Analogue Planet

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

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Ich hatte vor einigen Jahren einen Artikel für den Fotoespresso über die Firma CHAMONIX Camera Co.,Ltd. und ihren CEO Yu Xiang geschrieben. Zu jener Zeit gewann der Analog-Hype gerade an Fahrt. Die Firma CHAMONIX war seinerzeit nur Eingeweihten ein Begriff und Großformat galt als hoffnungslos exotisch.

Was bisher geschah ...

Mittlerweile sprechen Optimisten von einer Renaissance der Analogfotografie. Ob und wie sich dieser Trend fortsetzen wird, steht in den Sternen. Doch sicher ist, dass die analoge Fotografie einen Platz erobert hat, den sie dauerhaft innehaben kann. Denn es geht dabei gar nicht um das »analoge« Herstellungsverfahren bzw. das Medium selbst, sondern das »Analog« steht als eine Metapher für »Contemporary (and Individual) Photography« im Gegensatz zum Zeitalter der »Documentary (and Fast) Photography«, welches wir gerade hinter uns gelassen haben. (Ich nenne den Counterpart »Contemporary«, um diesen vermaledeiten Kunstbegriff zu umgehen, der alles nur komplizierter macht.) ...

Die Industrie bildet diesen Wandel sehr gut ab. Größere Formate wurden abgelöst durch kleinere – weil billiger und schneller. Dann wurde der Messsucher dem Spiegel mit Autofokus geopfert - weil schneller - und dann wurde der Spiegel aufgefordert zu gehen, und mit ihm der mechanische Verschluss, um elektronisch irgendwie noch schneller und billiger zu werden.

Die meisten Bilder werden heute mit dem Telefon gemacht – dem nun Smartheit unterstellt wird. Von groß zu klein, von langsam zu schnell. Was dabei auf der Strecke blieb, das waren eine ganze Menge Freiheitsgrade der Bildgestaltung. Und leider verdampfte auch eine Menge Wissen.

Diese Freiheitsgrade sind in der Reportage weitgehend unwichtig. Folgerichtig befreiten sich die Redaktionen von ihren Fotografen und setzten auf die Euphemismen »Bürgerbeteiligung« und »Smartphone-Fotografie« – ist billiger und schneller. Denn nur dies zählt, besonders dann, wenn auch das Medium vom Papier zu Online diffundiert. Es geht gar nicht mehr um das »richtige« Bild, sondern um die Garnierung eines Textes – und oft um schlichtes Clickbait.

Doch es verging nur wenig Zeit, bis zuerst den Fotoenthusiasten aufging, dass mit der Digitaltechnik, den schrumpfenden Formaten und den abnehmenden Freiheitsgraden, die Austauschbarkeit enorm zunahm. Die allgegenwärtigen Bilderhalden des Internets zeigen jedem, der es sehen will, die geringe Vielfalt der Digitalfotografie allerorten.

Die digitale Fotografie ist nur 10 Jahre alt, und die Sättigung des Marktes ist erreicht. Die CIPA-Daten sprechen eine eindeutige Sprache. Die Taschenkamera hat die »Documentary Photography« in die Agonie verabschiedet. Jederzeit wird überall und ohne Hemmungen dokumentiert, was die Umgebung (und man selbst) gerade tut. Und selbstredend wird diese Information – soweit sie überhaupt eine ist – sofort millionenfach geteilt.

Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass ausgerechnet die analoge Fotografie, mit all ihrer Behäbigkeit, den hohen Kosten, den komplizierten und raumgreifenden Prozessen und ihren z.T. angejahrten Geräten, plötzlich genau diese Möglichkeit zur Individualität bietet, die sich die Digitaltechnik voreilig herausgemendelt hat. Der Wunsch nach »Uniqueness«, nach Individualität und auch die pure Freude am Selbermachen, hat der analogen Fotografie unversehens zu der aktuellen Position in der »Contemporary Photography« verholfen.mmm

Paradoxerweise wird ihr mehr »Wahrhaftigkeit« im Gegensatz zum dubitativen digitalen Bild (Peter Lunenfeld, »Digitale Fotografie. Das dubitative Bild«, 2000) unterstellt. Das RAW-Bild ist in der Tat sehr roh, während das analoge Negativ/Dia zahllose Interpretation, mit der Filmwahl, Belichtung, Entwicklung ... über sich ergehen lassen hat, die nun fix sind.

Die analoge Fotografie kommt nicht mit weniger Technik daher, sondern genaugenommen mit viel mehr davon. Auf Analog zu setzen, ist keine Frage der Technikaffinität oder gar Technikskepsis, sondern eine Frage der Affinität zu beinahe unbegrenzten Möglichkeiten.

Osten trifft Westen – Jung trifft Alt ...

Die Firma CHAMONIX Camera Co., Ltd. wurde 2004 gegründet. Also schon im digitalen Zeitalter, aber noch lange vor der Analogrenaissance. Yu Xiangs Intentionen für die Firmengründung habe ich im o.g. Artikel beschrieben. Ihm ging es anfänglich darum, eine Kamera zu schaffen, die all seinen Anforderungen für Hobby und Beruf entsprach. Digitalkameras konnten und können dieses Pflichtenheft nicht erfüllen.

Anfänglich wurden die CHAMONIX-Kameras ausschließlich für einen kleinen, privaten Kundenkreis gefertigt. Der wuchs immer weiter an – und dies ohne zusätzliches Marketing. Der Vertrieb, soweit man überhaupt davon sprechen konnte, funktionierte auf Zuruf. Lediglich in China gab es eine Struktur, die auch modernen Aftersales-Anforderungen entsprach – bis hin zur »Lifetime Warranty«.

Der wichtige europäische Markt wurde mehr schlecht als recht aus den USA über einen Zwischenhändler bedient. Die Möglichkeiten, in Deutschland eine CHAMONIX-Kamera zu kaufen, waren stark eingeschränkt und am besten mit »rustikal« zu umschreiben. Hinzu kam, dass aufgrund des Fehlens einer strikten Vertriebslinie, sehr viele Individualherstellungen die Fertigung gelegentlich verstopften. Es gab erhebliche Wartezeiten.

Grundsätzlich funktionierte das alles ... irgendwie. Doch mit dem Boom der analogen Fotografie – und mit ihr auch der Großformatfotografie – musste einiges geändert werden. Das übliche Vorgehen in China ist, dass man das Unternehmen entsprechend skaliert. Also einen internationalen Vertrieb etabliert, mehr Leute einstellt usw. usf. Doch genau das wollte Yu Xiang von Anfang an nicht. Im o.g. Artikel äußerte er »Normale chinesische Unternehmen expandieren sehr schnell, und wenn die Situation sich ändert, entlassen sie auch ganz schnell wieder. Das mag ich überhaupt nicht. Deshalb sind wir sehr vorsichtig und konservativ bei Neueinstellungen. Ich möchte meinen Mitarbeitern einen vernünftigen Arbeitsplatz, anständigen Lohn und Zukunftssicherheit bieten. »

2014 hatte CHAMONIX 13 Mitarbeiter. Mittlerweile sind es 16. Sehr bemerkenswert ist, dass der Mitarbeiterstamm von 2004 bzw. 2013 immer noch dabei ist. Wer das Jobhopping in China bzw. Asien kennt, kann einschätzen, wie ungewöhnlich das ist. 2016 hat das Urgestein der analogen Fotografie, JOBO International GmbH, den Vertrieb für CHAMONIX (außerhalb Chinas) übernommen. Damit wurden einige Effizienz-Bremsen gelöst. CHAMONIX konnte sich von nun an auf die Herstellung konzentrieren – inklusive Sonderanfertigungen. Lediglich der Vertrieb in China selbst – immer noch der größte Markt – verblieb bei CHAMONIX. Aber selbst dieses Vertriebsgebiet steht zur Disposition.

Mit dem Advent der Digitalfotografie wurde das Wissen um die Analogfotografie oft als nutzlos angesehen. Heute ist es ohne weiteres möglich, einen digital sozialisierten Fotoeleven mit einen Blendenring aus dem Konzept zu bringen. Es geht dabei ja nicht nur um die Kenntnis um dessen Existenz, sondern auch um die Freiheitsgrade, die sich hinter diesem Konzept verbergen.

Yu Xiang war schon sehr früh klar, dass man diesem Wissensverlust begegnen muss. Doch dazu müsste man erst mal wissen, wie die jüngere Fotografengeneration so tickt. Er wählte, auch aus diesem Grund, einen ungewöhnlichen Weg. 2014 ließ er sich in Prag immatrikulieren, um europäische Fotografie zu studieren. Im Alter von 45 Jahren und mit einem BA für Photography/Cinematography der renommierten Beijing Film Academy in der Tasche. (Z.Z. arbeitet er an seiner Master-Thesis).

Gleichzeitig organisierte CHAMONIX in China ein kleines Netzwerk von Kunden, die auch in der Lage sind, ihr Wissen weiter zu geben. Analoge Labors, Workshops, Ausstellungen, Medien ... schießen im Moment überall in China aus dem Boden. Doch die Digitaltechnik hat eine ziemliche Wissens-Schneise geschlagen. Simple Zusammenhänge müssen neu kommuniziert werden. Das geht umso einfacher, je weniger »sophisticated« die Technik - also z.B. die Kamera - ist. View-Cameras drängen sich diesbezüglich geradezu auf. 

Workshops sind - als ein Produkt – zweifellos eine Einnahmequelle für die Veranstalter. Nicht selten ist dies für Manche der einzige Zweck – und keineswegs die Wissensvermittlung. Auch hier hat die Digitaltechnik verbrannte Erde hinter sich gelassen. Yu Xiang bzw. CHAMONIX geht es darum, die Wissensvermittlung auf ein hohes Niveau zu heben. In der Wissensvermittlung in der westlichen Welt setzt Yu Xiang ebenfalls auf eine Zusammenarbeit mit JOBO.

Es ist eine Binsenweisheit, dass keiner eine analoge Kamera kauft, bzw. sich an dessen Prozesse wagt, wenn er nicht den Hauch einer Ahnung hat. Dabei geht es nicht ausdrücklich nicht um die Klientel, die früher »analog war« und dann zu Digital wechselte. Die braucht sich nur zu erinnern – falls das noch geht ... Es geht um die Generation, mit der Yu Xiang gerade in Prag studiert, denen dieses Wissen bzw. die Fertigkeiten komplett fehlen.

Der Wert des Wissens wird bekanntlich im Osten - und besonders in den konfuzianischen Ländern (China, S’pore, Japan, Korea), anders gemessen, als in West-Europa oder gar in den USA. In den konfuzianischen Ländern steht Bildung an oberster Stelle im familiären Finanzplan. Man ist in Asien viel eher geneigt, auch größere Beträge für die Erweiterung des Wissens auszugeben. Die sprichwörtliche Flexibilität sorgt außerdem dafuer, dass analoge Fotografie in Asien gerade zum Massenphänomen wird. Umgekehrt kann die grundsätzlich nachhaltigere und z.T. gründlichere Herangehensweise des Westens - bei einer richtigen Verschmelzung der beiden Vorzüge – dafuer sorgen, dass die (komfortable) Nische der analogen Fotografie sich dauerhaft etabliert, professionalisiert und vor allem weiter entwickelt.

CHAMONIX und JOBO sind auf einem richtigen Weg. Sie haben mit ihrer Kooperation die Möglichkeit geschaffen, die Kräfte beider Kulturkreise für die analoge Fotografie, aber auch für die Kunst (oder sagen wir Contemporary Photography) freizusetzen.


Interview

Sven Tetzlaff: Kannst du mir etwas über den JOBO-Deal erzählen?

Yu Xiang: Ich habe mit JOBO im Juni 2016 das erste Mal Kontakt aufgenommen und mich dort mit Johannes Bockemühl unterhalten. Ich dachte immer darueber nach, wie man die analoge Fotografie erhalten und weiterentwickeln kann. Ich kam zur Erkenntnis, dass es wichtig ist, dass man sich in der Industrie zusammentut. JOBO ist ein sehr altes Brand mit einer erheblichen Reputation. So viele Menschen kennen JOBO. Was könnte also besser sein, als beide Firmen zusammenzubringen?

Im September habe ich mich mit Johannes auf der Photokina getroffen. Dort haben wir alles beredet und schon ende Oktober haben wir die Katze aus dem Sack gelassen. Aber wir haben nicht nur darüber gesprochen, wie JOBO und CHAMONIX mehr verkaufen können, sondern vor allem über unsere gemeinsamen Ideen und Ansichten über die analoge Fotografie ganz allgemein, und über die Industrie im Besonderen. Das war sehr anregend.

Sven Tetzlaff: Als ich die erste Pressemeldung der Kooperation gelesen habe, habe ich mir natürlich zuerst mal die Preise angeschaut und war sehr überrascht und erfreut, wie fair, die waren. Das ist nicht selbstverständlich. Gerade jetzt, wo jeder gerade auf den analogen Zug aufspringen will. Ich habe das auch aus der analogen Szene in DE und Europa vernommen, dass die Leute sehen, diese Beziehung zwischen JOBO und CHAMONIX ist vor allem langfristig angelegt. Es geht eben nicht um den schnellen Schnitt.

Yu Xiang: Ja, das stimmt. Unsere Kooperation ist nicht nur auf den Verkauf orientiert, sondern wir achten ebenfalls auf die gesamte Produktlinie, also vom Material, über die Kamera, den Filmprozess, bis zum fertigen Bild. Außerdem wollen wir gemeinsam neue Produkte entwickeln. Wie z.B. Wetplate Kollodium Equipment und andere traditionelle Techniken. Eventuell auch digitale Produkte für das Großformat. Johannes hat bereits einiges digitales Equipment entwickelt und wer weiß, vielleicht können wir da noch mehr machen.

Sven Tetzlaff: Was ist mit Entwicklerequipment für Wetplate? Wie groß ist der Markt eigentlich?

Yu Xiang: Ja, so etwas z.B. Aber da ist noch mehr. Ich denke, dass wir uns auf junge Nutzer konzentrieren müssen. Also solche Menschen, die mit Digital aufgewachsen sind und nun davon gelangweilt sind und sich eingeschränkt fühlen. Die Suche neue Ausdrucksmöglichkeiten. Wir können einen Weg zeigen und ihnen technisch entgegenkommen. Ein Weg ist es, Großformat-Workshops anzubieten. Also solcher unter professioneller Anleitung mit einem sehr professionellen Anspruch. Es geht auch darum, "altes Wissen" weiterzugeben. CHAMONIX ist ein sehr junges chinesisches Unternehmen, welches nun mit einem fast 100 Jahre alten deutschen Unternehmen kooperiert. Das ist auch ein Symbol.

Sven Tetzlaff: Der Analog-Hype ist im Moment nicht zu übersehen. Siehe Kodak oder Fujifilm. Da ist sicher ein Markt, wenn auch Nischenmarkt. Eventuell mit einer sehr guten Perspektive. Was denkst du über die Zukunft - den Markt?

Yu Xiang: Unsere Generation war sehr daran interessiert »uniques Zeugs« zu schaffen, vor allem um zu zeigen, wir sind einzigartig und eben nicht wie alle Anderen. Und daraus erwuchs auch die Fähigkeit, Dinge selber zu machen. Aber es gab eine Zeit, wo diese Fähigkeit zu DIY verloren ging. Und die junge Generation ist dabei, diesen Fehler wieder gut zu machen. Denn sie haben erkannt, »oh irgendwie ist das immer alles derselbe Kram. Nicht schlecht, aber auch nicht unique.« Aus dieser Selbsterkenntnis sind auch die Trends wie Maker oder eben zur anlogen Fotografie zu erklären. Diese Generation entscheidet oft über die Sichtbarkeit im Internet. Und da sind wir JOBO als eine traditionelle Firma und CHAMONIX als Vertreter der jungen Generation. Und natürlich liegt in dem Anspruch auf Individualität auch ein Markt.

Sven Tetzlaff: Wie entwickelt sich der Verkauf seit Oktober 2016?

Yu Xiang: Bislang ist noch nicht genügend Zeit vergangen, um da grundsätzlich was zu sagen. Ich denke, es gibt mehr Verkäufe vor allem in Europa. Es ist auch ein bisschen paradox, dass chinesische Kunden ehe europäischen Brands trauen als chinesischen. Manchmal bouncen Anfragen von Europa zurück nach China. Mit der Kooperation sehen wir plötzlich einen größeren Verkauf ein China selbst. Entsprechend denken wir auch über ein gemeinsames Brand nach. Aber noch einmal, entscheidend für den langfristigen Erfolg wird es sein, mit professionellen Workshops, also mit Tutoren, die schon lange in der Großformat-Fotografie stehen, das Wissen an die junge Generation weiter zu geben. Die Jugend fragt danach - also müssen wir jetzt liefern! Ich habe in 2016 zwei Workshops in China gemacht einer in Beijing und ein weiterer in Hangzhou. Für 2017 werden wir das dramatisch ausbauen - auch in Deutschland und Spanien. Und CHAMONIX ist ja nicht der einzige Hersteller auf dem Markt (lacht).

Sven Tetzlaff: Denkst du, dass sich die analoge Fotografie mehr internationalisiert?

Yu Xiang: Ja, ich sehe 3 generelle Hauptmärkte für die analoge Fotografie zur Zeit in China, USA und auch Europa. CHAMONIX selbst ist im Moment sehr stark in China (was gut ist) und in Deutschland. Entsprechend werden wir unser Engagement, dahin, wo wir noch nicht so sichtbar sind, weiter ausbauen. Ganz besonders in den USA.

Sven Tetzlaff: Kommen wir zu einem anderen Thema. Bei unserem letzten Interview erzähltest du, dass du in Tschechien nochmal zur Schule gehen möchtest. Was ist daraus geworden? 

Yu Xiang: Ja, ich habe 3 Jahre in Prag gelebt. Ich habe gelernt, dass die europäischen Fotografen sehr viel unabhängiger und individueller in ihrer Kunst sind, als z.b. die amerikanischen oder chinesischen Fotografen.  Europäische Fotografen sind vielleicht auch nicht so »social« wie die anderen. Chinesen oder Amerikaner hocken doch mehr auf einen Haufen, machen Party usw. - Europäer eher nicht. (Lacht) Ich mag die europäische Art. Doch dies ist manchmal eine Hürde für junge Leute, die mit den neuen Medien sozialisiert wurden und z.B. ihre Großformat-Bilder auf Instagram tauschen wollen. Das Studium ist im Oktober 2017 fertig und dann werde ich in den USA meinen Lebensmittelpunkt aufschlagen.

Sven Tetzlaff: Warum nicht nach Europa?

Yu Xiang: Ich mag Amerika und ich mag es groß. Ich mag große Autos, große Häuser usw. In Europa ist alles schön, aber auch sehr klein. Ich brauche schlicht Platz.

Sven Tetzlaff: Wie ist das, mit lauter Youngstern auf der Schulbank zu sitzen. Gerade wenn das Wissen in der Fotografie schon so fortgeschritten ist, oder die Lehrer evtl. jünger sind als du?

Yu Xiang: Das Studium hat mich sehr überrascht und ich habe sehr viel neues gelernt. Ich habe 3 Jahre selber in China unterrichtet und nun war ich wieder Student. Auch das Bildungssystem ist völlig anders, als dass, was ich aus China kannte. Was für mich wichtig war, war nicht die Technik. Meine Technik ist fortgeschritten genug, was mir auch meine Lehrer bestätigten. Der Hauptgrund für mich, war zu erfahren, wie das ganze System der Fotografie in Europa funktioniert, die ganze Theorie, die Beziehungen zu anderen Kunstformen, die Geschichte ... also dieser ganze kulturelle Background. Ich glaube die gesamte Foto-Theorie in Europa ist eigenständiger und weiter entwickelt, als in China, wo sie noch sehr an der Malerei hängt. Aber die Theorie geht der der Praxis voraus. Man kann das sehr schon nachlesen in Walter Benjamins »Geschichte der Photographie« (1931). Es ist tatsächlich so, dass die Fotografie schlussendlich eigentlich nichts mit Technik zu tun hat. 

Sven Tetzlaff: Das bringt mich zu der letzten Frage, was denkst du, wohin sich die chinesische Fotografie hin entwickeln wird?

Yu Xiang: Ich denke, dass die »Documentary Photography« ausstirbt. In China und auch überall sonst. Ich habe das in Prag gesehen, dass dieses Department kaum Nachwuchs anzog. Die Leute sind mehr an der »Contemporary Photography« interessiert. Diesen Trend sehe ich ganz genauso in China. Die Fotografie erfährt gerade eine große Zeit der Veränderung. Wenn man so will, nähert sich die Fotografie einem Konzept der Malerei wieder an. Diese Veränderungen sind weltweit. Das die chinesische Fotografie durch seine Nähe zur Malerei davon partizipiert, ist eher ein Zufall.

Sven Tetzlaff: Vielen Dank – für dieses Interview. Wir werden das fortsetzen. Eventuell in den USA ... das nächste Mal.

Yu Xiangs neustes Buch (08. Juni 2017)  《湿版火棉胶摄影教程》"Nassplatten-Kollodium-Fotografie Lehrbuch"

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Bilder von oben nach unten:

1: by Chamonix, Chamonix Camera 4x5
2-3: by Yu Xiang, 20x32", Black Aluminum, Tibet, China
4: by Sven Tetzlaff, getrocknetes Tropenholz zur Weiterverarbeitung, Chamonix
5: by Sven Tetzlaff, Balgenherstellung, Chamonix
6: by Sven Tetzlaff, neue 20x32" Kamera, Chamonix
7: by Sven Tetzlaff, neue 8x10" Kamera, Chamonix
8: by Sven Tetzlaff, Yu Xiang im Gespraech mit Charlotte Green
9: by Yu Xiang, 20x32", Black Aluminum, Tibet, China
10: by Sven Tetzlaff, 4x5" Chamonix Filmhalter aus Ahorn inkl. Film
11: by Yu Xiang, 20x32", Black Aluminum, Tibet, China
12: by Sven Tetzlaff, Yu Xiang mit 4x5" Kamera am Westsee

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