Da ist kein Retro - menno !

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

Schon seit einiger Zeit geistert der “Retro”-Begriff für das Kameradesign durch die Welt. Erstmals richtig aufgefallen ist mir das, als Fujifilm die X100 herausgebracht hatte. Nun war ich damals schon Besitzer mehrerer Fujikameras, deren Aussehen sich nicht wesentlich von dem der X100 unterschied. Und hatte somit auch mein Problem damit, da wirklich “Retro” zu erkennen. Retro steht als "Begriff für den ästhetischen Rückgriff auf Formenvokabular vergangener Epochen bzw. Phasen” (wikipedia). Typischerweise zitiert man dann Mode (Schlaghosen) oder Autos (Beetle), wenn man verdeutlichen will, was man mit Retro eigentlich meint. Und keine Frage, Retro gibt es auch im Kamerabau.

Ich will mich gar nicht gross an einer Definitionen hochziehen, doch der Begriff ist fuer viele Kameras falsch angewendet. Ist z.B. eine Chamonix-Fach-Kamera eine Retro-Kamera ? Natuerlich nicht. Dennnoch findet man in vielen Artikeln dieses Attribut fuer Fachkameras und meist noch mit “wooden” dazu. Manche Redakteure, die diesen Begriff falsch anwenden, tun dies, weil sie schlicht keine Ahnung haben - und gefaehrliches Halbwissen kann man gut mit albernen Adjektiven uebertuenchen. Und andere wiederum verwenden diesen Begriff moeglicherweise aus einer bestimmten Haltung heraus.

Wie schon gesagt, die Fujikameras haben ihr Design ueber die Jahre nur sehr unwesentlich geändert. Vergleicht man z.B. die Texas Leica (1978-1995) mit der Bessa III (2008-2014) und der X100 (2012- 20xx), dann stehen zwischen dem ersten Modell und heute genau 37 Jahre. Das Design dagegen hat sich nur sehr geringfuegig geändert. Noch auffaelliger ist das, wenn man sich die Entwicklung des Designs der Leica M anschaut. Wobei bei Leica noch hinzukommt, dass so ziemlich jede noch kleine fitzelige Aenderung sofort ihre beinharten Verfechter und ebenso unnachgiebigen Gegner aufs Tapet bringt. Wenn sich etwas in nur sehr kleinen Schritten ändert, dann spricht man haeufig von evolutionaeren Veränderungen.

 
Fujifilm X100, Texas Leica (Fujifilm GW690II), Leica M (Typ 240)  
 
Voigtlaender Bessa III (Fujifilm 667W - 2014 abgekuendigt)  

Revolutionaere Aenderungen hingegen, die sind bekannt dafür, dass sie im Ueberschwang auch mal auch mal sinnvolles ueber Bord gehen lassen - Monatsnamen oder Ampelfarben z.B. Doch selbst dies ist durchaus sinnvoll, werden doch alle Konzepte nochmals hinterfragt - einfach indem man sie verwirft und mit etwas Glueck ensteht wirklich etwas Neues. Stellen sich bestimmte Konzepte als bewaehrt, sinnvoll und nachhaltig heraus, dann werden sie in den neuen Design(Werte)-Kanon (nach einer bestimmten Schamfrist) auch wieder aufgenommen.  

Mit der Revolution der Digitaltechnik haben viele Hersteller auch das bisherige Bedien-Konzept der Kameras auf den Pruefstand gestellt. Denn schnell war klar, dass das einfache reinfricklen der Digitaltechnik in bestehende Bodies nicht wirklich zielfuehrend war. Sony-Mavica, Canon, Kodak und andere haben sich an voellig neuen Designs orientiert. Schaut man sich heute die Digital-Analog-Zwitter wie Mavica oder CanonRC701-M an, dann faellt auf, dass sie sowohl den o.g. Fujifilm-Kameras als auch vielen der heutigen Systemkameras ähneln. 

Die ersten “echten” Digitalkameras brachen mit allen Design-Regeln und spielten Revolution. Das sah dann aus wie die Nikon Coolpix 900s oder die gewoehnungsbeduerftige Kodak DC120. Im DSLR-Lager hielt man nicht so viel von Revolution (bis heute) und beliess es beim althergebrachten Design. Einzig Gewicht und Umfang nahmen immer weiter zu - und mit Batteriegriff war dann endlich die Maennerkamera geboren.

 
Nikon Coolpix 900s Kodak DC120

Vergleicht man die vermutlich erste Digitalkamera, die Fuji DS-1p von Fujifilm(1988) mit der drei Jahr spaeter erschienenen DS-100(1991)  und dann noch mit der DS-300 (1997) , dann werden die Designschritte augenfällig. Erst nehmen was man gerade hat, dann Grenzen austesten und dann Bewaehrtes mit Neuem verbinden.

Fujifilm DS-1P Fujifilm DS-100 Fujifilm DS-300

Die DS-300 oder auch die RC701, die oben genannten Fujifilm, aber auch die neuen Panasonic GF7, die Leica M … alle haben sie eine Revolution durchgemacht und in der folgenden Evolution haben sich die Konzepte wieder zurecht geruettelt. Dies nennt man Entwicklung. Da ist kein Retro - war nie eins gewesen.

Ganz anders sieht das im DSLR-Lager aus. Jeder einzelne Body ist eine langhaarige Schlaghose im PT Cruiser, die Charlston hoert. Das Motto ist offensichtlich “Ham wa imma schon so gemacht”. Und erst recht und wirklich Retro sind so Kameras wie die Nikon DF, der man im Designfieber mal eben vergessen hat, eine Sucher-Moeglichkeit fuer die manuelle Fokussierung zu spendieren. Form und Funktion sind bei diesen Geraeten Lichtjahre auseinander. Auch der obligatorische Prismen-Hoecker bei diversen Systemkameras ist ein einziger Anachronismus - ist Retro.

Nikon DF ("Nikon Df (silver-black)"
by Zengame from Tokyo, Japan  CC BY 2.0

Olympus OM-D EM2 
by Kreuzschnabel CC BY-SA 3.0

Doch warum werden nicht (oder selten) die aktuellen DSLR-Bodies oder die genannten Anachronismen der Systemkameras als Retro bezeichnet, sondern z.B. die XPro1 oder die aktuelle Panasonic GF7. Wie gesagt, manche Redakteure haben schlicht keine Ahnung und/oder vermeiden es, auch nur mal einen einzigen Augenblick zu überlegen. Einige benutzen dieses Attribute als negativ aufgeladene Umschreibung fuer “Von aussen Hui von innen Pfui.” oder “Wenn sie schon nix taugen, dann machen sie sich doch wenigstens in der Vitrine gut.” Und nicht selten, um z.B. gerade die Retro-DSLRs zu promoten. Es gibt da sicher keine Industrieverschwörung, aber der einzelne Redakteur, der evtl. eine DSLR oder eine Höcker-Kamera vom Chef bekommen hat, der fuehlt sich vielleicht bemuessigt zu schreiben, “ja, die da … die sind ja retro…”. Nur so ein Gefuehl.

Ich hab dann mal Google angeworfen und Kamera+Retro+Digital eingegeben und habe das Erwartete vorgefunden. Nur marginal werden Nikon DF oder die Olympus OM-D EM2 genannt, die in meinen Augen echte Retros sind. Dagegen ausgerechnet die Kameras, die keinerlei Rueckgriff (im Sinne der o.g. Definition) darstellen, sondern eher konsequente Weiterentwicklungen sind. Ob die Konnotation “Retro” nun eher negativ ist, das vermag ich schlecht zu sagen, doch "Retro-Charme" oder “puristisch” klingen fuer mich deutlich besser als Retro-Style, -Look, -Optik usw. Hier mal ein paar Ueberschriften aus der Suche:

  • Spiegellose Systemkameras von Panasonic: Retro-Design nun auch in der GF-Serie (heise)
  • Fujifilm X-E1: Systemkamera im Retro-Look (Computer-Bild)
  • Fujifilms Retro-Digitalkameras: X20 löst X10 ab (heise)
  • Retro-Kamera Fujifilm X100S (Spiegel Online)
  • Digicam Pentax Q-S1: Mini-Spiegellose im Retro-Design (heise)
  • Photokina-Neuheiten: Digitale Retro-Kamera stiehlt die Show (Spiegel)
  • Fujifilm X-T1: wetterfest im Retro-Style (heise)
  • Fujifilm X-Pro1: Systemkamera mit Retro-Optik (Chip)
  • Retro-Edelkompakte: Fujifilm kündigt X100T an (heise)
  • Samsung EX2F Review: Retro Street Shooter (Digital Camera Review)

vs. 

  • Glanz vergangener Tage wiederbelebt: Olympus’ Retro-Kamera OM-D E-M5 (heise)
  • Nikon Df: Spiegelreflexkamera im Retro-Look (Computer-Bild)
  • Nikon Df im Test: Retro-Charme im Vollformat (Future Zone)
  • Nikon Df: Puristische Profi-DSLR (Chip) 

Was mich wirklich gewundert hat, dass nicht ein einziges mal die M240 mit Retro attributiert wurde. Jedoch gab es etliche Beiträge, die die Retro-X-Pro I oder gar die X100 als den “Leica-Killer” unters Volk zu mischen versuchten. Besonders konsequent ist das nicht. Heise schreibt z.B. gut gemeint und inkonsistent, “Die X100 setzt auf Retro-Style und fast vergessene Werte, wie man sie sonst nur noch bei einem Solmser Hersteller findet…” 

Wie gesagt, da gibt es sicher keine echte Agenda, auch nicht, wenn so viele Journalisten immer und immer wieder den gleichen Retro-Bloedsinn schreiben. Es ist vermutlich nur Nachlaessigkeit gepaart mit Unwillen. Aber es ist falsch und fuehrt obendrein auf eine voellig falsche Fährte. 


 PS: Da hier so oft heise steht, hat vermutlich eher was mit dem Suchalgorithmus von Google zu tun, als damit, dass die einen mehr Stuss erzaehlen als die anderen. Allerdings muss man hier mal sehr positiv Photoscala hervorheben, denn die haben "Retro" nur ein einziges mal verwendet ... und zwar bei der Nikon DF !

 

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