Pah ! LaPaDu ...

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

Urban Exploration- Warum sind Artefakte so interessant ?

Offensichtlich geht von Ruinen, verlassenen Gebaeuden, aufgegebenen Industrielandschaften und verrottenden Maschinen eine gewisse Faszination aus. Genau genommen kenn ich keinen, der einen Fotoapparat sein eigen nennt, von dieser Faszination ausgenommen waere - mich eingeschlossen. Es muss dafuer also gute Gruende geben, dass man sich evtl. in Gefahr begibt oder einfach nur dreckig macht und modrige Luft atmet. Ich persoenlich denke, es gibt verschiedenen Minor-Gruende und einen Major-Grund fuer diese Faszination.

 

Minor-Gruende sind z.B. das Interesse an Vintage-Architektur allem voran der viktorianischen Epoche, deren Charme bereits in die populaere Kultur als SteamPunk Eingang gefunden hat oder das (farbliche) Kontrastprogramm, so findet man intakte Haeuser normalerweise nicht von innen und aussen bewachsen, ebensowenig wie den zugestaubten 55er Ford in der Wueste.

 

Doch der wesentliche Grund ist zweifellos die Versinnbildlichung der Paare Leben/Tod, Sieg/Niederlage, Entstehung/Zerfall usw.  Betrachtet man diese Bilder nun genauer, dann stellt man fest, dass sich die einzelnen Teile dieser Paare an nur sehr wenigen Standardmotiven festbeissen. Das eine Motiv ist das Korrosions-Thema (http://www.youtube.com/watch?v=pgifFdi8eio).

Im Blickfang ist also meist etwas, was gerade “korrodiert”, also z.B ein Loch im Boden, die abfaulende Tapete, der verpeekte Messingwasserhahn … Und das andere ist dieses Loewenzahn-Thema (http://www.youtube.com/watch?v=765MqCrghpQ). Also z.B. der sprichwoertliche Loewenzahn, der sich durch den Asphalt bohrt oder der Efeu, welcher sich durch die Fensterkreuze schlaengelt … beliebt auch die Birke, die in der Regenrinne waechst … Nicht selten sind diese beiden Motive auch miteinander verquickt, wenn z.B. Baeume oder Ranken durch das eingestuerzte Dach reinkommen.

Diese Motive ueberzeugen uns davon, dass nichts ewig ist. Der Link zu den vom Menschen geschaffenen Objekten nun, fuehrt einem nochmals die Endlichkeit des menschlichen Daseins "brutal&ungeschminkt" vor Augen. Und dies ist es, was uns in gewisser Weise erschauern laesst und gleichzeitig fasziniert. Und wie, um die Macht dieser unumstoesslichen Wahrheit ein bisschen zu daempfen, holt man noch schnell die Loewenzahn-Nummer raus, um sich selbst damit, wenigstens ein bisschen, zu troesten.


Hardcore-Loewenzahn

Viele Fotografen lehnen diese Betrachtung ab und behaupten, “Nein nein, es geht nur um die ‘Schoenheit des Verfalls’ - sonst gar nichts…”. Das ist Quatsch, denn waere es so, dann bietet die Natur, voellig befreit von Artefakten, alles dazu an. Ueberall in der Natur verfaellt oder verfault staendig etwas oder wird schlicht ‘wegassimiliert’. Dennoch gibt es diese ‘Schoenheit des Verfalls’ durchaus auch in der UrbEx-Fotografie, doch die spielt dort nur eine untergeordnete Rolle - viel wichtiger ist dort die unsichtbare Verbindung zum Menschen. (Zu diesem Thema passt uebrigens ganz gut der Film “A Zed & Two Noughts” (Z00).)

Nun gut, sogesehen ist der LaPaDu nicht wirklich eine UrbEx-Kampfzone, sondern eher eine Mischung aus Uebungsplatz fuer angehende Explorer und Themepark fuer Familienausfluegler.


Warum keine Menschen ?

Es geht bei diesem Thema also um den Menschen selbst und insofern ist es geradezu unglaublich, dass dieses Genre (UrbEx) komplett ohne Menschen im Bild auszukommen scheint. Genau genommen stoeren sie sogar oder wuerden die Bildaussagen z.B. auf eine soziale Aussage reduzieren. So z.B. wenn man in einer Ruine einen Obdachlosen aufgestoebert hat und dieser sogar einwilligt sich fotografieren zu lassen.

Ein anderes, aber sehr krasses und evtl. nicht jedermanns Thema waere  die ForensicPhotography an Tatorten wie Ruinen&Brachen, denn dann bekommt man Tod&Leben so real, unappetitlich und unmittelbar serviert, dass 1,000 Loewenzahnbilder nicht reichen werden, diesen Eindruck jemals wieder zu kompensieren. (In Wirklichkeit hat man aber permanent sowohl den “Obdachlosen” als auch die “Leiche” im Hinterkopf, wenn man in eine Ruine einsteigt.)

Dieses Thema ist auch gar nicht so abgefahren wie es scheint, denn so hat z.B. der “Rosa Riese” im Fotografen-ElDorado Beelitz-Heilstaetten seine Spur hinterlassen - und nicht nur der… Die Beelitz-Fotos von Marc Mielzarjewicz und die Story dahinter findet man hier:  http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/23844/beelitz_heilstaetten.html.

Ich war Anfang der 80iger in Beelitz, da war alles noch in Betrieb und fand die Sache gar nicht sooo dolle. Doch die gesamte Ostzone lieferte zu der Zeit, ob ihrer verfallenden Innenstaedte, Material satt fuer den angehenden Fotografen. Viel eher reizte mich noch die Umgebung um Buckow-Seelow-Muencheberg auf der entgegengesetzten Seite von Berlin und die duerfte noch heute das Paradies fuer fotointeressierte ‘Bunkerarchaeologen’ sein.


Abandoned East Germany


Was also tun ?

Mithin sind diese Urban-Exploration Bilder allesamt Still Lifes. Mit etwas Boeswilligkeit kann man ‘Still Life’ auch mit ‘angehaltenem Leben’ beschreiben. Was also tun, wenn man nicht mit Nick Cave’s ‘Where the Wild Roses Grow’ im iPod und dem weissgeschminkten Model auf einem Abraumbagger die ‘Endlichkeit der Existenz fotografieren moechte ? (Um endlich mal alle Klischees satt zu bedienen).

Ich denke, der Alltag ist ein bedeutend besserer Ort. Ich weiss nicht genau, ob Diane Arbus jemals Ruinen fotografiert hat - vermutlich ja - aber wenn man sich ihre Bilder anschaut, dann bekommt man vielleicht eine Ahnung, was ich konkret meine. Sie braucht gar keine Ruinen, Requisiten und Gedoehns. Alles das, was den o.g. Schauer ausloest, steht in den Augen und Gesichter ihrer Models (respektive ‘Opfer’ wie Sontag meint).

Sontag hat gar nicht so unrecht, denn Arbus Bilder sind nur sehr schwer zu ertragen. Man kann das Experiment machen und sich in einem Museum 10min auf ein beliebiges Arbus-Bild einlassen und wird definitv noch vor Ablauf der Zeit deprimiert sein. Arbus bekommt es sogar fertig, dass man beim Betrachten ihrer Kinder-Bilder die eigenen Gedanken abwaegend zwischen Schlaftabletten und Rasierklinge schweifen laesst.

Arbus ist/war zweifellos eine der besten Fotografen der Welt und niemand sonst kann ihr m.E. bis heute das Wasser reichen, wenn es um diesen dunklen Aspekt des menschlichen Lebens geht. Doch was mir als bekennenden Opportunisten fehlt, dass ist die Loewenzahn-Komponente in ihren Bildern.

Man muesste also fuer diese (von mir favourisierte) Bildaussage eine gewisse Tristess/Hoffnungslosigkeit/Endlichkeit auf das Gesicht oder die Umgebung bekommen und gleichzeitig eine Komponente hinzufuegen, die verhindert, dass man nach dem Ausloesen von der Bruecke springt. Das ist natuerlich total einfach, man verschmilzt einfach den ‘Blick fuer das Verlorene’ der Arbus mit dem Glueck des Vernacular-Photographen und dem Witz eines Martin Parr - und fertig ist. Nein, natuerlich ist das Quatsch - aber wie denn dann ?

Arbeiterinnen in einer chin. Photovoltaik-Fabrik


Was ist Alltag ?

Ich habe ja eben gemeint: ‘Ich denke, der Alltag ist ein bedeutend besserer Ort’ um eine gelungenere, praezisere, besserer … Bildaussage bezueglich der oben genannten Sinn-Paare Leben/Tod, Sieg/Niederlage, Entstehung/Zerfall usw. zu finden, als in Ruinen rumzustromern.

Aber was ist eigentlich Alltag ? Rein mathematisch sind das ca. 7h ‘Schlaf’, 9h ‘Arbeit’, 4h ‘Transport&Logistik’, ca. 2h ‘Stoffwechselei’ und dann noch 2h ‘Freizeit’. Am Wochenende ist das ganz aehnlich und auch nicht frei von Arbeit, auch wenn man sie dann nur fuer sich oder die Familie tut.

Unter fotografischen Gesichtspunkten ist das sehr interessant, denn unsere fotografischen Arbeiten repraesentieren in der Menge ganz und gar nicht diese Tagesanteile. ‘Schlaf’ z.B. trifft man vor allem in der Aktfotografie an, obwohl man z.B. beim Torso noch nicht mal sagen kann, ob der Schlaf thematisiert wird. Aber dennoch Akt=>Ruhe=>Schlaf … so irgendwie. ‘Stoffwechselei’ ist auch interessant, denn zwar thematisiert man so gut wie nie essende Menschen(warum nicht?), wohl aber das Essen selbst in der FoodPhotography. ‘Transport&Logistik’ sind so prickelnde Themen wie Einkaufen gehen, Kinder in die Schule oder zum Sport schaffen, zur Arbeit fahren usw. Dieses Thema wird erfreulich oft thematisiert, da es vor allem in der Oeffentlichkeit stattfindet - eben in der StreetPhotography. ‘Freizeit’ bekommt in unseren Fotothemen zweifellos den wichtigsten Platz eingeraeumt. Das beginnt beim Sport, geht ueber die div. Familienthemen, Exkursionen und endet irgendwo bei Auto,Hobby,Stammtisch.


Men At Work

Das heisst, dass das was wir abbilden, hat in seiner Summe nur sehr wenig mit unserem RealLife zu tun. Wir verbringen 9h auf Arbeit, aber unser fotografisches Werk, das sich mit dem ‘Menschen auf Arbeit’ befasst ist sehr duerftig. (OK, mit einer Portion Zynismus koennte man behaupten der Kriegsfotograf zeigt den Soldaten bei der Arbeit.)

Doch warum thematisieren wir ‘Arbeit’ eigentlich so ungerne ? Weil wir sie z.T selber als laestig oder als notwendiges Uebel empfinden, evtl. duerfen wir dort auch nicht fotografieren oder uns erscheint das Thema zu banal. Moment ! - zu banal ? Wir krabbeln in die dreckigsten Ruinen um so schrecklich banale Dinge wie Leben/Tod, Sieg/Niederlage, Entstehung/Zerfall zu thematisieren und sehen nicht, dass genau diese Themen auch in unserer Arbeitswelt tagtaeglich praesent sind ?

Nur ein sehr geringer Teil der Arbeitswelt einer entwickelten Gesellschaft spielt sich in der Oeffentlichkeit ab. In weniger entwickelten Gesellschaften z.B. hier in Asien begegnet man der Arbeit noch oft auf der Strasse - In Europa verschwindet dieser Anblick hinter Werksmauern und Glasfassaden. Wer sich z.B. Fotoausstellungen wie “Humanism in China” anschaut, der findet zahllose Bilder, die genau diese Arbeitswelt thematisieren. In diesen Gesellschaften wird Arbeit noch thematisiert, doch in den entwickelten/westlichen nicht mehr.

Waschplatz in Mumbai Grossmarkt auf Hainan Fassadenarbeiter Shanghai

Die Arbeitswelt in EU ist aber auch keine Stromberg-Hoelle und es gib dort nicht nur die Arbus-Geister, sondern auch alle anderen Schattierungen des menschlichen Lebens wie Freude, Spass, Zuversicht, Skurilitaet … zu sehen. Ich fotografiere sehr viel in Fabriken, meist zum Zwecke irgendein Image irgendeiner Firma zu unterstuetzen. Aber natuerlich nutze ich die Gelegenheit weidlich aus und suche mir genau diese Sujets wie Leben(Freude)/Tod(Trauer), Sieg(Euphorie)/Niederlage(Aerger), Entstehung(Frische)/Zerfall(Muedigkeit).

Arbeiter in Dezhou

Trauer/Aerger/Muedigkeit manifestieren sich z.B. oft in den Bildern, die ich persoenlich ‘Mensch in der Maschine’ nenne. Diese Bilder sind trist, so trist wie eine verlassenen Kaue im LaPaDu, aber sie bringen einen nicht um, wie es Arbus-Bilder irgendwann tun und doch haben sie den Menschen nicht nur zum Thema, sondern auch im Bild !

Alibaba Call Center im Hangzhou HQ

‘Der Mensch in der Maschine’
So nenne ich Bilder, in denen der Mensch quasi mit der Maschine verschmilzt. So ein bisschen habe ich mich von Rauschenberg&Co. inspirieren lassen. Ich geh eigentlich nicht los, um genau solche Bilder zu schiessen. Die ergeben sich eher im Job … mit ein bisschen Uebung erkennt man dann auch das Motiv auch ganz schnell zwischen den anderen. Also dann: Weidmanns Heil !


Fazit

LaPaDu ist Honig essen - Firmenbesuch ist Bienen kauen !

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