Tulou - Meister Kong, Kung Fu & iSteve

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

Konfuzius sagt: 學而時習之,不亦說乎?(xué ér shí xí zhī,bù yì yuè hū?) “Lernen und es von Zeit zu Zeit wiederholen, ist das nicht auch eine Freude? Warum ich diesem Artikel ein Zitat von Konfuzius voranstelle, hat nicht vordergruendig was mit dem Inhalt (dazu spaeter mehr) zu tun, sondern vielmehr etwas mit den Lehren des Konfuzius selbst.

Dieser Artikel handelt von den beruehmten "Fujian Tulou" auch "Hakka tulous", "earth dwellings", "round stronghouses" ... genannt. Festungsartige Clan-Haeuser, die bis zu 800 Menschen beherbergten und diese gegen unglaublich uebermaechtige Banditen-Armeen beschuetzten. Wie das ging und warum das ging, das steht hier...

Eine kurze Abschweifung

Im Westen gibt es sehr viel populaere (und z.T. extrem hahnebuechende) Vorstellungen davon, was denn nun die Lehre von Meister Kong sei. Um das mal extrem knapp auf den Punkt zu bringen, er dachte sich ein Regelwerk aus, wie viele Menschen auf kleinem Raum zusammenleben koennen, ohne sich sofort an die Gurgel zu fahren. Seiner Meinung nach sollte jeder Mensch nach einem Idealbild des "Edlen" (mitmenschlich, gerecht, respektvoll, kultiviert) streben, damit das auch klappt - das mit dem Zusammenleben. Den Weg dahin beschrieb er so "Zum Weg des Edlen gehört dreierlei, aber ich bewältige es nicht: Richtiges Verhalten zu anderen Menschen − es befreit von Sorgen. Weisheit − sie bewahrt vor Zweifeln. Entschlossenheit − sie überwindet die Furcht." Dies ist Hr. Kong in der Nussschale.

Konfuzius propagierte weder, noch war er Gruender einer Religion und er war auch kein Fan von sklavischer Aneignung unnuetzen Wissens, wie es von der ABC Amy Chua propagiert wird. Fuer Kong war Bildung (Weisheit) EIN Mittel auf dem Weg zu einem edlen Menschen, der ideal harmoniert mit seinen Mitmenschen. Er meinte eher das Gegenteil dieses Unsinns aus dem Bildungsratgeber fuer suburbian Housewifes, in welchem das Ausparken der Ellenbogen fuer Kinder salonfaehig gemacht werden soll. Chuas Auffassung (wenn es denn tatsaechlich eine ist und nicht eher dem schnellen Gelderwerb dienen sollte) hat mit Konfuzius soviel zu tun wie Astrologie mit Astronomie. Ist also wenn ueberhaupt irgendwas, dann genau das Gegenteil davon.



Kung Fu Hustle

Ich vermute beinahe jeder, der hier mitliest, hat schon mal Chow’s Film “Kung Fu Hustle” gesehen. Das ist zugegebenermaszen eine ziemliche Klamotte, aber dafuer eine sehr schoene. Der Film war international erstaunlich erfolgreich. Ich moechte behaupten, dass Nichtchinesen ca. 80% der Anspielungen bzw. Zitate im Film nicht erkannt haben.  Dass der Film trotzdem so gut ankam, lag vermutlich an den ebenfalls haeufigen und ueberall versteckten westlichen Filmzitaten von Der Pate, Matrix, Shining, Blues Brothers, Untouchables, Spider Man …(Apropos, die deutsche Sync ist nicht OK, die engl. ist um einiges besser und verschluckt auch nicht manch lustigen Zitate. Wenn das also keine Rolle spielt, dann lieber die engl. Fassung schauen.)



Die Handlung spielt am Rande von Shanghai 30er Jahre in der ‘Pig Sty Alley’. Shanghai war zu dieser Zeit ein echtes Gangster Nest, welches Chicago in rein gar nichts nachstand. Gangster, schoene Frauen, irre Typen, viel Geld, coole Musik und jede Menge Wahnsinn. Apropos Musik, der Film lebt auch davon, dass Chow chinesische Filmmusik verwendete.
(Da faellt mir ein, ich muesste auch was zur “Oper” bzw. der chin. Musik schreiben, und warum die wirklich gut ist, und ich die tatsaechlich gerne hoere, und wie man da hinkommt, die wirklich gerne zu hoeren und nicht als Laerm empfindet… aber das ist eine andere Geschichte. )

Ohne allzuviel zu spoilern, viele Szenen des Films zeigen das Miteinander vieler Menschen in einer Wohngemeinschaft. Darueber hinaus, dass Leute auf einem Fleck wohnen, versorgen sie sich gegenseitig und haben diverse Abhaengigkeiten und Hierarchien entwickelt. Trotz der z.T. extremen Macken und auch Geheimnisse der Einzelnen gibt es einen Codex, den man respektiert und im Zweifelsfalle dafuer kaempft und stirbt. Es existiert ein bestimmter Clan-Gemeinschaftssinn.



Diese Pig Sty Alley ist ein Gebaeude-Compound, der von verschiedenen Quellen inspiriert wurde. So z.B. von den typ. chin. 4-Haeuser-Hoefe “Siheyuan” aber auch von den Tulou.

(Apropos Siheyuan, wer schon mal in Beijing war, kennt vermutlich diese Hoefe in den Hutongs. Es gibt einen wundervollen Film, der von einer jungen und einer alten Frau erzaehlt, die in so einem solchen Hof gemeinsam wohnen und ist gleichzeitig eine Parabel auf die Zeitenwende. Den Film kann (sollte) man sich auf Chinesisch mit DE oder EN Untertiteln ansehen. Der Film heisst 我们俩  You and Me (2005) und ist von Ma Liwen. Offensichtlich verarbeitete Ma eine ihrer eigenen Geschichten in dem Film. Die junge Frau im Film heisst XiaoMa (kleine Ma). Man kann sich den Film vollstaendig auf Youtube anschauen.)

Tulou

Und jetzt waer ich auch schon beim Thema. Diese Tulous (irdene Haeuser) entstanden im 12Jh und erreichten im 17Jh ihre Bluetezeit. Also in den Dynastien Ming (1368-1644) and Qing (1644-1911). Wenn man heute von "Tulous" spricht, dann meint man meistens die beruehmten "Fujian Tulous". Gemeint ist eine bestimmte Bauform, die besonders in Fujian vorkommt. Insgesamt gibt es wohl 23,000 Tulous im Yongding County in der Fujian Provinz und ca. 3,000 zaehlen zu den “echten” Fujian Tulous bzw. den Hakka tulous, earth dwellings, round stronghouses …



Reisefuehrer erzaehlen gerne, dass die Tulou von der zivilisierten Welt das erste mal durch amerikanische Spionagesatelliten waehrend des Kalten Krieges wiederentdeckt wurden; und man daher beunruhigt in Beijing anfragte, was das denn sei; wobei man dann in Beijing der Sache nachging und so die Tulous wieder zurueck ins nationale Gedaechtniss rueckte. Diese Geschichte ist natuerlich voelliger Stuss, aber sie ist trotzdem so schoen, dass ich sie hier nicht weglassen moechte.  
Der erste, der sich nachweislich wissenschaftlich mit den Tulou auseinandersetzte war 1956 Liu Dun-zhen ("History of Ancient Chinese Architecture"). Der erste Satellit startete am 4 Oktober 1957 und hiess Sputnik-1.

Manche Reisefuehrer spinnen die Geschichte dann weiter, dass nach der  Entdeckung durch die Amerikaner, ein japanischer (sic!) Architekt nach YongDing kam und Massen an detaillierten Plaenen der Tulous gezeichnet haette und diese dann nach Japan brachte. Diese Geschichte ist nicht ganz so bizarr wie sie klingt, tatsaechlich gab es 1989 in Japan eine Veroeffentlichung eines jap. Autorenkollektives sowie eine Fotoausstellung mit dem Titel “Study on Chinese Civilian Housing—The Square Tulou and Round Tulou”. Und tatsaechlich kamen in den 80ern zahlreiche Japaner nach Fujian, allerdings, weil sie von der Veroeffentlichung durch Huang Hanmin “The Tradition Characteristics and Regional Style of Fujian Civilian Residence” in der “architect” (1982), angelockt wurden.



Die Fujian Tulou werden bzw. wurden von einzelnen Hakka Clans gebaut und bewohnt. Hakka sind im eigentlichen Sinne keine chinesische Ethnie, sondern eher eine Sprachgruppe der Han, die eben Hakka Chinesisch sprechen. Die Hakka waren schon immer sehr einflussreich in China und so ist es gar nicht verwunderlich, dass aus ihnen zahlreiche Beruehmtheiten hervorgegangen sind. So z.B. Sun Yat Sen, der Gruender der Chinesischen Republik 1911, der jetzige Regierungschef von Singapore Lee Hsien Loong oder auch Deng Xiaoping, der die Oeffnung Chinas nach 1978 einleitete.

Im 12Jh, als die ersten Tulous gebaut wurden, bis hinein ins 19Jh, war die Gegend im YongDing County alles andere als sicher. Praktisch ueber alle Jahrhunderte zogen marodierenden Warlords oder gewoehnliche Verbrecherbanden (haeufig in Personalunion) durch das Yongding Bergland. Das waren nicht so kleine Alibaba Banden mit 40 Raeubern, sondern zum Teil stattliche Banditen-Armeen mit mehreren 10,000 Desperados (!)

Wollte man das ueberleben, brauchte man eine wehrhafte Organisation und natuerlich auch die entspr. Infrastruktur. Organisiert waren die Hakka in ihren Clans, die wie Ministaaten operierten. Mit eigenem Bildungssektor, Judikative, Legislative und auch Executive. Und neben den diversen anderen Infrastrukturmassnahmen wie z.B. Wachtuermen, Signaluebermittlungseinrichtungen, geheime Lager … waren vor allem die wehrhaften Haeuser die wichtigste Infrastruktur, um sich die Parasiten vom Halse zu halten.



Und so kam es wohl, dass die Clans je in ein eigenes Haus zogen. Und wenn ein einzelnes Clan-Haus zu klein wurde, wurde ein weiteres verbundenes Haus gebaut. Aber auch die anderen Clans blieben nach Moeglichkeit in der Naehe, um sich gegenseitig unterstuetzen zu koennen. So entstanden die Tulou Cluster wie z.B. der Gaobei-Cluster, Tianluokeng-Cluster (fuenf miteinander verbundene Tulous), Dadi-Cluster, Nanxi-Cluster usw. Seit 2008 gehoeren die nun endlich auch zum Unesco Weltkulturerbe.

Ich schreib “endlich”, weil eigentlich bis heute kaum englischsprachige Fachliteratur von westlichen Wissenschaftlern zu diesem Thema vorliegt (abgesehen von Ronald Knapp “China's old dwellings”).
Eigentlich koennten sich an den Haeusern diverse Diplomanden und Doktoranden abarbeiten. Aber mal sehen, vielleicht kommt das ja  noch ...

Diese Architektur nennt man uebrigens auch “vernacular Architecture”, was mit der deutschen Uebersetzung “traditionelle Bauweise” mehr schlecht als recht bezeichnet ist. Gemeint ist, ich baue so, wie ich vor Ort Baumaterial bekomme und wie ich es ganz praktisch brauche, z.B. um wehrhaft, viele Menschen, auf einem begrenzten Platz, kostenguenstig und vernuenftig unterzubringen. Was dann dabei rauskommt, ist genau so wie es dort sein muss - ‘vernacular’ eben.



Interessanterweise kommt man aber auch in der “geplanten” Architektur auf die Form des Rundbaus. Wenn man sich das hier mal anschaut, dann kann  man sich auch fragen wo sich iSteve fuer sein Mothership hat inspirieren lassen. Moeglicherweise hat der autodidaktische Buddhist sich ja auch von den Tulous die Anregungen geholt. Das Mothership ist Vierstoeckig - genau wie die Tulou. Zufall ? Cool
(Btw. “Magsafe” ist ja wirklich eine praktische Sache und hat mir schon so manches mal meine Computer gerettet. iSteve hat sich dazu von den chinesischen Reiskochern inspirieren lassen. Die Chinesen und Japaner benutzten das schon seit den 50ern. Seit Apple das patentieren lassen hat, sind die wieder auf Stecker umgestiegen … aehem … umgestiegen worden.)

Wenn man “vernacular” mit zwangslaeufig-zufaellig uebersetzt, dann wird klar, dass besonders ein Aspekt wichtig ist. Naemlich die Loesung der Frage, wie koennen so viele Leute, in manchen Tulous wohnen bis zu 800 Menschen, einigermaszen harmonisch miteinander leben ?!



Herrn Kongs Tulous

Und da waeren wir wieder bei Konfuzius (und auch bei KungFuHustle). Das Zusammenleben funktioniert nicht, wenn man nicht neue auf die Situation angepasste Regeln findet. Kongs Tips zum gegenseitigen Umgang waren da genau richtig. Ich hab das oben etwas salopp mit “mitmenschlich 仁, gerecht 義, respektvoll 孝, kultiviert 禮 礼” zusammengefasst. Mit ‘Respekt’ meint Kong ausdruecklich die sog. Kindspflicht oder eben den Respekt vor der Familie bzw. den  Ahnen und ‘kultiviert’ ist u.a. ganz woertlich zu nehmen und schliesst Zeremonien und Feierlichkeiten explizit mit ein.
(Btw. Mitmenschlichkeit 仁 meint in der Tat die Humanitas bzw. Menschenrechte, auf das die Christen das Copyright reklamieren. Das ist natuerlich haarstraeubender Bullshit. Die Christen sind weder die Erfinder der Humanitas/Menschenrechte, noch geben sie anhand ihrer Geschichte allzuviel Anlass dazu zu glauben, dass sie damit ueberhaupt was anfangen koennten. Herr Kong starb 479 B.C.E. und war ganz sicher nicht der Erste, der sich darueber Gedanken gemacht hat. Das war fast 400 Jahre vor Cicero, der den Begriff Humanitas das erste mal in Europa benutze.)



Die Tulous sind die zu Stein gewordenen Inkarnationen der Ideen des Konfuzius. In der Mitte eines jeden Tulou befindet sich eine sogenannte Ahnenhalle. Das ist weniger religioes gemeint, als viel mehr einer der Riten, die Kong meint, die noetig sind, dass die Gemeinschaft ohne Mord&Totschlag funktioniert. Dort zeigen die Kinder ganz real ihren Respekt zu dem Clan, den Eltern und den Ahnen. Wie gesagt, diese Ahnenhalle ist im wahrsten Sinne des Wortes das Zentrum des Tulous. In den Ringen darum befinden sich dann die Verwaltungsgebaeude, wo z.B. auf die Judikative (Gerechtigkeit 義) der Gemeinschaft Streite schlichten muss, Aufgaben verteilt oder Finanzen regelt.

Einen Ring weiter nach Aussen finden sich die Ausbildungsraeume. Once again, Bildung ist einer der Wege um die genannten 4 Tugenden des Edlen zu erreichen. Die Bildung in den Tulou hatte keineswegs Klippschulenniveau - ganz im Gegenteil. Einen guten Lehrer fuer den Clan zu finden, hatte oberste Prioritaet - auch bezueglich der Kosten. Das Bildungsbudget duerfte das Militaerbudget um etliches ueberstiegen haben.



Um kein falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen, diese Gemeinschaften waren zu ihrer Bluetezeit sehr wehrhaft und funktionierten auch ganz ausgezeichnet. Dennoch waren sie ausserordentlich fragil. Wenn ein Clan kaempfte und die Banditen diesen Kampf gewannen, dann kam es zum Massaker. Ein wichtiger Punkt, wie die Banditen den Kampf  gewinnen konnten, war der Verrat. Wenn ein Tulou Bewohner einen anderen umbrachte, dann konnte er hoffen, wenn die Umstaende entspr. waren, dass das Tulou-Gericht nicht seinen Tod forderte. Ganz anderes war das bei Verrat, denn dieser gefaehrdete die gesamte Gemeinschaft und war damit die eklatanteste Verletzung der Prinzipien der Gemeinschaft. Auch Xerxes gewann die Schlacht bei den Thermopylen nur durch den Verrat von Ephialtes, die uebrigens im vorletzten Lebensjahr von Kong stattfand.

Ich erzaehl das, weil das was jetzt kommt nur schwer einzuordnen ist, wenn man den Kontext nicht kennt. Wie gesagt, gab es in den Tulous Schulen. Aus denen rekrutierten sich z.B. auch Beamte, die dann nach Beijing oder anderswo gingen. Dazu gab es eine (Beamten)Pruefung (高考 GaoKao), die es auch heute noch gibt. Also eine Abschlusspruefung der Schulausbildung, die letztlich ueber die Zukunft des Schuelers entscheidet. Ein Schueler, der bei dieser Pruefung betrog, hatte sein Leben verwirkt - denn das war Verrat. Mit Milde konnte der Schueler nicht wirklich rechnen. Einer, der seinen Nachbarn im Suff erschlug, der konnte seine Schuld der Gemeinschaft evtl. zurueckzahlen. Ein Verraeter allerdings, der war eine tickende Zeitbombe und brachte alle 800 Menschen in Gefahr.
(Btw. Ein bisschen von dieser Denkweise steckt auch heute noch in vielen Chinesen. Daher kann man sich auch vorstellen, was fuer ein verheerendes Bild Guttenberg, Chatzimarkakis, Saß, Mathiopoulos, Koch-Mehrin, Althusmann, Schavan … im Ausland abgeben. Nicht wenige Chinesen, die ich kenne, halten die Deutschen, die sowas zulassen fuer respektlose und unkultivierte Barbaren. )


 
Im aeussersten Ring, also praktisch an der Aussenmauer sind die Quartiere. Jede Familie wohnt von oben nach unten. Die meisten Tulous sind 4-Stoeckig. Das heisst ganz unten ist die Kueche und auch der Platz zum abhaengen, darueber ist der Speicher bzw. Vorratsraum und darueber dann die Schlafzimmer. Betrachtet man die Tulous von aussen, dann fallen die “gun ports” fuer die Kanonen bzw. Gewehre auf. Die waren natuerlich einzelnen Familienmitgliedern zugewiesen und befanden sich auf den Schlafzimmerebenen.

Es gab (und gibt bis heute) neben dem gemeinschaftlichen Besitz auch den Privatbesitz. Privatbesitz bedeutete aber auch Verantwortung. D.h. sollte ein guter Lehrer bestellt werden und die Mittel der Gemeinschaft reichten nicht, dann wurde von den Vermoegenderen ganz selbstverstaendlich ein hoeheres Engagement gefordert. Wenn man so will, richteten sich die Inner-Tulou-Steuern nach einem Prosperitaets-Level, der sich an einer maximalen Harmonie der Gemeinschaft orientierte. Der wohlhabendere wird nicht ob seiner Tuechtigkeit bestraft, aber er wurde auch staendig daran erinnert, dass alles was er nutzt und was in ihn investiert wurde aus der Gemeinschaft stammt. Das zu ignorieren, ist Diebstahl an der Gemeinschaft und Verrat an den Prinzipien Kongs.

Klar das ich jetzt auf den Hoeness rumreiten muss (sonst haette ich Graf, Zumwinkel, Lambsdorff, Schockemoehle, Schreinemakers, Becker, Poth … genommen). Mal ganz abgesehen davon, dass Hoeness in meinen Augen eine komplett verlogene und schwer zu ertragende Labertasche ist, ist seine “Steuerhinterziehung” (Euphemismus) ein extremer Diebstahl an der Gemeinschaft. In einem Tulou ist es (analog zum Verrat) schlimm, wenn man das Bier des Nachbarn klaut, aber das kann man irgendwie regeln. Unverzeihlich ist es allerdings, wenn einer die Gemeinschaft beklaut. Dies gefaehrdet die Basis des Zusammenlebens, die Prinzipien bzw. die Harmonie der Gemeinschaft und ist geeignet, diese zu zerstoeren. Eigentlich ist das auch in Deutschland so, doch dort hat man den Zusammenhang vergessen - weshalb die Gemeinschaft ja auch an allen Ecken zerbroeselt.


Die Tulous heute

Womit ich auch langsam zum Abschluss komme. Einige Tulous sind heute fuer Touristen zurecht gemacht und in nicht wenigen kann man sogar zu recht moderaten Preisen und auf einfachem Niveau uebernachten. Dennoch funktionieren die meisten Tulous nachwievor wie gehabt. Allerdings haben sie ein ein echtes Nachwuchsproblem. Viele haben sich vom Ersparten irgendwo, wo es Arbeit gibt, eine Wohnung gekauft und kommen nur noch zu Familienfeiern in die Tulous zurueck. Die Landwirtschaft und der Tourismus werfen nicht genug ab, als dass man davon Autos, Fernseher, Stromanschluss, Fernreisen … finanzieren koennte.



Ich kann mir gut vorstellen, dass wenn einige Clans auf neue Produkte wie z.B. Bio-Nahrungsmittel, Phytopharmaka, nachh. Textilien … nachh. Tourismus umsteigen, dass sie einige junge Menschen halten und auch ganz ausgezeichnet versorgen koennten. Ein gutes Beispiel wie das funktionieren koennte sind die diversen Co-ops weltweit oder speziell wie Longo Mai (urspruenglich Frankreich).

Wie schon im Lijiangartikel geschrieben, ist die Landflucht ein entscheidender Fakt im China des 21Jh. Evtl kehrt sich das mal um, aber dann ist genauso klar, dass dies nicht ohne Aenderungen des Status Quo einhergehen kann. Viele Tulous haben keine modernen Toiletten, der Stromanschluss ist zuweilen abenteuerlich und das Wasser wird wie seit Jahrhunderten aus Brunnen geholt und vom Regen gesammelt. Doch das zu implementieren, wuerde die urspruenglichen Tulous veraendern bzw. hat dies schon getan.


Natuerlich ist auch der Druck von Aussen, der diese Gemeinschaften erst erzwungen hat, verschwunden. Seit Ende des Buergerkrieges gibt es keine frei herumlaufenden Banden mehr (Interessant waere es mal zu erforschen, ob die Tulous aktiv den ‘Roten Garden’ getrotzt haben ?). Die Judikative, Legislative und Exekutive der Clans wurde natuerlicherweise durch den Staat uebernommen. Gleichwohl gibt es vom chin. Gov. Bestrebungen diese Grass-Root-Verwaltung auf einem bestimmten Niveau zu bewahren bzw. zu foerdern.

Die Zukunft der Tulous einigermaszen vorherzusagen, halte ich fuer praktisch unmoeglich. Um so wichtiger ist es natuerlich diese Dinge zu studieren oder wie der Meister eingangs sagte: “Lernen und es von Zeit zu Zeit wiederholen, ist das nicht auch eine Freude?”

~ fin ~

 

 

 

 

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