Sommerzeit, Lesezeit, Hörbuchzeit ... Chinabücher

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Für viele Menschen gehören Sommerurlaub und Bücher untrennbar zusammen. Ich kenne Leute, die während des übrigen Jahres, wenn überhaupt, nur Fachbücher lesen, aber pünktlich zum Ferienbeginn zum lange aufgesparten Krimi greifen. Und von da an sind sie nur noch mühsam von der Lektüre wegzulocken. Mir geht es da gar nicht so viel anders. Müsste ich nicht berufsmäßig lesen, sähe meine Bilanz noch schlechter aus ...

Dann gibt es noch Hörbücher und Hörspiele. Letztere sterben leider langsam aus und unterhalten meist nur über eine relativ kurze Zeit. Und mal ehrlich, echte Bücher mit Hörbüchern zu kompensieren ist ein Kompromiss – und meist kein besonders guter. Andererseits sind Hörbücher auf Autofahrten mit der Familie die universelle Medizin, um Langeweile auf den Vordersitzen und Quengelei auf der Rückbank erfolgreich zu therapieren.

Ich kenne nicht die Statistiken des Buchhandels, aber ich kann mir gut vorstellen, dass gerade zum Ferienbeginn Bestellungen und Onlinerecherchen in die Höhe schnellen. Entsprechend findet man allerorten in der Medienwelt zwei wichtige Themen: „Welche Bücher lese ich im Urlaub?“ Und zweitens, „Warum trinken die Menschen im Flugzeug Tomatensaft?“ Eine schöne Tradition, von der wir den ersten Teil auf Kathai Media gerne übernehmen. Natürlich haben meine persönlichen Leseempfehlungen (bzw. Hörempfehlungen) alle etwas mit China zu tun.

Fangen wir mit der Rückbank an. Es gibt unzählige Kinder und Jugendbücher über China. Viele davon sind richtig gut. Mitunter bemerkt man jedoch einen „didaktischen Ansatz.“ Kommt dieser „Ansatz“ etwas zu penetrant daher, kann er die Lesefreude verderben. Abenteuer pur und dabei trotzdem lehrreich sind die Bücher aus der Reihe „Young Sherlock Holmes“ von Andrew Lane. Seit die Namensrechte bzw. der Urheberschutz für den Londoner Detektiv und seinem Sidekick ausgelaufen sind, schwemmen beinahe täglich neue Holmes-Romane auf den Büchermarkt. Das meiste davon ist reine Fanfiction und so richtig schlecht. Lanes Bücher machen eine wohltuende Ausnahme und sind nicht nur für Jugendliche empfehlenswert. Ich habe den Roman „Young Sherlock Holmes: Der Tod kommt leise - Sherlock Holmes ermittelt in Shanghai“ geradezu verschlungen.

 

Das Hörbuch liest Jona Mues, der eine angenehme und passende junge Stimme hat. Da kommt glatt Drei-Fragezeichen-Feeling auf. Das Hörbuch sorgt für garantierte 4 Stunden Ruhe und Spannung während der Fahrt – nicht nur hinten. Besonders wohltuend, es werden nicht die üblichen Klischees hervorgeholt – im Gegenteil. Neben den Abenteuern lässt der Autor das China des 19. Jahrhunderts aufleben, wie es wirklich gewesen sein könnte. Lane spart nicht mit Gesellschaftskritik, jedoch ohne gymnasiale Infodumps abzuwerfen. Eine klare Leseempfehlung!

Der junge Sherlock Holmes gehört zur Kategorie „Young Adult“ - ja, Sherlock trifft Mädchen - aber ich bin der Meinung, dass es auch jüngeren Lesern zugemutet werden kann. Empfohlenes Alter ist 12 Jahre. Doch vielleicht sollte das nicht ganz unflankiert geschehen. Ein Buch für diesen Zweck ist, „Abenteuer im alten China: Eine spannende Geschichte um Freundschaft und Mut“, von Stewart Ross und Richard Bonson.

Für meinen Geschmack hat es etwas zu viele Bilder, aber was weiss ich schon. Auf jeden Fall ist es ein geeignetes Buch, das 8-10 jährigen China nahebringen kann und etwas Hintergrund für weitere Chinaromane liefert. Ganz ähnlich wie das dtv-junior-Buch, „Das Geheimnis der stummen Krieger: Ein Abenteuer aus dem Alten China“, welches zur Abwechslung mal aus deutschen Landen stammt, und zwar von Franjo Terhart (Autor) und Volker Fredrich (Illustrator). 

Die dtv-junior-Bücher kennt mancher vielleicht noch aus eigenen Kindertagen und erinnert sich an die sorgfältig recherchierten und liebevoll gestalteten Bücher.

Kommen wir zu einem Geheimtipp, der gar nicht so geheim ist. Manch einer kennt vielleicht noch Harry Thuerk? In Ostdeutschland war er einer der ganz wenigen ernstzunehmenden Abenteuerautoren und weithin bekannt. Thuerk war eine ausgewiesener Kenner Süd-Ost-Asiens und mehrmals in China. Nach der Wende hat er zahlreiche Detektivromane mit dem Protagonisten Lim Tok geschrieben. Tok ist ein ehemaliger Hongkonger Polizist, der nach dem Ende der Kronkolonie als Privatdetektiv von seiner Dschunke aus operiert und sich mit jedem und alles in der Metropole (sowie Tahiti und Hawaii) anlegt.

Die Lim-Tok-Geschichten gibt es in den beiden Sammelbaenden, „Der maskierte Buddha: Hongkong-Krimis“ und  „Schwarze Blüte, sanfter Tod: Hongkong-Krimis“

Die enthaltenen Episoden:
•    Der maskierte Buddha, Lim Tok klärt den Mord an einem befreundeten Antiquitätenhändler auf.
•    Die toten Masseusen von Kowloon, Lim Tok ermittelt, als der Besitzer eines Massagesalons bedroht wird.
•    Tod auf Tahiti, Lim Tok wird beauftragt, die Geliebte eines verschollenen Hoteliers zu finden.
•    Die tätowierte Unschuld, Lim Tok ermittelt im Mordfall an drei einflussreichen Geschäftsleuten.
•    Tuan Subutu läßt schießen, Lim Tok wird bei Mordermittlungen selbst zum Mordverdächtigen.

Der zweite Sammelband ist, „Schwarze Blüte, sanfter Tod: Hongkong-Krimis“ 

Die Episoden:
•    Das letzte Aloha, Lim Tok sucht einen verschwundenen Plattenproduzenten auf Hawaii.
•    Schwarze Blüte - sanfter Tod, Lim Tok ermittelt im Mord am Sohn eines einflussreichen Geschäftsmannes. ==> Hörbuch
•    Hongkongs Leichen sind sehr tot, Lim Tok ermittelt im Mord an einem Redakteur nach Rückgabe Hongkongs. ==> Hörbuch
•    Der Tod kam aus Shanghai, Lim Tok klärt die Attentate auf den berühmten Karate-Filmstar Ai Wu auf. ==> Hörbuch
•    Mord mit zarter Hand, Lim Tok sucht die Besitzerin eines Schmuckladens, findet aber ihre Leiche. ==> Hörbuch

Vorleser der Hörbücher ist der Weimarer Theaterschauspieler Eckart von der Trenck. Anfänglich hat mich sein Lausitzer Dialekt irritiert, aber nach 10 Minuten Einhören, hat es mir dann doch gefallen. Es muss nicht immer David Nathan sein ... Zu den Geschichten will ich gar nicht viel sagen. Wer klassische Detektiv-Romane mag und wen die Kulisse Hong Kong reizt, der ist hier goldrichtig. Meiner Meinung nach, die perfekten Urlaubsromane.

Kommen wir zu einem anderen Genre – Science Fiction. Ich weiss, das liegt nicht jedem, aber „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu, sind aus einem ganz besonderen Holz.

Auch wer das Genre nicht mag, sollte dem Buch eine Chance geben. Cixin Liu hat 2016 den Hugo-Award, den Galaxy-Award und den Kurd Lasswitz-Preis abgeräumt (Original: The Three-Body Problem). China hat sich die Filmrechte gesichert und will den Roman demnächst verfilmen. Mich hat er wirklich überrascht. Neben Her (zum Teil in Shanghai gefilmt) und Der Marsianer, war das endlich wieder etwas aus der SciFi-Ecke, was mich begeistern konnte.

Der Roman beginnt in den 60ern in China mitten in der Kulturrevolution und schildert zum Teil auf drastische Weise die damaligen Ereignisse. Die drei Sonnen und auch die anderen beiden Teile der Triologie sind definitiv nichts für Kinder oder Young Adults. Die deutschen Medien zum Roman:


»Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu.« (Denis Scheck, druckfrisch (Das Erste))

»Wegweisend für die phantastische Weltliteratur der Gegenwart« (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

»Barack Obama ist Fan, Mark Zuckerberg auch: (...) „Die drei Sonnen“ gehört zu den aufregendsten Büchern, die in jüngster Zeit aus dem Chinesischen übersetzt worden sind.« (Spiegel Online)

»“Die Drei Sonnen“ ist kein Buch für Nerds. „Die Drei Sonnen“ ist ein Buch für Fans intelligenter Literatur.« (www.deutschlandradiokultur.de)

»Cixin Liu entwirft ein ganz großes Szenario, in dem er virtuos moderne Wissenschaft und chinesische Geschichte, menschliche Abgründe und pure Utopie verbindet.« (www.stuttgarter-zeitung.de)


Kommen wir zum historischen Stoff. Damit meine ich nicht die historischen Romane aus heutiger Sicht, sondern Bücher, die vor einigen Jahren geschrieben wurden. Solche Bücher setzen eine gewisse Lesekompetenz voraus. Vieles was man in ihnen liest, würde man heute anders formulieren oder gänzlich anders schreiben. Aber genau dies macht die Bücher selbst zu einem besonderen Zeitdokument, ganz egal, ob sie dokumentarisch oder eher belletristisch angelegt waren. So ganz klar, ist die Grenze eh nicht zu ziehen.

„Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau (Die ferne Zeit)“ vom Flieger Gunther Plüschow selbst, ist ein typischer Vertreter dieses Genremixes.

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Plüschow erzählt seine Abenteuer aus der Sicht eines preußischen Offziers, der zum Glück aufregend schreiben kann. Man kann dieses Buch ohne weiteres Jugendlichen und Kindern zu lesen geben. Allerdings sollten die Geschichten bzw. die Geschichte der Deutschen in China nicht unkommentiert bleiben. Eine schöne Aufgabe für Schulen und Eltern, zumal Plüschow auch heute noch eine bekannte Persönlichkeit ist und es relativ einfach ist, an Sekundärliteratur zu gelangen.

Ähnliches gilt für „Löhndorff Gesamtausgabe #1: Yangtsekiang - Ein China-Roman“ von Ernst F. Löhndorff.

Es handelt sich zwar um Belletristik, aber  Löhndorff unternahm 1938 eine China-Reise, von der er gesundheitlich geschwächt zurückkehrte. Aufgrund von Vorfällen während der China-Reise, wie Psychosen u.ä., wurde er 1941 in Nazideutschland zwangssterilisiert. Löhndorffs Verhaeltniss zu den Nazis war schon zuvor durch seine  Freundschaft mit seiner „mütterlichen Freundin“, Gräfin Montgelas-Lunge, die wegen ihrer jüdischen Abstammung in die Schweiz emigrieren musste, mehr als nur getrübt. Leider verschweigt die deutsche Wikipedia diesen Aspekt. Seine China-Reise stellte einen Wendepunkt in seinem Leben dar. Das macht diese Abenteuergeschichte umso lesenswerter. Außerdem ist dies der einzige Roman in dieser Vorstellung, der auch ein wenig Romantik enthält. Wer wissen will, ob Hans und Ursula zusammenkommen und was die schöne Ma Yue davon hält, der muss das schon selber nachlesen. Überhaupt bin ich der Meinung, dass Löhndorff wieder etwas mehr in den in Fokus rücken sollte. Ein schönes Löhndorff-Interview findet man hier:



Kommen wir zum letzten Buch: „Chinaflug. Als Pionier der Lufthansa im Reich der Mitte 1933-1936“ von Wulf-Diether Graf zu Castell-Rüdenhausen. 

Er wurde mit 25 Jahren Flugzeugführer bei der Deutschen Lufthansa und in diesen Jahren beauftragt, in China mit der Tochtergesellschaft Eurasia ein Flugverkehrsnetz aufzubauen. Castell-Rüdenhausen flog mit einer Junkers W33 und später mit der Ju 52. Er fotografierte, z.T. auf recht abenteuerliche Weise, mit seiner Leica viele Gegenden Chinas aus der Luft. Viele dieser Bilder wurden in dem Band veröffentlicht. Wesentlicher Inhalt sind die Bilder in diesem knapp 160 Seiten starken Werk, dennoch ist der Text ebenso lesenswert. Das Buch taugt vielleicht nicht als Strandlektüre, aber wer sich gerne schöne Bilder anschaut und dazu die Notizen von Castell-Rüdenhausen liest, bekommt vielleicht Lust, im Urlaub mit seiner Kamera etwas aktiver unterwegs zu sein ... Denn die Geschichte geht noch ein wenig weiter. 2015 hat der bekannte Architekturfotograf HG Esch die Idee des Chinaflugs nochmals aufgegriffen und hat in China mit einer Drohne und einer Leica S eine fotografische Reminiszenz verfasst. Diese wurde, bevor sie in China gezeigt wurde, im chinesischen Kulturzentrum in Berlin ausgestellt. Ich habe seinerzeit einen Artikel im Fotoespresso 2016/1 S.17-25 dazu veröffentlicht. Leider ist dieser Bildband z.Z. vergriffen, aber vielleicht erbarmt sich Leica ja irgendwann mal wieder ... also öfter hier nachschauen.

Naturgemaess spiegeln solche Buchempfehlungen den persönlichen Geschmack des Autors wieder – ich gebe das gerne zu. Ich freue mich natürlich, wenn in den Kommentaren weitere Empfehlungen auftauchen. Schönen Urlaub!

Sven Tetzlaff


 

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