Unsinn sollte grandios sein !

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

Grandioser Unsinn ist mir jederzeit willkommen. Er ist eine weitaus bessere Unterhaltung als Kommentare zu unserem alltaeglichen Erleben in einem Immanuel-Kant-Duktus. Und dann gibt es unsinnige Artikel, die keineswegs grandios sind. Die Artikel, die ich meine, sind weder lesenswert, noch haben sie ueberhaupt einen Wert innerhalb eines Diskurses. Bestimmte Medien konzentrieren sich auf die Produktion von derlei zeitstehlendem Unsinn. Meistens, weil eine bestimmte Agenda dahinter steht und/oder aus einem oekonomischen Grund, den ich weiter unten ausfuehren werde. Diese Medien meide ich. Es ist heute innerhalb der Online-Verlags-Branche ueblich, sich einen Hofnarren zu halten. Das ist nicht so ganz neu, im Printgeschaeft hatte diese Funktion der Karikaturist inne. Sie sollen provozieren um letztlich Aufmerksamkeit zu erzeugen. Jedoch, ich lese keinen Broder(Welt), Fleischhauer(Spiegel), Muehlbauer(heise) und wie die selbstverliebten Verlagshofnarren noch alle heissen moegen. Ja, ich lese nicht mal Welt oder Spiegel … allerdings lese ich heise.

 Und dort gelegentlich die News und regelmaessig heise-Foto. Mir gefaellt, was der Verlag mit heise-Foto ueber die Jahre aufgebaut hat und was jetzt so langsam Fruechte zu tragen scheint. Umso aergerlicher ist es, wenn ich dann Artikel wie diesen hier: „Meinung: Auschwitz-Selfies? Bitte mehr davon! (Sascha Steinhoff)“ , auf heise-Foto lesen muss. 

Pubertierende Autoren

Zuerst hab ich mich natuerlich gefragt, „Was hat den denn geritten ?“ Man kennt das evtl. von den eigenen Kindern, dass sie ab einem bestimmten Alter alles in Frage stellen und allein der Provokation wegen munter drauflos provozieren. Die einzige oekonomische Groesse in diesem Lebensabschnitt ist die Aufmerksamkeit (ueberwiegend gegenueber dem anderen Geschlecht). Diesen Prozess der Erlangung der Geschlechtsreife und des hormonellen Umbaus des Koerpers - der Pubertaet also - haben die meisten Eltern als ausgesprochen nervend in Erinnerung. Manche Autoren moegen in diesem Stadium haengen geblieben sein. Aber so einfach ist das leider nicht … auch wenn es meiner Meinung nach viel damit zu tun hat.

Die Steinhoff-These ist 1) Gedenkstaetten sind ein Ort an dem man Faxen machen soll. 2) Zeit macht Gedenken obsolet 3) Erziehung ist etwas, was dazu fuehrt, dass man alles „aushalten“ muss. 

 Steinhoff spart auch nicht mit dem ueblichen „Mimimi die Empoerten kommen“-Gedoehns. Es gibt (und gab schon immer) Ereignisse, die die Menschen dazu veranlassten ihre Empathie oder Antipathie durch oeffentliche Auesserungen kund zu tun. Und es war ebenfalls schon immer so, dass manche damit nichts anfangen konnten, andere eine entgegengesetzte Sicht hatten und wieder andere voellig desinteressiert waren. Vermutlich resultierend aus der heutigen enormen Verbreitungsgeschwindigkeit von Nachrichten tritt auch verstaerkt ein weiterer Typ in den Vordergrund, welchen man frueher kaum wahrgenommen hat. Das ist der, der eine solches Meinungsaeusserung-Phaenomen sieht und sich allein an der Tatsache reibt, dass andere diese Meinung schlicht auessern. Es ist ihm voellig egal um WAS oder WEN es geht oder ob diese Meinung vielleicht eine Berechtigung hat. Entscheidend ist fuer ihn, dass es eine Gruppe gibt, die ihre Meinung vernehmlich artikuliert.  Schnell ist dann der Kampfbegriff „Shitstorm“ zur Hand. Entsprechend nenne ich solche Typen die  Shitstorm-Reiter (Trittbrettfahrer geht natuerlich auch).

Um es nicht in den falschen Hals geraten zu lassen: natuerlich gab und gibt es auch immer den Demagogen, der eine oeffentliche Meinung fuer sich zu nutzen wusste, sie evtl. manipulierte, ins Gegenteil verdrehte usw. Shitstorm-Reitern geht es allerdings nur darum, die Aufmerksamkeit im Zuge dieser „Meinungsaeusserungs-Welle“ auf sich zeigen zu lassen. Selten ist da noch eine andere Agenda am Werk.

Chewbacca war's

Ist dieses Verhalten mit der o.g. Pubertaet zu erklaeren ? Ja, wenn auch nicht in dem Sinne wie oben beschrieben. Steinhoff macht sich nicht die Muehe (warum auch ?) herauszufinden, was die Kinder eigentlich antreibt, solche Selfies anzufertigen. Im Gegenteil, er zaubert eine klassische Chewbacca-Begruendung aus dem Hut, „Und dafür gibt es einen simplen Grund: Es ist doch extrem erfreulich, dass heute dort Jugendliche fröhlich mit ihren Smartphones herumalbern können.“ Aha ! - Er haette auch schreiben koennen „weil der Himmel blau und das Wasser fluessig ist“ - das ist bestenfalls Dada, aber wahrscheinlicher Gaga.

Selfies haben mit Fotografie soviel zu tun, wie Zehennaegel lackieren mit Malerei. (Es mag da Ueberschneidungen geben, jedoch erschliessen die sich mir gerade nicht). Es geht nicht um die Fotos selbst. Wir haben es Online mit einer Aufmerksamkeitsoekonomie zu tun. Ich schrieb dazu mal: „Lediglich auf den diversen Bilderhalden der elektronischen Medien, auf denen taeglich abermillionen Bilder abgekippt werden und auf denen allein die Aufmerksamkeit als Waehrung zaehlt, erhaelt der Bilder-Buchhalter den Ruhm fuer seine Fleissarbeit in Form von like, plus, add, follow oder was weiss ich, was es noch so fuer Aufmerksamkeits-Coins gibt.“

Mit Selfies sammel ich diese Coins ein - oder versuche es zumindest. Daraus resultiert natuerlich auch, dass die Selfies immer absurder, provokanter, seltener, gefaehrlicher usw. werden muessen. Dies ist der Grund, warum Zeugs wie Milking, Planking, Batmaning, Horsemaning usw. durch die entspr. Kanaele gespuelt wird. 

Die Akne auf dem Neuland-Gesicht

Das Internet ist in der Pubertaet. Solche Phaenomene sind in der Analogie so etwas wie  Akne. Selfies oder auch SteinhoffBroderFleischhauerUnameit-Artikel bzw. das Shitstorm-Reiten selbst,  sind m.E. lediglich laestige, ausgesprochen haessliche und hoffentlich nur temporaere Pickel im Gesicht der Neuland-Medien.

 Steinhoffs Thesen koennen kaum ernst gemeint sein. Denn wie ausgefuehrt, dienen sie nur als vermeintliche logische Verkleidung, um letztlich meine Aufmerksamkeit als Geisel zu nehmen. Dennoch moechte ich darauf eingehen. 

Es hat etwas mit Empathie zu tun, ob ich in einem Konzentrationslager nachdenklich oder froehlich wie ein Kind auf einem Kindergeburtstag bin. Empathie resultiert aus der Summe unseres genetischen bzw. allgemein physischen Zustands sowie den Umwelteinfluessen, wie z.B. der Erziehung, der Gesellschaft usw. Empathiefaehigkeit ist ein Prozess, welcher vermutlich ueber das gesamte Leben in Bewegung ist. Dennoch nimmt man heute an, dass die Entwicklung einer Persoenlichkeit so zwischen 20- 25 weitgehend fixiert ist. Empathie ist der wichtigste Kitt unserer Gesellschaft. Geht sie verloren, kann es keine menschliche Gesellschaft geben. Das ist eine Binsenweisheit - ich weiss … Mangelnde Empathie(faehigkeit) ist nicht etwas, was man „aushalten muss“, sondern ist ein ernsthafter persoenlicher oder gesellschaftlicher Defekt. 

 Die Folge daraus ist jedoch, dass wir auch unseren Kindern Empathie vermitteln muessen. Steinhoff schwadroniert in Sachen Erziehung mit einem weiteren erstaunlichen Argument: „ … wie für uns Erwachsene ein Besuch in einer mittelalterlichen Folterkammer. Gucken Sie etwa traurig, wenn Sie eine Daumenschraube sehen oder eine eiserne Jungfrau?“ Ja etwas nicht ??? Ich Vermute er verwechselt ein Dungeon-Museum, mit einem echten Museum bzw. einer GEDENKstaette. Solche Dungeon-Museen oder auch Madame Tussaud, die es mittlerweile in jeder Stadt zu geben scheint, dienen der Unterhaltung. Sie sind eher verwand mit der Geisterbahn oder der Freakshow, als mit einem Museum. Und waehrend ein Museum auch immer unterhalten soll, so gilt dies ganz sicher nicht fuer eine Gedenkstaette. 

Rohes Fleisch

Wenn es der aelteren Generation nicht gelingt, der juengeren Generation Empathie zu vermitteln und maszgebliche gesellschaftliche Kraefte ebenfalls der Empathie entgegenwirken, dann kommt es zur Verrohung von Person&Gesellschaft - dann verschwindet Zivilisation !Moeglicherweise leben wir gerade in einem solchen Prozess.  

 Eine weiteres steiles Argument Steinhoffs ist: „Es ist so lange her, es betrifft einen schlicht nicht mehr persönlich. Da war einmal etwas Schlimmes, aber es war eben in grauer Vorzeit.“ Ist das wirklich so ? Warum hab ich dann die AbuGhraib-Selfies, die  KendallJones-Selfies oder die AfghanistanLeichenpiss-Selfies gesehen. Diese und die vielen aehnlich gelagerten Selfies unterliegen genau der o.g. Aufmerksamkeitsoekonomie und sie zeigen die enorme Verrohung der Protagonisten. Einziger Unterschied, dass die letztgenannten deutlich aelter als Breanna Mitchell sind. 

Fazit ? 

Ein letztes Wort als Fotograf. Ich weiss nicht ob Steinhoff einer ist, bisher ist er mir als solcher nicht untergekommen (ich kenn lediglich sein Vuescan-Buch). Aber vielleicht wird das ja noch … Ich habe es, hier wo ich lebe und wohin mich meine Reisen fuehren, oft mit, fuer mich nicht immer durchschaubaren, Ritualen, Sitten, Regeln und Codes zu tun. Z.B. wenn ich fuer das Fotografieren in einen Tempel gebeten werde. Es ist voellig unerheblich, ob ich Schuhe ausziehen, Muetze aufsetzen, Gebetsschal umlegen … albern, antiquiert, absurd etc. finde. Das spielt auch fuer mich als Atheisten keine Rolle. Ich bin nicht maszgeblich. Dies ist etwas, was zu der oben genannten Empathie hinzu kommt - naemlich Anstand, Demut und Respekt (ich weiss - klingt spiessig). Ich wuerde sogar noch weiter gehen, wer das nicht hat, der kann auch niemals ein guter Fotograf sein - allenfalls ein Bilder-Buchhalter.

  • Respekt und Anstand, ein wenig altmodisch vielleicht aber immer noch Werte die das Leben in Gemeinschaft lebenswert machen. Als Deutscher fuehle ich vielleicht mehr das Gewicht der Vergangenheit (Jahrgang 1961), aber selbst ohne dies, es gibt Orte, wo man das heut uebliche Banausengehabe am Eingang ablegen muss.

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