X-Ray Nightmare - Analoge Fotografie auf Reisen.

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

Wer viel reist, der hat was zu erzählen. Flugzeug- bzw. Flughafen-Anekdoten sind in Reiseerzählungen besonders populär. Und je weiter die Reise weg führt, bzw. je ungewöhnlicher die Final Destination ist, desto mehr wird auch vom Pferd erzählt. Wie Marco Polo schon vorführte, kann man damit sogar berühmt und reich werden. Viele der angeblichen Fakten halten bei genauerer Betrachtung nicht eine Sekunde einer einfachen Überprüfung stand. Müssen sie ja auch nicht. Schließlich sollen diese Anekdoten unterhalten. ...

Etwas kniffliger wird es allerdings, wenn Bullshit behauptet wird, der einen direkten Einfluss auf mich, meinen Besitz, meine Gesundheit ... etc., hat und mich zu falschem Verhalten verleitet. Eine oft gehörte Behauptung ist z.B.: „Ich habe meine Filme im Fluggepäck gehabt – Röntgen hatte keinen Effekt.“ Das ist ungefähr so sinnvoll wie die Behauptung: „Ich hatte ne schwere Grippe, dank Globuli war sie nach 2 Wochen weg.“ Zum einen haben bislang alle wissenschaftlichen Studien nachgewiesen, dass Homöopathie völliger Quark ist und dito, dass bereits ein einziger Scan mit dem Handgepäck-Scanner messbar ist – egal wie empfindlich der Film ist.

Den meisten, die behaupten, dass der Scanner keinen Einfluss hätte, unterstelle ich zudem, dass sie gar nicht wissen, wie sich das Problem äußert. Das ist auch gar nicht so eindeutig. Am ehesten noch kennt man diese Bänder, die sich ueber den Film ziehen. Die sehen ein wenig wie Licht-Lecks aus ... was sie irgendwie auch sind. Das passiert dann, wenn der Film die volle Breitseite eines Reisegepaeckscanners abbekommt. Häufiger ist es jedoch so, dass das häufigere Scannen mit relativ geringer Strahlung zu einer gleichmäßige Vorbelichtung führt. Dies sieht eher wie eine Fehlbelichtung aus. Und das sehe ich ziemlich oft in unseren Workshops, wenn die Leute mit ihren Filmen aus dem Urlaub kommen, die bei uns entwickeln und dann trotz des flauen Negativs Stein&Bein schwören, dass sie alles richtig belichtet hätten. Wenn sich das über den ganzen Film oder gar mehrere Filme hinzieht und man Film-und Entwicklungsfehler ausschließen kann, dann sind ziemlich sicher die vereinigten Flughafenscanner schuld.

Kein Scan, 400ISO (Quelle Kodak)

Ein Scan im Reisegepaeckscanner, 400ISO (Quelle: Kodak) Solch ein Bild ergibt sich auch bei mehrmaligem Scannen mit relativ schwacher Energie

Die gute Nachricht ist jedoch, dass messbarer Einfluss nicht automatisch auch sichtbar bedeutet. Daher hat man – wie man das immer so macht – einen Grenzwert eingeführt. Natuerlich ist dieser Grenzwert keine Naturkonstante, sondern wurde relativ willkürlich festgelegt. Tatsächlich kann man mit diesem Grenzwert ganz gut leben, der da lautet: Bis 5 Scans im Handgepackscanner besteht keine Gefahr für Filme bis 400 ISO. Diese Faustformel ist ein Richtwert, jedoch keineswegs vollständig auf Lunge zu rauchen. Die oberste Devise lautet nach wie vor: Jeder vermiedene Scan ist ein guter Scan. Wie fischig die Formel ist, wird spätestens dann klar, wenn man sich fragt, was eigentlich 400ISO sein sollen - ein auf 400 gepushter 100er? Was ist ab der Boxspeed von 800? Wie stark strahlt ein Handgepaeckscanner in Katmandu im Verhältnis zu einem in BER? Wird wirklich nur mit Handgepackscannern gescannt? Wie soll ich die 5 Scans bei Interkontinentalflügen einhalten?

Es ist nicht immer eine gute Idee, den Intl. Presseausweis zu zeigen. Die meisten Beamten reagieren allergisch darauf. Allerdings steht die Warnmeldung in X verschiedenen Sprachen im Ausweis. Wer Lust hat, kann die ja in der Landessprache auswendig lernen ... ;-)

Einem Scanner, also den Röntgenstrahlen, ist die Boxspeed völlig egal. Letztlich handelt es sich für den Film um Licht. Entsprechend der Dichte der lichtempfindlichen Schicht, ist dieser Effekt mal stärker oder eben geringer. Vorhanden ist er in jedem Fall. Diese Dichte wiederum korreliert direkt mit der angegebenen Boxspeed – vorausgesetzt, der Hersteller übertreibt es nicht mit dem Marketing. (Die reale Dichte liegt meist unter der angegebenen Boxspeed.) Heißt leider auch, dass man durch das Pullen von 400ern diesem Problem nicht ausweichen kann.

Grundsätzlich gibt es zwei Typen von Scannern. Die mit relativ schwacher Strahlung für das Handgepäck und solche für das Reisegepäck. Die Reisegepaeckscanner sind entspr. größer und strahlen deutlich staerker. Leider werden diese Scanner auf vielen Flughäfen auch für das Scannen des Handgepäcks verwendet. Schlimmer noch, oft ist beim Zollausgang ein Scanner installiert, mit dem der Zoll sich das nun ausgecheckte Gepäck INKLUSIVE Handgepäck anschaut. Spätestens hier hat man verloren, wenn man dort seinen Film hineingibt. Zum Glück ist das kein Sicherheitscheck, weshalb eine freundliche Bitte an den Beamten in der Regel funktioniert. Sollte so ein Scanner für den Sicherheitscheck verwendet werden, dann muss man ein bisschen Zeit mitbringen – und Hoffnung. Bei meinem letzten Aufenthalt in Nepal ist mir das in Katmandu passiert und der Officer ignorierte meine Bitte komplett. Hier hilft dann nur noch der Bleibeutel. Diese Schutz-Verpackungen (z.B. von Domke) halte ich noch aus einem anderen Grund für zwingend.

Ein Bleibeutel ist der wirksamste Schutz nach dem Nicht-Scannen.

Wie gesagt, die Heilige Schranke von 5 Scans ist reichlich willkürlich. Aber selbst wenn sie es nicht wäre, dann ist die Chance, dass ich die bei einem Interkontinentalflug wirklich nicht reiße, ziemlich gering. Auf einem typischen Flug von Washington nach Hangzhou ueber Beijing, habe ich ganz regulär bereits 5 Scans inklusive eines Reisegepaeckscans eingesammelt. Will ich in Hangzhou in die Metro, wartet schon der nächste Scanner – wieder ein Reisegepaeckscanner. Bereits in den USA habe ich unter Umständen schon etliche Sicherheitschecks an Sehenswürdigkeiten usw. erlebt. (Wobei ich sagen muss, dass die Beamten dort nie ein Problem gemacht haben, wenn ich die Filme herausgenommen habe – selbst bei einem Besuch auf einem Kriegsschiff nicht und auch nicht auf dem Empire State Building.) Selten bleibt man im Land an einem Ort, sondern fliegt auch dort ein bisschen durch die Gegend ... Vollends kompliziert wird es, wenn ich die Filme mitbringen muss. Das betrifft vielleicht nicht gerade die USA, aber Bhutan, Nepal, Kambodscha z.B., wenn es um schlichten HP5+ geht. Daher halte ich Bleibeutel für zwingend. Ich habe übrigens in all den Jahren auch noch nie erlebt, dass ich gebeten wurde die Filme aus dem Beutel zu nehmen und nochmals durchlaufen zu lassen.

Entwicklungszubehoer fuer die mobile Entwicklung.

Wenn schon absehbar ist, dass ich es mit hartleibigen Beamten und Ländern mit komplizierten Regeln zu tun bekomme (Japan z.B.), dann sollte man sich die Option der Entwicklung (und des Filmkaufs) im Reiseland überlegen. In vielen Ländern gibt es Services, die man sich vorher heraussuchen kann. Eine gewisse Unsicherheit bleibt natürlich. Oder aber man entwickelt selbst. Pulverentwickler und Fixierer hat mir im Reisegepäck noch nie Schwierigkeiten gemacht (flüssiger schon) – und eine JOBO 2520 ist auch nicht sooo groß. (Btw. Quecksilber-Thermometer sind im Flugzeug verboten!). Ein kleines Problem ist die Entsorgung. Ich habe bislang immer die Chemietoiletten-Entsorgungen genutzt. Je nachdem ob Camping-Site oder Tanke kostet das etwas. Wenn man z.B. in Nordamerika mehrere Tage mit dem Wohnmobil in der Taiga unterwegs ist, dann hat man so außerdem die Möglichkeit, schon vor der Heimkehr die Bilder zu sehen ... und nötigenfalls nochmal zu fotografieren ;-)

Campingplatz-Entwicklung

Zusammengefasst hätte ich folgende Ratschlaege:

  •  Immer schön freundlich sein. Mit einem Lächeln erreicht man bei den meisten Beamten mehr, als mit Hinweisen auf Gesetze & Co.
  •  Nach Möglichkeit die Filme (Chemie) im Zielland kaufen und auch dort entwickeln (lassen).
  •  Es gibt keine guten X-Ray-Scans – nach Möglichkeit vermeiden, also Zeit einplanen.
  •  Safer Photo! – niemals ohne Bleibeutel

Hotel-Entwicklung

 

  • No comments found

Leave your comments

Post comment as a guest

0
terms and condition.