Sottsass Neugier

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

Scan 150110 0001Wenn es draussen eher ungemuetlich, grau und kalt ist, dann moechte man sich am liebsten mit einer Flauschdecke, einem Tee mit viel Milch&Zucker und einem guten Buch aufs heimische Sofa zurueckziehen. Also zumindest geht mir das manchmal so. Ich lese gerne diverse Belletristik und bin da auch keinesfalls waehlerisch. Das Genre ist mir fast egal, Hauptsache es ist gut geschrieben … Auch Fachbuecher erfuellen zuweilen ihren Zweck an solche Tagen. 

Irgendwas zwischen der Belletristik und dem Fachbuch sind diese Foto-Philosophie-Buecher, wie ich die so nenne. Die Spanne reicht von so bekannten Essays wie Susan Sontags On Photography, dem grandiosen Texte zur Theorie der Fotografie, Reclam 18708 oder Scott Waldens Photography and Philosophy. Bis hin zu den eher ratgeberartigen Veroeffentlichungen wie dem Bestseller Vision Mongers von David duChemin. Dazwischen gibt es unzaehlige Werke von weiteren philosophierenden Fotografen und Workshopveranstaltern, die hier zu nennen, sicher den Rahmen sprengen[1] wuerde.

Ich bin ja der Meinung, dass fast jeder, der sich mit Fotografie befasst, irgendwann ins (Kuechen)Philopsophieren geraet. Immerhin zeigt dies doch, dass man auch ueber die Technik hinaus bereit ist, sich mit dem Thema intensiver auseinanderzusetzen. Das in dieser Literaturform schrecklich viel Selbstfindungsbullshit auf Frauenzeitschriftenastrologieseiten-Niveau zu finden ist, ist naheliegend. Der Nutzen fuer die Verfasser ist sicher enorm, fuer die Leser ist dieser evtl. nur marginal vorhanden. Macht aber nichts, denn man bekommt auch damit so einen grauen Tag ganz herrlich herum.

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Wie gesagt, es gibt in diesem Genre eine ganze Menge eher schlichter Werke.[2] Deutlich geringer gesaet sind die nachhaltigeren, tiefergehenderen und fundierteren Buecher dieser Gattung. Man muss danach richtig intensiv suchen oder man haengt gelegentlich (so wie ich) ein paar Stunden in einer Buchhandlung[3] ab. Wer in Hong Kong mal ein bisschen Zeit zu vertroedeln hat, dem empfehle ich den Swindon Book Store in  Tsimshatsui, Kowloon[4]. Ganz in der Naehe gibt es auch so einige Kamerageschaefte und  schraeg gegenueber ist ein kleines tuerkisches Restaurant mit exzellentem Kaffee[5].

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Also, ich stoeberte so ein bisschen zwischen den Regalen und fand dann ein Buch mit dem lustigen Titel The Curious Mr. Sottsass von Ettore Sottsass (1996). Mir sagte der Name Sottsass zwar etwas (Designer Olivetti Schreibmaschine Valentine), aber als Fotografen hatte ich ihn bislang nicht wahrgenommen. Auch in der Wikipedia[6] findet man zu dem Fotografen Sottsass exakt gar nichts. 

Nun gibt es ja diverse fotografierende Schauspieler (Brad Pitt), Musiker (Farin Urlaub), Modemacher (Karl Lagerfeld) - deren Bilder durchweg wirklich gut sind und die laengst ihren Platz in der Fotografie einnehmen …  aber der Gedanke, dass Karl Lagerfeld mir in einem Buch seine Thoughts mitteilt, hat dann doch etwas Beklemmendes. Entsprechend skeptisch war ich hinsichtlich der Ansichten, eines Industriedesigners.

Zu Unrecht, wie ich sofort herausfand.  Das Buch kam 1996 heraus. Also 11 Jahre vor seinem Tod am  31. Dezember 2007. Er schrieb das Buch vom 26. April bis zum 5. September 1994 fuer eine ihm gewidmete Ausstellung im Centre Georges Pompidou Paris. Mit klugen Gedanken scheint es wie mit gutem Wein zu sein, die brauchen so ein paar Jahre um ihre volle Tiefe zu entfalten.

Sehr ungewoehnlich ist die Zusammenstellung der Themen fuer die einzelnen Kapitel. Das Buch beginnt nach der Einleitung „Photograph“ mit dem traurigen und sehr kurzem Kapitel „Swooning“ und endet beeindruckend und im wahrsten Sinne des Wortes sehr duester mit dem Kapitel „The End of The Book“. Dieses Kapitel zeigt lediglich zwei sehr dunkle, fast grafische, je zweiseitige SW-Aufnahmen.

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 Abb. zum lesen klicken.

Diese duestere und etwas getragene Klammer des ersten und letzten Kapitels setzt sich zum Glueck nicht durch das komplette Buch hindurch fest. Im Gegenteil, da sind auch allerhand subtile humorvolle Anspielungen zu finden. So z.B. im China-Kapitel „I met a very nice Girl whom I nicknamed Bonjour.“  Dennoch, der Tenor ist insgesamt ernst - allerdings ohne einen herunterzuziehen. Also wie geschaffen fuer einen trueben Wintertag.

Die Kapitel: Photographs, Swooning, War, Destruction, Graveyards, Walls, Graffiti, Colours, Trees, Doors, China, Skyscrapers, Pipes, Pompier Architecture, Basil-flavored Architecture, Kitchens, Bedrooms, Eros, Deserter, The End of The Book, Acknowledgements

Doch soviel Text enthaelt das Buch gar nicht. Die Kapitel sind allesamt sehr kurz und auch fuer die Leute verstaendlich, die sich mit laengeren englischen Texten etwas schwer tun. Es enthaelt insgesamt 224 Seiten und davon enthalten ca. 190 Fotos. Die Fotos wiederum haben es in sich. Da sind einigen bekannte Motive dabei, evtl. auch einige Fotos, die alleine so gar nicht wirken wuerden, aber da die Bilder jeweils als Serien in die einzelnen Kapitel eingebettet sind, offenbart sich sofort ein umfaenglicherer Kontext[7]

Vielen Bildern merkt man den Designer an, wie z.B. in Walls, Pipes und Kitchens, aber andere sind tatsaechlich Bilder eines genuinen Fotografen - wie ich sie mir vorstelle. Einen Fotografen, als den sich Sottsass  nie gesehen hat: „However, I’ve never thought of myself as a ‚photographer‘ when taking them. I was simply intolerably curious.“


[1]  Wobei ich mich gerade frage, hat eigentlich Scott Kelby schon die Fotophilosphie fuer sich entdeckt ?

[2] Letztens habe ich eine Kurzbiografie eines mir gaenzlich unbekannten Fotografen gelesen. Die ging ungefaehr so:  “ … brachte sich 2007 selbst das Fotografieren bei … ausgefallener und kontrastreicher Bildstil … Anfang  2014 erschien sein erster Fotografie-Ratgeber …”  Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, aber ich wuerde im Leben kein Buch von dem kaufen. Nicht sosehr, weil es vielleicht Unsinn von sich gibt, sondern weil sein Inhalt zwangslaeufig in die Kategorie Von Anfaengern fuer Anfaeger gehoert. Und Anfaenger sollten m.E. niemals von Anfaengern lernen, sondern nur von den Erfahrenen, den Besten … und ueberhaupt.

[3] Fuer die Juengeren, das ist ein  Ort sozialer Begegnung, an dem man Buecher aus Papier anfassen, lesen, riechen und evtl. kaufen kann.

[4] www.swindonbooks.com Swindon Book Co., Ltd., 13-15 Lock Road, Tsimshatsui, Kowloon, Hong Kong, Tel: 2366 8001
Mon - Sat 10:00 am - 8:00 pm, Sun & Public Holiday 12:30 pm - 6:30 pm

[5] Fuer die Juengeren: Das ist das Original zu dem, was unter gleichem Namen bei Starbucks & Co. als Kaffee-Anti-These angeboten wird.

[6] http://en.wikipedia.org/wiki/Ettore_Sottsass

[7] Siehe auch Harald Mante  Die Fotoserie: Besser fotografieren durch serielles Arbeiten

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