nur ein geistig verarmter Schwacho wuerde in HongKong seine kommerziellen Bilder auf eine Halde in voller Aufloesung posten. Und die FairUse-Regelung verhindert ueberdies, dass man diese Strunzdaemlichkeit hinterher noch mittels Abmahnklubs versilbern kann.

Dennoch glaube ich, dass dieses Modell Erfolg haben wird. Beinahe jeder, der eine Kamera sein eigen nennt, waehnt sich heutzutage als Fotograf. Darunter sind schon - rein statistisch - genuegend charakterschwache Wuerstchen - denen jedes Mittel recht ist, ein paar Maerker auf Kosten noch aermerer Wuerstchen zu machen. Es hat einen guten Grund, warum Kopfgeldjagd in der europ. Gesetzgebung so wenig verbreitet ist. Es ist auch eine Frage der Zivilisation. Ich halte diese weder fuer moralisch, noch eintraeglich, noch hat es auch nur annaehernd etwas mit der Fotografie zu tun.

 (Dies eine überarbeitete Replik, die ich mal zu Photoclaim ins heise-Forum gepostet habe.)

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