Peinliche Goetter und der Foto-Falter

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotofalter

Man wird ja gelegentlich gefragt, wie man zum Fotografieren gekommen sei. Und die allermeisten wissen darauf natürlich keine klare Antwort. Ich weiss diese Antwort ganz genau. Mein Opa und auch Uropa, den ich noch kurz kennengelernt habe, sind wahre Fotoenthusiasten gewesen und haben besonders Berlin vor, während und nach dem Krieg mit der Kamera dokumentiert. Da ich aufgrund der Berufstätigkeit meiner Eltern ständig in der Nähe von Oma & Opa war, habe ich die Fotografie praktisch mit in den Kinderwagen (zuweilen ganz wörtlich) gelegt bekommen.

Wie das so ist, habe ich dann erst von meinem Uropa und viele Jahre später von meinem Opa, den ganzen “Fotokram” geerbt. Ein Teil dieses Erbes sind diverse Fotobücher und Fotozeitschriften. Unter diesen Zeitschriften war auch der “Foto-Falter”.

(Originalartikel aus dem Foto-Falter 09/59, 06/60 und 09/60 am Ende des Artikels zum Download)

Dieser erschien von 1955 bis 1962 in Halle an der Saale im Wilhelm Knapp Verlag. Der Foto-Falter wurde dann mit der bereits seit 1927 erscheinenden “Film für Alle” zusammen gelegt, und erschien fortan unter dem Titel “Fotokino-Magazin”. Da der Wilhelm Knapp Verlag bereits 1950 enteignet und wenig später in Düsseldorf neu gegründet wurde, wurde der Verlag rückwirkend bis 1957 in den Fotokino-Verlag umbenannt. Zusammen mit dem Fachbuchverlag wurde der Fotokino-Verlag in eine gemeinsame GmbH umgewandelt und mit dieser zusammen im April 1991 an den Verlag TÜV Rheinland GmbH in Köln verkauft.

Die Firma wurde in der Nachfolge des Wilhelm KnappVerlages, der nach Duesseldorf übersiedelt war, am 24. August1957 (rückwirkend zum 1. Juni) in Halle (Saale) als Buch- und Zeitschriftenverlag gegründet, um sowohl “Spezialliteratur für das Foto-, Film- und Tonschaffen- als auch populäre Bände für Amateurfotografen und Hobbyfilmer anzubieten(1). 1964 erfolgte eine organisatorische Einbeziehung in den VEB Fachbuchverlag in Leipzig. Der Fotokinoverlag blieb zwar nach außen hin ein selbständiger Verlag, wurde aber strukturell als Abteilung des Fachbuchverlages behandelt.

Zum zehnjährigen Jubiläum erhielt der Verlag ein neues Signet und präsentierte seine Bilanz: Zwischen 1957 und 1967 waren 311 Titel mit 2,4 Mio. Exemplaren erschienen, darunter 182 Erstausgaben. Ein Drittel der Produktion ging in den Export." (2)

Im Verlag erschienen 3 Zeitschriften, darunter die auflagenstärkste deutsche Fotozeitschrift “Fotografie”, die einen Exportanteil von 40% der Auflage hatte, das “Fotokino-Magazin” mit über 100000 Exemplaren Auflage und die wissenschaftliche Fachzeitschrift “Bild und Ton”.

Pro Jahr erschienen etwa 20 Bücher, davon 5 bis 6 Erstausgaben.(3)

Anschrift in der DDR: VEB Fotokinoverlag Leipzig, Karl-Heine-Straße 16, PSF 67, 7031 Leipzig, ISBN: 3-7311-

Der Fotokinoverlag wird zusammen mit dem Fachbuchverlag in eine gemeinsame GmbH umgewandelt und mit dieser zusammen im April 199l an den Verlag TÜV Rheinland GmbH in Köln verkauft. Die Buchproduktion wird eingestellt, die Fotozeitschriften werden nach und nach geschlossen, zumal es eine Zeitschrift mit dem Namen “Fotografie” bereits auf dem bundesdeutschen Markt gibt. Das Archiv wird nicht mit übernommen und vernichtet.(4) Die Rechte fallen mehrheitlich an die Autoren zurück.

1 Dokumentation DDR-Verlagskunde, a.a.O., S.47

2 Im Dienste humanistischer Fotografie. VEB Fotokinoverlag Leipzig besteht zehn Jahre. In: Bbl. (L) 21/1967 vom 23. 5. 1967, s. 390 f.

3 Bbl. (L) 51 /1987 vom 22.12.1987, S. 910-912

4 Lokatis Tiepmar: DDR-Verlagsarchive: a.a.O., S.455 und 462

Aus "Das Schicksal der DDR-Verlage: Die Privatisierung und ihre Konsequenzen" von Christoph Links

Zwar heisst es im Artikel 35 Abs. 2 des Einigungsvertrages: “Die kulturelle Substanz in dem in Artikel 3 genannten Gebiet darf keinen Schaden nehmen. “ Dennoch ging es dem Fotokinoverlag und zahlreichen anderen Verlagen der DDR schlussendlich an den Kragen. Sie wurden zur leichten Beute von Glücksrittern, Konkurrenten und zahllosen (meist haarsträubend inkompetenten) IchMachMalWasMitVerlag-Wannabies.

Bei der neuerlichen Lektüre einiger Foto-Falter ist mir aufgefallen, dass die Artikel gelegentlich heute noch aktuell sind. Zum Teil unterhalten sie auch auf eine ganz spezielle Art und Weise. Z.B. wenn man so etwas liest: “Wenn man die Besitzer einer guten Kamera dahin bringen will, daß sie sich noch eine zweite Kamera zulegen, so müssen das sehr gewichtige Argumente sein. Denn wer kauft sich zum ersten noch ein zweites Auto, Fahrrad, Radiogerät usw. ?”  Ich hab mich daher entschlossen, in loser Folge und sehr gelegentlich einzelne Artikel aus dem Foto-Falter auf diesem Blog zu kommentieren.

Peinliche Götter

Angetriggert wurde dieses Projekt allerdings durch ein ganz spezielles Ereignis. Am 23. Nov. 2013 wurden anlässlich der Sotheby’s (RED)1 Auktion in New York, 40 Leica - designed by Jonathan Ive & Marc Newson - versteigert. Als ich das Bild der neu gestalteten Leica das erste mal sah, da dachte ich sofort, “Ach guck, ne Penti !” Tatsaechlich gehen die Ähnlichkeiten sogar über das rein Äußerliche hinaus. So besteht auch bei der Penti (Penti II und Pentina) das Gehäuse aus einem speziellen eloxalveredeltem Aluminium.

Ich hab keine Ahnung, ob das Ive-Newson-Team von der Penti wusste -ist genaugenommen auch egal- aber diese Ähnlichkeit war für mich dennoch so verführerisch, dass ich da noch mal ein bisschen nachbohren musste. Ich hab mir also die Marketingaussagen von (RED) neben die Texte des Fotofalters gelegt.

2013 Jonathan Ive “We wanted to make it light, we didnt want to make it out of brass, we wanted to make it from aluminum. We used the most advanced tools that we possibly could to make it …”

1959 Foto-Falter: Und nun macht offensichtlich die Penti geradezu einen Sprung nach vorne.

Walter Hennig: “Gewiß! Da ist zunächst der ganz flach gehaltene Druckgußteil - unbedingt notwendig, damit die Penti, die ja eine ausgesprochene Taschenkamera sein soll, ganz leicht und glatt in jede Art von Tasche gleitet.

Die etwas unbeholfene und spröde Erklärung des Konstrukteurs der Penti, Herr Ing. Walter Hennig, im totalen Kontrast zum weichgespülten Marketingblah von Ive&Newson, fällt natürlich auf und stimmt nachdenklich. Nimmt man das ganze Interview mit Walter Henning und stellt es gegen das Werbevideo, dann ist das schon beinahe rührend. Ungläubig starrt man auf Textstellen, wo Selbstverstaendiches ganz selbstverständlich dargelegt wird. So etwas geht in der heutigen Werbesprache eigentlich nicht:

Foto-Falter: Es ist erstaunlich, daß sich unsere Techniker heutzutage auch noch sehr gründlich mit ästhetischen Problemen herumschlagen müssen, die ihnen von Haus aus doch nicht so liegen können, wie die rein physikalischen und chemischen Aufgaben in Konstruktion und Produktion.

Henning: Wir haben allerdings unseren Horizont grade in dieser Hinsicht erweitern müssen. Das setzt freilich eine gewisse Veranlagung hierfür voraus. Immerhin ist das, was wir hier meinen und was man "Industrielle Formgebung" genannt hat, heutzutage schon zu einem Spezialarbeitsgebiet geworden. Daher ziehen wir Techniker jetzt, wenn wir mit solchen Aufgaben zu tun haben, zur Beratung einen Spezialisten auf diesem Gebiet hinzu. So ähnlich, wie man etwa bei schwierigeren Diagnosen noch einen Spezialarzt konsultiert,

“Industrielle Formgebung” ist die alte Bezeichnung für Design. Wobei ich bezweifle, dass Ive und Newson sich als Fachärzte fuer Konstrukteure verstehen. Tatsächlich ist die Bezeichnung “Gott” gerade so angemessen, “Apple Design God Jony Ive Has An Auction At Sotheby's — And The Items Are Awesome”2. Eine weitere Perle der Bescheidenheit (Newson) “You discover that very few people have the level of perfection we do. It is actually very sick. It is neurotic."

Würde man das Interview mit Henning mit der heute üblichen Marketingsprechsauce des Meister des Nichtssagens, Apple, uebergießen, dann sähe das vermutlich so aus:

ETWAS VOLLKOMMEN NEUES IM KAMERABAU
Wenn man die Penti zum ersten Mal zu sehen bekommt, hat man den Eindruck: ganz neuartig in Form und Farbe. Wie kamen Sie darauf?
Ihre Frage will ich Ihnen zunächst mit einer Selbstkritik beantworten. Sie werden verstehen, daß wir Techniker von Haus aus unser Interesse am stärksten dem technischen Fortschritt zuzuwenden pflegen. Hier konnten wir gerade auch im Kamerabau wohl jedes Jahr allerhand Neues bringen. Aber in der äußeren Gestalt und in der Farbgebung haben wir uns im Laufe der Jahre, ja man kann sogar sagen: der Jahrzehnte, nur sehr zögernd voranbewegt.
WE CREATED AN ENTIRELY NEW CAMERA

We’ve gone to extraordinary lengths. And widths.

Take the Penti in your hand and something incredible happens: The world around you seems to disappear, and you lose yourself in the big, beautiful viewfinder. To create an experience this immersive, we pushed every limit, rethought every detail, and advanced the camera in the most astonishing ways.3

Ultrasmall design.The Camera. In its most advanced form ever.

Creating such a stunningly small design took some equally stunning feats of technological innovation. We refined, re-imagined, or re-engineered everything about Penti from the inside out. The result is an advanced, elegant all-in-one Camera that's as much a work of art as it is state of the art. 4

Das ist natürlich zum brüllen komisch (und beschreibt im realen Leben wirklich Appleprodukte). Dennoch, wir sind diesem Unsinn täglich ausgesetzt und bekommen die groteske Albernheit unserer Werbewelt nur noch dann bewusst mit, wenn wir die Zeit um 50 Jahre zurück drehen.

Der enorme Kontrast zwischen dem Marketing der VEB Kamera- und Kinowerke Dresden und der geradezu triefend-peinlichen Anbiederung der Firmen heute, öffnet bei mir allerdings noch eine weitere Tür. Marketing ist nicht selten ausgesprochen verlogen. Ive und Newton sollen vordergruendig für einen karitativen Zweck designen, gleichzeitig weigert sich der Gründer von (RED), Bono, Steuern zu zahlen oder diese Steuern wenigsten selbst für Aids oder “fucking Pills”5 zu spenden … Wir reden hier von 1.100 Millionen USD Besitz der U2-Kapelle. Eine einzelne Penti-Leica ging am Ende der Auktion für 1,8 Millionen USD über den Ladentisch.

Penti II

Die Penti I hatte wirklich einige bahnbrechenden Neuerungen auf den Markt geworfen. Die wichtigste war sicherlich das neue Format 18x24mm (heute würde man APS-C sagen). Das allein ist aber noch nicht das Ding. Tatsaechlich wurde gewöhnlicher Kleinbildfilm verwended, welcher links aus einer Kassette in die rechte Kassette wanderte - und entsprechend nicht (!) zurückgespult werden musste. Da das Film-Maß in der Hoehe entsp. 24mm betrug, war jedes Foto 18mm breit. Das ist sensationell, denn das heisst, es wurde nur noch Hochformat fotografiert ! (Ausser natürlich, man hält die Kamera hochkant). Das war wirklich mutig und ich kann mir vorstellen, dass gerade dies in den Koepfen der Entwickler zu den meisten Bedenken geführt hat. Um mit den Dampfplauderern zu sprechen, da wurde ein alter Zopf abgeschnitten. Als Kassetten wurden anfänglich die Agfa-Karat und später, wohl aus lizenzrechtlichen Gruenden, die OrWo-SL-Kassetten verwendet.

Auch bei der Wahl des Objektives hatten die Entwickler ein gutes Händchen. Das Trioplan 1:3.5/ 30mm von Meyer Goerlitz entspricht nämlich exakt der Normalbrennweite. Der Schärfebereich ab Blende 3.5 ist entsprechend gross, was gelegentliche Fehlfokussierungen wieder ausgleichen kann.

Die Belichtungszeiten waren mit 1/30s-1/125s etwas eingeschränkt. Allerdings war die Kamera wirklich als Schnappschusskamera gedacht und da wäre 5.6 /125s sowieso voreingestellt gewesen. … Zumindest bei Schwarz-Weiss-Filmen … Und das war auch das grosse Manko der Penti I. Wollte man die Belichtung exakt messen -und das muss man bei Farbfilmen- dann kam man um einen Handbelichtungsmesser nicht herum, was die Idee der Schnappschuss-Kamera konterkarierte.

Und so haben Henning und seine Leute gerade mal ein Jahr später noch einen draufgelegt und die Penti II, mit einer Belichtungsautomatik und Leuchtrahmensucher, herausgebracht. Bedenkt man den Mangel in der DDR -wir schreiben das Jahr 1960- und auch die diversen anderen Hemmnisse in der Konsumgüterproduktion dieser Zeit, ist die Entwicklungs-Geschwindigkeit sensationell. Ich kann mir das nur so vorstellen, dass man die Penti vor allem in den Export drücken wollte. Die Penti II hat die Penti I, die von da ab nur noch “Penti 0” hiess, vollständig verdrängt. Sie wurde beinahe unverändert 17(!) Jahre bis 1977 gebaut. Und wie es scheint, hat die Penti auch heute noch ihre Freunde6.

Die Frauen

Das behäbige und aus heutiger Sicht auch etwas schlüpfrige oder wenig-pc-Marketing war eindeutig an Frauen als Käuferschicht adressiert. Obwohl in der DDR Frauen in den Betrieben arbeiteten und damit die Gleichstellung zweifellos schneller vorankam als im gerade restaurierten Westen, so muten einige Auesserungen heute ziemlich befremdlich an.

Ist die Penti nur ein hübsches Spielzeug, oder ist sie mehr? Wir wollen -unus pro multis- als Antwort darauf das Urteil einer jungen Ärztin wiedergeben. Sie schreibt:

Mein Mann hat eine moderne Fotoausrüstung mit allen Schikanen, und er macht auch sehr beachtenswerte Aufnahmen, selbst unter schwierigen Verhältnissen. Mir aber ist diese Art des Fotografierens - offen gesagt - viel zu kompliziert, und ich habe mit den Geräten meines Mannes nichts Gescheites zustandegebracht. Jetzt habe ich eine Penti ganz für mich. Was gibt es bei ihr schon groß einzustellen? Die paar Standard-Einstellungen kann man sich leicht merken. Dann blickt man durch den Sucher und drückt auf den Auslöser. Das ist alles. Ich finde das herrlich, und mir geht fast nichts schief. Jetzt endlich kann ich zu jeder Stunde meine Kinder aufnehmen, denn ich habe die Penti immer bei mir. Im Fotogeschäft macht man mir schnell die für mich voll ausreichenden 6x9-Vergrößerungen. Ist mal etwas besonders nett geworden, dann bestelle ich mir davon noch ein paar Postkarten.

Etwas böswillig zusammengefasst: Gebildet, beruftstaetig, aber ein bisschen doof. Aber es geht noch schlimmer:

Foto-Falter: Die Penti ist wirklich sehr klein. Aber wird aus diesem Vorzug nicht beim Filmeinlegen ein Nachteil?

Ach Sie meinen, daß sich dabei eine Frau die Fingernägel zerbrechen könnte? Da haben wir wieder nach einer ganz simplen Lösung gesucht. … Dort verriet ich Ihnen unser Geheimnis. Es hieß: Weglassen. (Apple hätte es nicht besser sagen können ;-) )

Und ein Leser versucht sich dann auch noch an Werbeprosa, die ihm heute wahrscheinlich #aufschreiend um die Ohren gehauen würde:

Eine Eroberung

Kürzlich habe ich in meiner Foto-Optik-Verkaufsstelle ein junges, bildhübsches Geschöpf kennengelernt. Sie war begeisternd schön, zierlich, modern und elegant - kurz, ganz mein Typ!

Ich lud sie sofort zu einem Stadtbummel ein, denn ich wollte sie unbedingt näher kennenlernen. Leicht hing sie sich an meinem Arm. Die Leute auf der Straße schauten sich nach ihr um. So etwas nettes hatte man noch nicht gesehen. Und nun die Hauptsache: Ich merkte bald, daß sie keine „Blenderin" war, ihre sonstigen Qualitäten entsprachen ganz der hervorragenden Aufmachung. Dafür habe ich von unserem Bummel einen handfesten Beweis mitgebracht. Bitte, urteilen Sie selbst!

Mit freundlichen Grüßen! Carl-Heinz Hillmann und Fräulein „Penti"

Wenn man mal von den logischen Fehlschluss absieht, dass nur Frauen es gerne elegant und einfach hätten, dann ist dies in der Tat eine Kamera für viele Leute, die keine Zeit oder Lust haben, sich mit Fotografie und Technik zu befassen, aber trotzdem gerne Bilder machen möchten. Das ist so legitim wie nur irgendwas und daher ist auch ein wenig feige, die Frauen vorzuschicken, für etwas, was man selber gerne hätte. Heutzutage haben Kompakte bzw. Handykameras längst diese Position bei Männern, Frauen und Kindern(!) besetzt. 1959 ging das wahrscheinlich noch nicht.

Pentina

Im gleichen Jahr wie die Penti II kam die Pentina heraus. Trotz Namensgleichheit und auch aeußerlichen Ähnlichkeiten, war diese Kamera jedoch von einem ganz anderen Kaliber. Tatsächlich handelte es sich um eine professionelle Spiegelreflexkamera.

Auch bei dieser Kamera wurde bis dahin geltende Gestaltungsregeln einfach über Bord geworfen. Ich kann mir gut vorstellen, dass an der Kamera das gleiche Team um Henning gesessen hat. Ein Sakrileg war ganz sicher, dass das Prisma des Suchers einfach in der Kamera versenkt wurde, und nicht als Oktaeder oben übersteht, so das sie wie eine etwas voluminöse Messucherkamera aussah. Das ist Understatement der ganz besonderen Art ! Wie die 3 Monate später erschienene Penti II hat auch sie eine Belichtungs(halb)-Automatik.

Doch mit alten Designparadigmen aufzuräumen ist das eine, das andere ist, dass man sich hinsichtlich der Prognosen bezüglich zukünftiger Entwicklungen gehörig vertun kann. Und das ist bei der Pentina leider auch passiert. Statt eines Schlitzverschlusses hat man ihr einen neuentwickelten Zentralverschluss spendiert. Genau diese falsche Entscheidung hat ca. 10 Jahre später der gesamten deutschen Kameraindustrie nachhaltig das Licht ausgeblasen.

Warum Zentralverschluß ?

Bisher kannten wir einäugige Spiegelreflexkameras nur mit Schlitzverschluß. Die neuen Bestrebungen gehen dahin, Kameras zu besitzen, die, obgleich sie nach dem bewährten einäugigen Spiegelreflexprinzip arbeiten, auf die Vorteile eines Zentralverschlusses aber nicht zu verzichten brauchen. Ohne Zweifel ist der Zentralverschluß der gegebene Verschluß für die gesamte Blitztechnik und - sie ist heute wohl kaum noch wegzudenken. Selbst die einfache Box ist mit einem Synchronkontakt versehen. Neben diesen Vorteilen ist es wohl eine Tatsache, daß Zentralverschlüsse im allgemeinen bei extremen Verhältnissen zuverlässiger arbeiten als Schlitzverschlüsse.

Für die neue Pentina wurde nun ein neuer Zentralverschluß entwickelt. der Prestor-OO-Reflex (Prestor-OO-Weit). Dieser Verschluß erlaubt uns Belichtungszeiten von 1s ••• 1/500s , dazu natürlich noch die B-Einstellung für mittellange und lange Belichtungszeiten. Das Spannen des Prestor-Verschlusses ist selbstverständlich mit dem Filmtransport gekuppelt. Ein gefälliger Schnellaufzughebel läßt uns diese Tätigkeit vornehmen. Dieser neue Verschluß, der neben der X- und M-Synchronisation auch ein Vorlaufwerk (Selbstauslöser) besitzt, bietet auch hierin etwas Neues: das Vorlaufwerk ist immer gespannt. Sobald wir "V" (Vorlaufwerk) gewählt haben. ist die Selbstauslösung einsatzfähig. Die Wahl zwischen X, M oder V erfolgt am Verschluß. So läßt uns die neue Pentina neben dem Elektronenblitz sämtliche Blitzlampen-Typen verwenden.

Es bliebe schließlich noch die Frage zu klären, ob der Tausch "Schlitzverschluß gegen Zentralverschluß" durch den damit verbundenen Verlust der 1/1000 s eine Einbuße bedeutet. Man kann wohl kaum annehmen, daß viele so stark an der 1/1000 s hängen; eher wird diese "Supergeschwindigkeit" bei den meisten Kamerabesitzern verkümmern. Die 1/500 s ist eine ausreichend kurze Zeit für alle denkbaren Geschehnisse, die sich vor unserem Objektiv abspielen.“

Nun ja, die “Supergeschwindigkeit" von 1/1000s ist mitnichten bei den Kamerabesitzern verkümmert, sondern ganz im Gegenteil, derlei Ignoranz  hat eine ganze Industrie und deren Kultur unwiederbringlich ausgelöscht.

Mir ist es aus heutiger Sicht völlig unverständlich, wieso man, obwohl immer mehr Käufer ihr eindeutiges Veto hinsichtlich Schlitzverschluss abgegeben haben, man geradezu bockig auf ein veraltetes System beharrte und es sogar noch weiter entwickelte. Dieses Verhalten “Ihr bekommt das, was wir denken, was gut für euch ist - eure Meinung zählt schon mal gar nicht.” - Ist ja nicht so ganz unbekannt. Ich schreibe diesen Artikel gerade an einem 17” MacBookPro mit mattem Display.

Doch wenn man es mal ganz genau betrachtet, dann ist so eine Entwicklung vielleicht sogar folgerichtig. Die Designer sind, wie oben schon festgestellt, die “Götter”, die Ingenieure sind heute bekanntlich “Zauberer” und die Verkaeufer sind “Gurus” oder bei Adobe gar “Evangelists” - was bleibt da noch für den Kunden ? Die doofe Wetware ums Portemonnaie herum …. ? Meine optimistische Prognose: Nachdem dann auch die letzte “doofe Wetware” den Gurus, Goettern, Zauberern und Verkündern die Gefolgschaft gekündigt hat, purzeln die von ganz allein aus ihrem Olymp.

Und jetzt viel Spass, beim Lesen der Originalartikel: Download

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1http://www.designboom.com/technology/jonathan-ive-marc-newson-discuss-leica-m-camera-for-red-11-12-2013/

2http://www.businessinsider.com/jony-ive-sothebys-auction-2013-11?op=1

3https://www.apple.com/imac/design/

4https://www.apple.com/imac/

5http://www.ibtimes.com/bono-600m-net-worth-musician-whose-u2-band-poster-child-tax-avoidance-slams-big-oil-tax-avoidance

6http://penti2.blogspot.com/

7http://www.kl-riess.dk/compur.html

8http://sventetzlaff.com/images/artikel/penti-pentiII-pentina.pdf

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