Lijiang - Fotografieren mit Quanten

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

LijiangIch bereise seit 2005 regelmaessig die Voelker rund um den Himalaya. Viele dieser Voelker stehen jetzt an der Schwelle zu einer praktisch globalisierten Kultur. Die versprengten Voelker in Nepal, Xinjiang, Tibet, Bhutan, Assam, Yunnan … die sich gegen Hinduismus, Islam, Christentum und Buddhismus gerade noch so wehren konnten, haben gegenueber 7Eleven, McDonalds, Starbucks und Toyota praktisch keine Chance mehr. Die erosive Vorleistung der Religionen wird jetzt beendet durch einen 100%ig austauschbaren Konsum-Globalismus. ...

 

Ein noelendes Vorwort

Diesen Lauf der Dinge aufzuhalten, halte ich fuer verlorene Liebesmueh. Siehe Irland oder das Baskenland, wo man versucht die keltische Identitaet, Kultur und Religion zu schuetzen bzw. wiederzubeleben.  Das ist, wenn man ehrlich ist, eher eine spezielle Form Disneylands. Wo in diesem Fall das Christentum oder bezueglich der Himalaya-Voelker der Buddhismus bzw. Islam einmal hingelangt hat, da bleibt nix beim Alten.

Damit man mich richtig versteht, als Kind des Ostens kann ich es voellig verstehen, wenn man seine Sachen packt, den alten Kram hinter sich laesst und sich in die weite Welt stuerzt. Man lebt nur einmal. Ich haette auch keine Lust im Theme-Park Ostdeutschland mit Wisent-Jeans, Dederonbeutel und  Trabi, fuer Besucher den Zonendoedel zu mimen …. der Kultur wegen … oder so.

Es ist wie gesagt "der Lauf der Dinge" und es ist weder schlecht, noch gut. Und wenn nicht staendig Leute ihre Sachen packen wuerden, dann wuerden wir heute noch in Hoehlen wohnen …

Fotografie und Quantenmechanik

Natuerlich stellt man sich sofort die Frage, ob man dann diese ganz sicher verschwindenden Kulturen nicht irgendwie konservieren kann. Macht man natuerlich. Die Firma CANON hat diesbezueglich sogar ein richtiges Programm ins Leben gerufen. Heisst “Cultural Heritage Inheritance Project”  (Tsuzuri).

Aber mit Voelkern, Kulturen und Religionen verhaelt es sich nunmal wie mit Quanten, will man sie beobachten, dann veraendert man sie. Dies weiss jeder Fotograf schon rein intuitiv - erlebt er ja auch staendig - ohne je Quantenphysik studiert haben zu muessen. Je mehr man diese Voelker beobachtet und deren Kultur archiviert, katalogisiert, systematisiert … desto schneller verschwindet sie bzw. veraendert sie sich.

Dieses Dilemma ist nicht aufloesbar und existiert uebrigens auch dann, wenn man von innen heraus eine Kultur beobachtet. In der untergegangenen “DDR-Kultur” gab es diverse Fotografen die diese archiviert und zugleich nachhaltig veraenderten, wenn nicht gar praegten, wie z.B. die ikonografischen Bilder des Thomas Steinert (unbedingt ansehen !).

Das Volk der Naxi/ Musuo

Kurz vor dem Fruehlingsfest war ich in Lijiang (Yunnan). Dort leben etwa 40 verschiedene ethnische Gruppen. Die bekannteste und groesste ist die Naxi-Kultur (neben den Han). Wie bei vielen Voelker des Himalaya (vor dem Einfall des Buddhismus/Islam/Christentum) ist diese Gesellschaft matrilinear. Heisst stark verkuerzt, dass die Frauen alle wichtigen Entscheidungen treffen und die Erbfolge weiblich ist.

Wie man am Bild schoen erkennt, ist die Rangfolge vorn die Mutter, dahinter die Toechter und Enkelinnen und ganz hinten bzw. seitlich die Maenner.


Was sofort auffaellt wenn man in Lijiang herumlaeuft ist, dass die meiste Arbeit von Frauen gemacht wird. Auf Baustellen, den Geschaeften, dem Feld sind fast nur Frauen zu sehen. Maenner haben sich zuerst um das Vieh, das Toeten und die Politik zu kuemmern.


Traditionell gibt es keine Ehe bei den Naxi/ Musuo. Die Maenner koennen in die Haeuser der Muetter kommen und dort mit einer Frau zusammen leben. Wenn die Beziehung nicht mehr funktioniert, kehren sie in ihr eigenes Mutterhaus zurueck. Es ist relativ normal, dass eine Frau Kinder von verschiedenen Maennern hat. Allerdings gibt es kaum Promiskuitaet, wie man faelschlich leicht vermuten koennte.
(Die oft zitierte chinesische Ein-Kind-Ehe gilt nur fuer die Han-Ethnie. Alle anderen 55 chinesischen Ethnien koennen so viele Kinder bekommen wie sie wollen und werden diesbezueglich staatlicherseits teilweise sogar unterstuetzt.)

Im Westen wurde diese Gesellschaftsform von diversen Sozialromantikern oder dumpfen Esoteriken oft idealisiert. Realistischerweise ist diese matrilineare Gesellschaftsform aber den Umstaenden geschuldet. Zum einen ist die Fruchtbarkeit bei den Naxi nicht sehr hoch, zum anderen ist der Genpool sehr klein und last but not least stand vor allem das blanke Ueberleben im Vordergrund, was letztlich zu dieser Gesellschaftsform fuehrte. Haupteinnahmequellen der Naxi sind heute nach wie vor die Landwirtschaft, aber auch der Tourismus.


Das chinesische Gov versucht einerseits den Tourismus zu kanalisieren und konzentriert diesen auf die sogenannten “Scenic Spots” wie Lijiang, Baisha, Shangrila usw. Die anderen Refugien versucht man durch diverse Schutzmassnahmen von den Touristen-Stroemen zu trennen. Leider hat die oben beschriebene Gesellschaftsform auch zu einer bizarren Art des Sextourismus gefuehrt. Insbesonders esoterisch-hirnverpilzten Backpacker (aus US und EU) sind ein ernsthaftes Problem geworden. Mein Wunsch waere, man macht es wie die Bhutaner und nimmt 250USD pro Tag und Person Eintritt fuer Lijiang, Shangrila usw.

Die Sprache

Ich habe fuer den Happyshooting Podcast den Schlachtruf “3-2-1 Happy Shooting” aufgezeichnet. (Wer den Podcast nicht kennt, zu Anfang der Sendung wird, vieleicht vergleichbar mit  "Sendung mit der Maus", der Wahlspruch in einer fremden Sprache, gesendet.) Wie man an diesem Beispiel hoert, unterscheidet sich die Sprache im Klang ganz erheblich vom Chinesischen.

Tatsaechlich gibt es da auch kaum Verbindungen. Viele aeltere Naxi koennen auch gar kein Hochchinesisch “PutongHua” (Im Westen sagt man gerne “Mandarin”, was eigentlich Beamten-Sprache ist. PutongHua ist richtig.) In Yuhu beispielsweise sprechen recht viele Alte Leute Englisch, aber kein Putonghua. Und zwar weil im WWII die Amerikaner im Krieg gegen die Japaner dort im Tal eine kleine Airbase hatten. Auch der bekannte Biologe Joseph Franz Karl Rock der dort von 1920 − 1949 wohnte, hat wohl zu der kuriosen Tatsache beigetragen.

Ein Freund von mir wohnt next door zu Dr. Ho, welcher es im Westen u.a. dank Bruce Chatwin zu einer gewissen Beruehmtheit gebracht hat. Jonathan Chatwin wiederum, war wohl gerade zur selben Zeit wie ich im Baisha Village und hat was zum Dr. gepostet.

Dr. Ho

Viel eher ist die Sprache mit dem Tibetischen verwandt. Das erstaunliche - wie ich finde - ist, dass sowohl Sprache als auch die Schrift noch so ziemlich im Dunkeln liegen. Es gibt ungefaehr 350,000 Naxi von denen allerhoechstens noch die Haelfte Naxi sprechen koennen. Die Schrift (auch Dongba genannt) beherrschen noch viel weniger. Wer die Schrift einmal gesehen hat, wird natuerlich gleich bestimmte Assoziationen haben. (Ich bin echt froh das die Daeniken-Spinner noch nicht auf die Naxi gestossen sind) Allerdings ist sie wohl noch gar nicht so alt. … Egal wie, nichts genaues weiss man nicht und eigentlich hat man gerade erst mit F.F. Rock begonnen, die Schrift und die Sprache genauer zu erforschen.


Wie man sich leicht vorstellen kann, hat die matrilineare Gesellschaftsform auch einen Einfluss auf die Sprache. Die Vorsilbe “weiblich” ist eine art Superlativ und macht Dinge groesser und entspr. “maennlich” Deminiutiv kleiner. Ein “weibliches Feld” ist ein grosser Acker, ein “maennliches Feld” ein Gemuesebeet. Oder uebertragend ein weibl. Auto ist ein SUV und ein maennliches ein GoCart … denkt mal drueber nach ... liebe SUV Fahrer(innen) …

Auf dem Weg von Lijiang nach Baisha faehrt man an der Lijiang University vorbei. Dort sollen vor allem Naxi und die anderen Lijiang Minoritaeten ausgebildet werden, z.T. in Naxi Sprache und von Naxi Professoren. Ich bin mir nicht so sicher, ob das beim eigenen Volk soviel Anklang findet. Denn wie Eingangs geschrieben ist den jungen Leuten an ganz anderen Sachen gelegen. Naxi Kinder (wie alle Minoritaeten in China) bekommen ein gewissen Bonus in der Ausbildung. Wie in ganz China ist auch in Yunnan die Hochschulzugangsvoraussetzung das sogenannte GaoKao. In diesem Examen versucht man eine bestimmte Anzahl an Punkten zu erlangen und ja nach Punktestand kann man sich eine entspr. Uni aussuchen. Naxi bekommen 20 Bonuspunkte. Meine Tochter, die in 98 Tagen Gaokao hat und eine Han ist, findet das natuerlich ungerecht.

Die Religion

Auch ueber die Religion der Naxi liegt noch allerhand im Dunkeln. Ganz sicher ist, dass es sich nicht um einen primitiven Schamanismus handelt. Die Religion ist recht komplex und hat offensichtlich diverse Einfluesse aus der im Westen bekannteren Bön. Moeglichweise ist sie sogar ein letzter Rest dieser legendaeren Religion des Himalaya inklusive Tibet, bevor der Buddhismus diese platt gemacht hat.

Wie auch in Bhutan versuchen die Buddhisten die Bön/ Dongba als minderwertig, schamanisch, animistisch zu diskreditieren. Natuerlich mit dem Ziel auch die letzten Reste zu assimilieren. Auf lange Sicht wird ihnen das auch gelingen. Wie auch das Christentum in Europa beherrscht der Buddhismus virtuos das Spiel mit Teile&Herrsche und assimiliert alles Verwertbare und unterdrueckt alles Stoerende. Auch hier ist die Parallele zum heutigen erzkatholischen Irland - dem ehemaligen Land der Kelten sehr aufdringlich.

Wer jetzt verwirrt ist, Dongba steht interessanterweise sowohl fuer die Schrift, als auch fuer die Priester(innen).

Die Natur

Ornithologen ist die Gegend um den Lashi See natuerlich bestens bekannt. Ebenso wie in Bhutan kann man dort sehr leicht die Schwarz-Hals-Kraniche oder die Streifengans finden.  

Leider kein Schwarz-Hals-Kranich, sondern ein ganz ordinaerer, aber auch ganz huebsch anzusehen.


Wer sich mehr anstrengen moechte, dem steht praktisch ein ornithologisches Paradies offen. Verschiedene Reiseveranstalter bieten diverse Trekking-Touren fuer Naturfreunde an. Allerdings sind die z.T recht beschwerlich und zeitlich etwas straff organisiert. Man sollte ausserdem nicht vergessen, Lijiang liegt auf ca. 3,000m und von da geht es nur noch auffwaerts. Viele Wanderwege sind so zwischen 4 − 5,000m und das ist nicht wirklich einfach. (Sauerstoff gibt es ueberall zu kaufen)

Noch besser ist es, man faehrt erst mal hin, akklimatisiert sich etwas und sucht sich dann einen entspr. Guide mit 4Wheel Truck und auch der entspr. Ortskenntnis. Der kann einen dann zu den Ausgangspunkten fahren und von dort an begleiten. Die diversen Wanderreisegruppen haben i.A. einen etwas zu organisierten Zeitplan, was fuer Fotografen so ziemlich das letzte ist, was man haben moechte. 4Wheel + Guide kostet pro Tag so ca. 300-400 RMB. Mit etwas Glueck ist der Guide auch offen und laedt einen in die Familie oder sein Dorf ein. Englisch ist bei den meisten Naxi kein Problem, aber chin. Sprachkenntnisse oder eine chin. Begleitung sind natuerlich hilfreich.

Lijiang Old Town


Der bekannteste “Scenic Spot” in Dali ist die Altstadt von Lijiang. Es ist ein bisschen wie eine Mischung aus Katmandu und Ibiza … schwer zu beschreiben. Die Altstadt gehoert zum Unesco Welt Kulturerbe und Abends steppt auf der Barstrasse der Baer. Wer sich in der Altstadt ein Gaetehaus sucht, der sollte aufpassen, dass es weit genug von der Barstrasse weg ist - sonst wird schlafen unmoeglich. Viele junge Leute auf der Suche nach sehr viel Spass … das ist der Ibiza-Part.


Andererseits kann man dort ganz hervorragend in den diversen Cafes abhaengen, lesen, Yunnankaffee trinken … kurz: die Seele baumeln lassen. Da man sich sowieso erst ein wenig an die Hoehe gewoehnen sollte, sind die ersten zwei Tage geradezu ideal dafuer.

Nicht wenige Chinesen fahren NUR dafuer nach Lijiang. Also nix mit Scenic Spots, Trekking und so weiter, sondern einfach nur mal fuer eine Woche anhalten. Wer die "live Pace" in China kennt und/oder aus den Metropolen der Ostkueste kommt, weiss auch auch wie wichtig dies zuweilen ist. Abhaengen = TaiChi. Btw. TaiChi hat nix mit Religion zu tun. Diese Form der Freiluft-Gymnastik ist lediglich dazu geeignet koerperlich & mental wieder mit zwei Beinen auf den Boden zu kommen. Lijiang ist, wenn man sich von der Barstrasse fernhaelt, ein idealer Platz fuer diese Form des ImKaffeeHausAbhaengTaiChi ... nur eben ohne diese nervtoetenden Verrenkungen.

Jetzt weiter mit dem zweiten Teil, da wirds analog ... ->