John Hedgecoe “Fotografieren - Die neue große Fotoschule”

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

hedgecoe

John Hedgecoe, der Gründer und erster Professor der Fotografie-Fakultät des ‘Royal College of Art’ ist durch das Portrait Queen Elizabeth II, welches die berühmteste Briefmarke 1der Welt ziert, einem weltweiten Publikum bekannt geworden. Jeder, der sich irgendwie für Fotografie interessiert, wird irgendwann auf den Namen John Hedgecoe stossen. Hedgecoe ist 2010 verstorben und in seinem Nachruf schrieb Photoscala2 “Von ihm stammen Bücher wie „Die neue große Fotoschule“3, die im Gegensatz zu den vielen aktuellen Dünnbrettbohrer-Schnellschüssen auch wirklich Hand und und Fuß hat, sachlich richtig und so opulent wie anschaulich bebildert ist.”

The good, the bad the ugly

Dies ist erstens völlig richtig und zweitens ist es auch überaus deutlich. Denn leider ist es wirklich so, dass der Markt mit Fotografie-Ratgebern geradezu übersättigt ist und sich die einzelnen “Ratgeber” kaum noch voneinander unterscheiden bzw. eindeutige Kinder des Copy&Paste-Zeitalters sind.

In diesem Meer von minderer Qualität ist es nicht ganz so einfach, wirklich gute Bücher zu den Grundlagen der Fotografie zu finden. Natürlich gibt es da die Klassiker wie “Meisterwerke: Photographien” von Henri Cartier-Bresson, “Andreas Feiningers große Fotolehre” von Andreas Feininger oder “Langford - Grundlagen der Fotografie: Das Handbuch für engagierte Fotografen” von Michael Langford. Diese sollten allesamt irgendwann einmal einen Platz im Bücherregal eines jeden Fotografen bekommen. Doch ausgerechnet am Anfang sind diese Bücher etwas unbefriedigend, da sie entweder zuviel voraussetzen oder einem eine sehr gezielte Beschäftigung mit dem Thema abverlangen.

John Hedgecoes “Fotografieren” geht da einen etwas anderen Weg. Er behandelt die wesentlichen technischen Grundlagen, die man nicht am “lebenden Objekt” zeigen kann, auf den ersten 33 Seiten im Kapitel “Die Kamera” ab und geht dann schon mit dem zweiten Kapitel “Die Elemente der Fotografie” sofort ans Eingemachte.

Revolution liegt in der Luft

Jedes technische Element, jeder Begriff und jedes Konzept wird an Bildbeispielen erläutert. Hedgecoe: “Fotografie ist Wissenschaft und Kunst zugleich. Wer die technischen Grundlagen beherrscht, kann seine Bilder auch kreativ gestalten. Elemente wie Objektiv, Schärfe, Belichtung, Verschlusszeit, Filmmaterial und Licht tragen alle zu einem erstklassigen Foto bei.”

Objektive, Licht und Schärfe in einem Atemzug zu nennen und als “Elemente” zu betrachten, ist in der Tat revolutionär. Aber nicht nur das, es ist genau das, was der angehende Fotograf wissen möchte. Es ist eher sekundär, wie so ein Objektiv nun aufgebaut ist, es ist viel entscheidender “was hinten rauskommt”.

Und so zeigt er zu jedem “Element” ausreichend Bilder - so z.B. 5 Bilder zum “Element Objektive” am Beispiel der 50mm Festbrennweite, 10 Bilder am Beispiel der Shiftobjektive, 8 Bilder zum “Element Licht” am Beispiel des Weissabgleichs und so weiter.

Alle Bilder natürlich mit einer z.T. recht akribischen Beschreibung und den Aufnahmedaten wie Brennweite, Belichtungszeit und Blende versehen. Insgesamt enthält das Werk über 1,000 (!) Fotos von Hedgecoe mit den entspr. Beschreibungen. Damit ist es nicht nur für den Anfänger, sondern auch für den fortgeschrittenen Fotografen sehr wertvoll.

Und so geht es dann im gesamten Buch weiter. Die anderen Kapitel sind neben “Elemente der Fotografie”

- “Bessere Bilder gestalten”

- “Besondere Projekte”

- “Fotografie für Fortgeschrittene”

- “Entwickeln, vergrössern, nachbearbeiten”

Grundlegende Neuigkeiten

Der letzte Punkt lässt natürlich vermuten, dass es sich hier um ein “Analoges” Buch handelt. Dem ist nicht so, obgleich die “Analogfotografie” immer mal wieder erwähnt wird. Im letzten Kapitel verteilen sich die “Analogen” auf 12 Seiten und die “Digitalen” auf 28 Seiten.

Sehr wohltuend ist, dass hier nicht auf eine EBV4-Software von einer einzelnen Firma herumgeritten wird, sondern so grundlegende Techniken wie maskieren, Tonwertkorrektur, abwedeln, nachbelichten und weitere, die alle ihren Ursprung in der Dunkelkammer haben, sehr anschaulich auf die digitale Ebene transportiert wurden.

Gerade weil sich der Autor hier sehr zurückhält und die Grundlagen aus den Neuigkeiten, Gadgets und Features herausschält, ist es dem Buch bis heute gelungen aktuell zu bleiben. Und wird es nach meiner Ansicht auch die nächsten Jahre noch sein. Viel eher wird sich das Buch in die o.g. Ahnengallerie einreihen.

Wie mach ich das denn nun ?

Das Buch kann man auf verschiedene Weise benutzen und sicher wird da jeder seinen eigenen “Workflow” haben. Ich persönlich habe seinerzeit viele Bilder “nachzubauen“ versucht. Als Vorlage dienten mir die Bücher von Otto Croy5, die mir mein Uropa (welcher Fotograf im Vorkriegs-Berlin war) vererbt hat.

Der Croy ... ... und das klemmte da noch zwischen den Seiten.

Hedgecoes Werk ist geradezu eine Aufforderung es gleichzutun. Denn man sieht an seinen Beispielbildern was eigentlich rauskommen müsste und kann sich heute - Dank der schnellen Digitaltechnik - sofort und “onLocation” der “Fehlerdiskussion” hingeben, wenn es doch irgendwie nicht funktionierte.

Man kann das z.B. in einem “365 Tage Projekt” realisieren und ich gebe die Garantie, wenn das Jahr um ist und man ca. 1/3 der Hedgecoe Bilder “nachgebaut” hat, dann weiss man wirklich wie es geht - versprochen !

Nachtrag

Der Verlag teilte mir freundlicherweise bezüglich einer Neuauflage von Hedgecoes “Fotografieren” mit:

“… haben Sie vielen Dank für Ihre Anfrage. Im Moment gibt es keine Pläne für eine Aktualisierung des Buches. Unsere aktuellsten Bücher zur Digitalfotografie stammen von Tom Ang: http://www.dorlingkindersley.de/titel-0-0/praxiskurs_br_digitale_fotografie-1675/

Tom Angs Werk “Masterclass”6 werde ich zu einem späteren Zeitpunkt an dieser Stelle besprechen.

4Elektronische Bild-Verarbeitung
5“Bildlehrbuch der Fotografie”, “Das Portrait”http://www.spuer-sinn.net/blog1/das-portrat/

 

 

 

 

 

 

 

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