Funktioniert Handyfotografie? Huawei P10+

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

Zu meiner letzten US-Reise habe ich mich entschlossen kein digitales Kamerageraffel mitzuschleppen. Zwar war ich nicht nur privat dort, aber ich hatte keinen Fotoauftrag. Da lag es natürlich nahe, mein Gepäck abzuspecken. Zumal die Einreisebedingungen für Kameras, Batterien usw. immer unklarer werden. Ich hatte wenig Lust, wertvolle Lebenszeit bei irgendwelchen Security-Checks zu verschwenden. Ganz konnte und wollte ich die Fotografiererei nicht lassen und habe einen einfachen Klappfalter (Isolette III Mk II, Solinar 3.5/75mm) und natürlich ein Smartphone dabei gehabt.

Es geht schon seit dem Advent der Smartphones die Mär um, dass man ja eigentlich keine echte Kamera mehr brauche. Und tatsächlich, bei manchen Fotos fragt man sich dann doch, wie die Bilder denn überhaupt zustande kamen. Mit ein wenig Geduld findet man dann auch entsprechenden Quellen und kann dann den realen Aufwand einschätzen, der da getrieben wurde. Spätestens an dieser Stelle wird die Sache absurd. Denn ich kann sturzbetrunken, einarmig und im Automatikmodus, mit einer preiswerten Kamera (z.B. der 200d) das gleiche Ergebnis erzielen. Nutze ich ein Mobile, muss ich schon ziemlich genau wissen, was und wie ich es mache – bei der genannten Kamera reicht das grüne Fenster. Aber dieser Diskurs ist eh müßig, denn schaut man sich die prämierten Handy-Fotos an, dann glänzen sie in der Regel nicht durch technische Perfektion, sondern fast ausschließlich durch das Motiv. Und letztlich ist das auch die Fotografie, wie ich sie verstehe. Richtig ist jedoch auch, dass ich aufgrund der technischen Unzulänglichkeiten mit dem Mobile viele Fotos nicht bekomme, genauso, wie ich Fotos mit einem Fotoapparat nicht bekomme, wenn ich zu blöde bin, diesen zu bedienen ... oder ihn mal eben nicht dabei habe.

Meist wird dagegengehalten, dass mit der Zunahme der Rechenpower, mit den Handys immer mehr möglich sei. Darauf ein klares Jain. Will ich über eine Offenblende ein Motiv freistellen, dann komme ich an der Physik nun mal nicht vorbei. Und die Physik fordert größere Bauformen, angefangen mit den Sensoren. Mit der Zweitkamera in den modernen Mobiles kann ich jedoch weitere Informationen, wie z.B. Tiefendaten ermitteln und mir auf diese Weise so einen Hintergrund berechnen. Die entspr. Rechenpower vorausgesetzt, kann ich den Hintergrund blurren, austauschen oder gar Personen in das Bild hinein- und herauszaubern. Ein Porträtmodus im Handy hat sehr viel mit Bits&Bytes, aber nur noch sehr wenig mit Optik zu tun.

Schaut man nun auf die Ethik-Kodizes der einzelnen Journalistenvereinigungen, Wettbewerbe ..., dann wird klar, dass ich mit diesen Kamerahandys schon weit über die selbstgezogene rote Linie hinaus bin. Verschärft wird das Problem noch durch die Möglichkeiten der KI – völlig unabhängig vom Nutzer (euphemistisch „Fotograf“) – dass ich über die automatische Verschlagwortung, Filterung usw., einen Teil der Deutungshoheit längst abgegeben habe. Ein (fiktives) Beispiel: Ich hab auf einem Straßenfest in China ein Bild geknipst → die Google-KI macht eine „Demonstration“ draus, die mit einem zufällig an diesem Ort/Zeit stattfindenden Ereignis verknüpft wird → die Bürgerjournalisten-KI von BILD fischt das Bild aus der Cloud und bringt dann die vermeintliche News über Randale in meiner Straße Millionen Leser ins Haus – samt allen fröhlichen Gesichtern auf dem Bild. Das alles passiert in Bruchteilen von Sekunden und das Ergebnis lässt sich praktisch nicht zuruecknehmen. Das ist ein bisschen wie mit den 99 Luftballons.

Der Vorteile der Handyknipserei sind m.E. nicht die techn. Möglichkeiten und schon gar nicht die Computational Photography (was ein astreines Oxymoron ist), sondern lediglich der Formfaktor.

Auf meiner Reise habe ich ein Huawei P10+ dabei gehabt. Ich will hier kein Testgedöns vom Zaune brechen. Es gibt in der LFI Mai/Juni 2017 weitere Informationen zom P10+. Für meinen persönlichen Vergleich hatte ich ein Samsung C7Pro, ein S7 und ein IPhone 6+ zur Verfuegung. Von dieser kleinen Auswahl sticht das P10+ in mehreren Disziplinen – und vor allem in Sachen Kamera – weit heraus. Auch Display und das ganze Handling der Kamera-App gefallen mir außerordentlich gut. Ich kann durch einen einfachen Wisch das Programm sofort in den Profimodus fahren. D.h. in die max. Auflösung und im RAW-Format. Will ich irgendwelche Gimmicks, z.B. HDR, Freistellungen Panorama usw. verwenden, dann funktioniert das nur mit JPEG. Entsprechend habe ich diese Varianten auch gar nicht probiert. Im „Profi“-Modus kann ich ISO, Zeit, Weißabgleich, Fokus-Modus und Belichtungskorrektur einstellen. Blende natürlich nicht, da Handys nun mal keine Blende haben – was zwar physikalisch logisch, aber immer noch einer der größten Nachteile ist. Wichtig ist, dass man den Pro-Modus auch immer eingeblendet lässt. Klappt man das Menü ein, dann gibt es wieder nur JPEGs. Ich wünschte, das könnte man irgendwo fest einstellen.

Das Gerät hat insgesamt 3 Kameras. Eine für den virtuellen Schminkspiegel – immerhin mit 8 Mpix - und dann zwei Kameras auf der Rückseite: ein 12-Megapixel-Farbsensor und ein 20-Megapixel-Schwarzweißsensor. Das verrechnete Farb-Bild hat am Ende eine Auflösung der kleineren Kamera, jedoch durch die S/W-Daten eine größere Empfindlichkeit und einen höheren Kontrastumfang. Leider gibt es kein S/W-DNG wie z.B. in der Leica M-M. Dann wäre reine S/W-Fotografie mit der Kamera nochmal eine schöne Option. (Es wird gemunkelt, dass die Funktionalität in einem Update nachgeliefert wird oder in anderen Apps verwendet wird ... )

Bezüglich der Empfindlichkeit: Ich habe etliche Nachtaufnahmen gemacht und war sehr beeindruckt. Selbstredend, dass ich für die Nachtaufnahmen an Zeit und ISO drehen musste. Und es kostete auch ein paar Testbilder, bis das Ergebnis zufriedenstellend war. Aber auch bei den Tag-Bildern, kommt einem der erhöhte Kontrastumfang zu Gute. Das iPhone 6+, das ich ebenfalls dabei hatte, versagte bei größeren Kontrastumfängen kläglich. Nachtaufnahmen habe ich damit gar nicht erst gemacht, da ich die Ergebnisse aus früheren Versuchen schon kannte. Ich vermute jedoch, dass mit den neueren iPhones – mit zwei Kameras – Apple zu Huawei aufschließen konnte.

So richtig bekannt geworden ist Huawei durch den Kamera- bzw. Objektiv-Hersteller LEICA. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Linse wirklich entscheidend für das ganze System ist. Bekanntlich hat ja Zeiss seine Tessare in verschiedenen Nokia verbaut – mit durchwachsenem Erfolg. Umgekehrt ist es jedoch auch so, dass sich LEICA nicht für Huawei schämen muss. Im Gegenteil, die schnörkellose und funktionsreiche Kamera-App zeigt, wie es gehen kann. Das fehlende S/W-DNG ist der einzige Wermutstropfen. Bei Apple fand ich es eine echte Zumutung, dass man für die RAW-Unterstützung erst eine 3rd-Party-Software installieren muss.

Die Bilder habe ich - dank DNG – wie üblich mit Capture One Pro entwickelt. COP unterstützt den allgemeinen DNG-Standard von Hause aus. Da es keine offizielle Unterstützung von P1 gibt, ist dies auch die einzige Möglichkeit, auf diese Weise einigermaßen effizient am RAW herumzuzuppeln. Sollte COP mal irgendwann auf die Handy-im DNG implementierten RAWs zurückgreifen, ergäben sich noch weitere schöne Möglichkeiten. Wie gesagt, die Bilder haben zwar nur 12Mpix, das DNG ist jedoch exakt 23,090KB groß.

Nochmal kurz zu DNG: PhaseOne ist kein grosser Fan von DNG und empfiehlt, so die Kamera unterstützt wird, das RAW zu verwenden und nicht den Umweg über eine DNG-Konvertierung zu gehen. Meine M(240) wirft als RAW ein DNG aus. Die Bilder kann/konnte ich in COP problemlos entwickeln, da COP auf den DNG-Standard zurückgreift. COP unterstützt nun auch das Embedded Raw einiger LEICAs. Das ist schön, aber ist nicht ganz das Gleiche, wie die DNG-Standard-Unterstützung dazumal. Das führt bei manchen Leuten zu Verwirrungen, da die Ergebnisse nun natürlich andere sind. Das betrifft auch die Presets etc. pp. Ich habe zu diesem Thema gerade einen weinerlichen (und sehr peinlichen) Artikel eines Hamburger Hochzeitsfotografen gelesen, der sich dieser Grundlagen offensichtlich nicht so klar war und Kraft seiner Wassersuppe in den Soc.Med. nun lautstark anprangert, dass alle seine Presets völlig unverhofft wertlos seien und weiteren Blödsinn mehr ... ach hätte er doch geschwiegen.

Ich rechne jedoch nicht damit, dass PhaseOne Handys irgendwann mal unterstützt. Falls doch, dann sollte man – bevor man öffentlich rumheult – sich daran erinnern, dass die P10+ bislang nicht offiziell unterstützt wird.

Eine Folge der mangelnden Unterstützung ist ohne Frage das Fehlen der Metadaten in der Exif-Datenbank. ExifTool ist da deutlich gesprächiger als COP:

ExifTool Version Number : 10.64
File Name : IMG_20170821_180150.dng
Directory : C:/Users/ssven/Pictures/2017-08-22
File Size : 23 MB
File Modification Date/Time : 2017:08:22 06:01:50+08:00
File Access Date/Time : 2017:08:22 06:01:50+08:00
File Creation Date/Time : 2017:08:22 06:01:50+08:00
File Permissions : rw-rw-rw
File Type : DNG
File Type Extension : dng
MIME Type : image/x-adobe-dng
Exif Byte Order : Little-endian (Intel, II)
Subfile Type : Full-resolution Image
Image Width : 3968
Image Height : 2976
Bits Per Sample : 16
Compression : Uncompressed
Photometric Interpretation : Color Filter Array
Image Description :
Make : HUAWEI
Camera Model Name : VKY-AL00
Strip Offsets : (Binary data 25393 bytes, use -b option to extract)
Orientation : Horizontal (normal)
Samples Per Pixel : 1
Rows Per Strip : 1
Strip Byte Counts : (Binary data 14879 bytes, use -b option to extract)
X Resolution : 72
Y Resolution : 72
Planar Configuration : Chunky
Resolution Unit : inches
Software :HUAWEI/VKY-AL00/HWVKY:7.0/HUAWEIVKY-AL00/C00B167:user/release-keys
Modify Date : 2017:08:21 22:01:50
CFA Repeat Pattern Dim : 2 2
CFA Pattern 2 : 2 1 1 0
Copyright :
Exposure Time : 1/30
F Number : 1.8
ISO : 299
Date/Time Original : 2017:08:21 22:01:50
Focal Length : 4.0 mm
TIFF-EP Standard ID : 1 0 0 0
DNG Version : 1.4.0.0
DNG Backward Version : 1.1.0.0
Unique Camera Model : VKY-AL00-HUAWEI-HUAWEI
CFA Plane Color : Red,Green,Blue
CFA Layout : Rectangular
Black Level Repeat Dim : 2 2
Black Level : 0 0 0 0
White Level : 1023
Default Scale : 1 1
Default Crop Origin : 8 8
Default Crop Size : 3952 2960
Color Matrix 1 : 1.068359375 -0.298828125 -0.142578125 -0.431640625 1.35546875 0.05078125 -0.1015625 0.244140625 0.5859375
Color Matrix 2 : 2.209960938 -1.33203125 -0.1416015625 -0.189453125 1.227539063 -0.0546875 -0.0234375 0.1826171875 0.603515625
Camera Calibration 1 : 1 0 0 0 1 0 0 0 1
Camera Calibration 2 : 1 0 0 0 1 0 0 0 1
As Shot Neutral : 0.6265060241 1 0.4193548387
Calibration Illuminant 1 : D65
Calibration Illuminant 2 : Standard Light A
Active Area : 0 0 2976 3968
Forward Matrix 1 : 0.59765625 0.2275390625 0.1357421875 0.1943359375 0.8115234375 -0.005859375 0.0146484375 -0.21875 1.024414063
Forward Matrix 2 : 0.4306640625 0.3095703125 0.220703125 0.0283203125 0.88671875 0.0849609375 0.0087890625 -0.6396484375 1.451171875
Opcode List 2 : (Binary data 564 bytes, use -b option to extract)
Opcode List 3 : (Binary data 4 bytes, use -b option to extract)
Noise Profile : 0.001326578011 7.54755832698e-006 0.001326578011 7.54755832698e-006 0.001326578011 7.54755832698e-006
Aperture : 1.8
CFA Pattern : [Blue,Green][Green,Red]
Image Size : 3968x2976
Megapixels : 11.8
Shutter Speed : 1/30
Focal Length : 4.0 mm
Light Value : 5.0

Leider ist mir kein weiteres Programm, als die interne Huawei-Applikation, bekannt, mit der man das RAW bzw. die beiden RAWs voll nutzen könnte. Vielleicht liefert die Firma (oder Leica) mal eine entsprechende App. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Programme wie das aktuelle „LightRoom CC“ diese Stafette in die Hand nehmen. M.E. zielt das Programm genau auf diese Casual- und Lifestyle-User. Bedenklich ist, dass diese Zielgruppe deutlich größer ist, als die der bisherigen Classic-Nutzer. Daher sind die Gerüchte, dass sich Adobe – eben wegen des Zielgruppenkonflikts – genauso wie Apple diesem Massenmarkt vollständig zuwendet und das ambitionierte bzw. Profisegment anderen Anbietern überlässt. Ich finde LR zwar gruselig, aber der Gedanke, dass PhaseOne plötzlich ohne Konkurrenz da steht, beruhigt mich keineswegs.

Fazit: Das Huawei P10+ ist ein ausgezeichnetes Kamerahandy. Das beste, welches ich je hatte. Es ist deutlich besser als das vergleichbare S7 oder iPhone 6+. Huawei hat diese Linie mittlerweile mit dem Mate konsequent fortgesetzt. Und mit den neuen Geräten wandert auch sehr viel mehr Computational Photography ins Mobile. Ich wünschte mir, dass man diese Optionen abschalten, dafuer aber gleichzeitig die RAW-Optionen direkt aufgreifen kann. Grundsätzlich erscheint z.Z. Android eine fortschrittlichere Plattform für Kamerahandys (und Derivate) zu sein. Apple hat mit dem halbherzigen Versuch die Dual-Kameras zu integrieren, nicht wirklich für Kaufanreize gesorgt. Preislich nehmen sich das aktuelle Mate 10 Pro (799-1395EUR) und Apple (iPhoneX 999USD, iPhone8 799USD) nichts mehr. Dafuer bekommt man bei Huawei Innovation pur, im Gegensatz zu schlichter Hausmannskost aus Cupertino.

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