Grossartig: Sibylle

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Diverse

Ich war heute in einer grandiosen Ausstellung. Die war so grossartig, dass ich von meiner Regel, nicht von unterwegs zu bloggen, erstmals abgewichen bin. Die Ausstellung hiess „Sibylle“, also so, wie DAS Modemagazin der DDR, das es immerhin noch bis ins Jahr 1995 geschafft hat. Zwar kannte ich die Sibylle dem Namen nach, da sie vermutlich in jedem DDR-Haushalt zugegen war, aber gelesen habe ich sie seinerzeit nie. Genau sowenig kannte bzw. kenne ich Modezeitschriften jener Zeit aus dem Westen. Ich weiss gar nicht, ob damals an westdeutschen Kiosken Harpers Bazar, Elle oder Vogue auslagen oder ob es ein tutiges Burda-Pendant zur Sibylle gab. ...

Modemagazine leben vor allem von der Fotografie. Das war schon immer so. Auch heute noch werden fuer die entspr. Produktionen ordentliche Summen bezahlt. Und das Ergebnis kann sich meist sehen lassen. Man nehme sich mal die Elle und vergleiche die Modeaufnahmen mit einem (Mode)Katalog eines Versandhauses. Das sind zwei unterschiedliche Universen.

Allerdings habe ich das Gefuehl, dass in die Magazine auch allmaehlich der billige Katalogmuell diffundiert. Keine Ahnung, ob das am fehlenden Geld liegt, mit Stil hat es nichts zu tun – auch nicht mit einem von mir evtl. nicht erkannten Billig-Muell-Stil nicht. Mir ist das letztens an der Nylon unangenehm hochgekommen ...

Spaetestens jetzt wird es Zeit zu sagen: „Frueher war alles besser!“ Die Sibylle hat ca. 35 Fotografen (ueber die Zeit) gehabt. Das sind nicht sooo viele. Aber was die abgeliefert haben, toppt meines Erachtens locker das, was manche selbsternannten Elite-Modemagazine Zeit ihres Lebens nicht abzuliefern vermoegen. (Die drei oben genannten Grossen mal ausdruecklich ausgenommen.) Die meisten der Sibylle-Fotografen haben sich spaeter bei Ostkreuz wiedergefunden.

Zur Ausstellung selbst: Es werden hauptsaechlich Gelatine-Prints (nicht allzu gross) von dreizehn ausgewaehlten Fotografen(*) gezeigt. Der Zeit und den Moeglichkeiten geschuldet, sehr viel Schwarzweiss und sehr wenig Farbe.

Was mich am meisten beeindruckt hat, das ist die unpretentioese, nicht-manierierte Eleganz aller Fotos. Die meisten Motive wurden formatfuellend aufgenommen. Z.T. mit deutlichen Hintergruenden. So z.B. eins von Ute Mahler, welches hinter einem schwangeren Model ein paar „Politkoeppe“ an einer Werksmauer zeigt. Auch rauchende Schlote fehlen nicht … Sehr schoen auch Jutta Deutschland auf einen Trabi gestuetzt, im abgeratzten Stadtbezirk Mitte, in vollendeter Ballettpose. Oder ein paar, wie DDR-Hippies zurechtgemachte(?), Models in Pullovern vor einer Betonwand und mit dem Ausblick aus dem Fenster auf eine Plattenbausiedlung. Auch die Bilder von Roger Melis sind … einfach cool! Formatfuellende und sehr sachliche Portraits und Gruppen. Wirklich genial. Aber nicht nur Sachlichkeit war zu sehen, Sven Marquart leibovitzt sogar ein wenig.

Ich weiss nicht, ob diese Sujets provozieren sollten. Die Platte galt ja fuer die allermeisten damals eher als etwas erstrebenswertes – rauchende Schlote dito. Auch in der Sibylle war die Klamotte immer noch ein wichtiger Grund fuer die Aufnahme. Entsprechend sind diese von mir genannten Hintergruende, Sujets, Kontraste, Formate … sehr dezent und u.U. gar nicht so leicht zu entdecken.

Interessant ist auch, was man nicht sieht! Da wird nicht semitalentiert mit einem „Bokeh“ rumgealbert. Die Models sind sehr dezent frisiert und geschminkt, wenn ueberhaupt. Keins der Models muss sich in Kackstellung mit Bluemchen im Haar, bei weit offener Blende, in eine Wiese plautzen. Das Gleiche mit devoten Koerperhaltungen oder vollverbloedeten Grabbeleien mit Whiskey-Flaschen, Gartenschlaeuchen, Zigaretten … unameit …

Es wurden durch die Bank selbstbewusste, aufrechte und schoene Frauen gezeigt (manchmal auch Maenner). Wobei die Schoenheit der Models nicht durch eine absurde „Visa“ herbeigeklont wurde, sondern generell in deren Ausstrahlung zu finden war. Keiner der 35 Fotografen hat vermutlich jemals „Shabang“ gegrunzt oder gar „geshootet“. Auch wurden die Koerperteile, um eines lahmen Effektes wegen, nicht stets und staendig amputiert.

Was dabei herausgekommen ist, ist einfach Meisterhaft – durchaus im doppeldeutigen Sinn!

Ich kann jedem raten, der sich fuer Portraits, Mode … oder einfach Menschenfotografie interessiert, sich diese Ausstellung anzuschauen. Es eroeffnet vielleicht nicht unbedingt den Weg zu den Sternen, aber es ist eine Kur fuer die Augen und auch fuer die Seele. Man kann danach ueber den Fashionterror der Foto-Wannabies, die ihre Bilder ungefragt ueberall hin absondern, mit einem Laecheln hinweggleiten, denn man weiss jetzt, es gibt sie noch, die guten Bilder.

Die Ausstellung ist in der Rostocker Kunsthalle noch bis zum 17.04.2017 zu sehen.


(*) Sibylle Bergemann, Arno Fischer, Ute Mahler, Werner Mahler, Sven Marquardt, Elisabeth Meinke, Roger Melis, Hans Praefke, Günter Rössler, Rudolf Schäfer, Wolfgang Wandelt, Michael Weidt, Ulrich Wüst

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