Meine Guten Vorsätze … zum Ende der Welt

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Diverse

Wenn sich jetzt einer fragt, warum kommt der erst im Februar mit dem Schmus … Hier hat das Jahr 2014 real erst im Februar angefangen. Die mit dem Jahreswechsel verbundenen Ferien haben mir dann die Muße gegeben, mich mit sowas hier zu befassen.

Vorwort

Vor einer Weile las ich einen sehr interessanten Bericht japanischer Wissenschaftler1, die anhand von Jahresringen in 3,000 Jahre alten Zedern, einer kosmischen Katastrophe auf die Spur kamen. Jenaer (yeahh !!!)2 Wissenschaftler praezisierten deren Erkenntnisse etwas und stellten eine sensationelle Hypothese3 auf:

Im Jahre 775 traf ein Gamma-Blitz die Erde. Das war die Zeit, als in Amerika die Maya-Zivilisation ihrem Ende entgegen ging, als in Europa Karl der Grosse regierte, als in China einer der bis dahin unvorstellbarsten Kriege des Planeten mit letztlich 36,000,000(!) Toten tobte und Dezhong Tang-Kaiser wurde. Die Menschen sahen diesen Blitz moeglicherweise in Form einer Aurora Borealis. Vielleicht haben sie dieses Phaenomen als irgendwas Goettliches gedeutet - ja sehr wahrscheinlich sogar. 775 war eine der aufregendsten und dramatischsten Zeiten in der Geschichte der Menschheit. Dennoch erinnert sich heute kaum noch jemand daran. Noch sehr viel weniger wuerde man sich in 1,200 Jahre an uns erinnern, wenn uns heute dieser Blitz treffen wuerde.

Aber kurz zurueck. Ein Gamma-Blitz ist eine Strahlungsemission einer oder mehrerer gleichzeitig sterbender, sehr schwerer Sonnen. Der Blitz ist enorm energiehaltig und ggf. sehr gerichtet. Ist man im Gang eines solchen Strahls, dann kann man nur hoffen, dass die Quelle weit genug weg ist. Ist sie zu nah kann alles Leben ausgeloescht werden. So schiebt man z.B. das unheimliche Artensterben des Perm einem solchen Ereignis in die Schuhe. Ist die Quelle weit genug weg, finden ihn lediglich Astronomen interessant. 775 war verdammt nah ! Gerade mal 3,000 bis 12,000 Lichtjahre (man beachte die Spanne!) war diese Quelle des Unheils entfernt .

Ich weiss nicht ob der Blitz damals einen Einfluss auf unser Erbgut hatte, ob er z.B. die Krebsrate zu der Zeit ansteigen liess, ob er das Klima beeinflusste oder ob er sonst irgendwie nachhaltig wahrnehmbar war. Er hat zumindest keine zweite Perm-Katastrophe ausgeloest. Aber was ich mich frage, was haette der gleiche  elektromagnetische Energieimpuls heute, also 1,239 Jahre spaeter, fuer Auswirkungen auf uns und unsere Welt ? Fuer Astronomen sind diese paar Jahre so vernachlaessigbar, wie Pico-Sekunden fuer den allerpreussischsten Schrankenwaerter Brandenburgs. Das war gerade eben - eigentlich just in diesem Augenblick .

Ich stelle mir also vor, dass die Erde heute von einem kosmischen EMP geflasht wird. Was wuerde passieren ? Und beinahe noch wichtiger, hat das Nachdenken über solch eine solche theoretische Möglichkeit einen Einfluss auf mein zukuenftiges Tun ?

Reset

Es begann ganz harmlos. 3,000 Lichtjahre von der Erde entfernt stirbt ein gewaltiger Neutronenstern auf spektakulaere Weise. Es kommt es zu einem Gamma-Burst. In Agypten regiert gerade Ramses XI.

Als der Strahl endlich an den Rand unseres Sonnensystem gelangt, stellt V’Ger I4 seinen Dienst ein. Ganz geraeuschlos - es gibt nicht mal ein Bzzzzzzt im lautlosen All.

3 Stunden spaeter ist Voyager II faellig. Schade, denn Io wollte endlich bescheid sagen, wo die alten Zivilisationen ihre Artefakte hinterlassen haben. Eine halbe Stunde spaeter hoert Curiosity auf, neugierig zu sein. Sein Siliziumhirn - aus Sand geschaffen - wird wieder zu Sand, zu Marsstaub.

5 Minuten darauf wird es auf der ISS dunkel. Die Sauerstoff- und Wasseraufbereitung hoert auf, ihr akustisches Grundrauschen zu verbreiten. Es wird leise, dunkel und kalt auf der ISS. Die Besatzung stimmt ein letztes mal Major Tom an.

Gleichzeitig quittieren alle Kommunikations- , Spionage-, Forschungs-, Navigations- und Kriegs-Satelliten ihren Dienst. Sie kehren ueber die naechsten Jahre, genau wie die ISS, in den Schoss der Erde zurueck. Das kosmische Zeitalter der Menschen ist beendet.

0.5 Sekunden spaeter gehen alle Flugzeuge ihrer elektronischen Helfer verlustig. Wenn der Pilot kann, dann landet er auf dem Wasser oder den ehemaligen Flughaefen. Ground Control ist verstummt. Da ist niemand mehr, der die Flieger einweisen kann. Jeder ist sich selbst der Naechste …

Der Compton-Effekt5 sorgt dafuer, dass nicht nur die Aperturflaeche der Erde vom Blitz betroffen ist, sondern sich der EMP um den gesamten Globus verbreitet.

1/10 Sekunde darauf gibt es keine elektronische Kommunikation mehr. In den Krankenhaeusern zaehlt nur noch Handwerk - die Apparate haben ihren Dienst eingestellt. In den stromlosen Kuehlhaeusern wird das Blut warm. Schrittmacher machen nichts mehr. Es fahren keine Autos, Bahnen, Schiffe. Es gibt keine Infrastruktur, keine Kommunikation, keine Ordnung mehr. Es gibt keine elektronischen Medien - Internet, Fernsehen, Radio werden zur Episode.

Die autarken Waffensysteme der paranoiden Menschheit versuchen ein letztes mal ihre Existenzberechtigung zu beweisen … und explodieren in ihren Silos. Jeder erklaert -ganz protokollgemaess- dem Anderen den Krieg, doch niemand hoert es. Es interessiert auch niemanden mehr. Die letzte Schlacht um die Ressourcen beginnt. Die letzten elektronikfreien Dieselfahrzeuge werden mit dem letzen Oel befuellt.

IBM, SAP, GSHQ, Apple, Google, Baidu, Oracle, Amazon, eBay, Taobao, Microsoft, NSA, Twitter … gibt es nicht mehr. Das Internet, mit ehemals Millionen Beschäftigten, dem universellen Kommunikationsmittel, mit dem gesamten gespeicherten Wissen der Menschheit und seinen gigantischen Maschinen, wird zu einem Schatten der Vergangenheit. Innerhalb von Millisekunden wechseln die Mitarbeiter dieser Unternehmen ihren sozialen Status von “Privilegiert” zu “unproduktive Nahrungskonkurrenten”. In den naechsten Monaten werden die Mitarbeiter den Status ein weiteres mal hin zu “Nahrung” wechseln. Bis es soweit ist, verwalten sie gigantische Areale aus Sand&Metall - ohne jeden Nutzen fuer die Gesellschaft.

Es gibt keine weltweiten Boersen mehr. Der Hochfrequenzhandel ist Geschichte. Nein eigentlich nicht mal dies, denn Geschichte existiert nur, wenn sie aufgezeichnet wurde. Doch darueber gibt es beinahe keine Aufzeichnungen auf Papier. Es gibt nur sehr wenig, dauerhaft aufgezeichnete Geschichte zwischen 1956 und heute. Alle menschlichen Erkenntnisse, Erinnerungen, Reflektionen, die nur in Magnetkernen, Festplatten, SSD oder irgendwie mit PN-Uebergaengen oder magnetisierten Oberflaechen verbundenen Aufzeichnungsformaten stattfanden, sind obsolet … unwiederbringlich geloescht. Es zaehlt nur noch das, was auf Papier, Stein, Haut, DNA … aufgezeichnet wurde. Es gibt keine eBooks mehr. Das Wissen der WP ist fuer immer verloren. Die Menschheit ist weitgehend lobotomiert.

Nach dem ersten Schock, den ersten vergnueglichen Pluenderungen … den ersten Saturnalien … beginnt der Hunger. Boersenmakler, SEO-Berater, IT-Consultants, Celebrities, Gossip-Girls, Banker … braucht keiner mehr. 7 Milliarden Menschen wollen essen ! Wer nicht in der Lage ist eine Mohrrübe aus dem Boden zu ziehen, wird unweigerlich selbst zur Nahrung. In den ueberbevoelkerten Staedten beginnt das Grauen. So wie fuer 30,000 Menschen im Jahre 755 - kurz bevor der andere Gamma Blitz die Erde traf:

The Old Book of Tang says:尹子奇攻圍既久,城中糧盡,易子而食,析骸而爨,人心危恐,慮將有變。巡乃出其妾,對三軍殺之,以饗軍士。曰:“諸公為國家戮力守城,一心無二,經年乏食,忠義不衰。巡不能自割肌膚,以啖將士,豈可惜此婦,坐視危迫。”將士皆泣下,不忍食,巡強令食之。乃括城中婦人;既盡,以男夫老小繼之,所食人口二三萬,人心終不離變。(Yin Ziqi had besieged the city for a long time. The food in the city had run out. The dwellers traded their children to eat and cooked bodies of the dead. Fears were spread and worse situations were expected. At this time, Zhang Xun took his concubine out and killed her in front of his soldiers in order to feed them. He said, "You have been working hard at protecting this city for the country wholeheartedly. Your loyalty is uncompromised despite the long-lasting hunger. Since I can't cut out my own flesh to feed you, how can I keep this woman and just ignore the dangerous situation?" All the soldiers cried, and they did not want to eat. Zhang Xun ordered them to eat the flesh. Afterwards, they caught the women in the city. After the women were run out, they turned to old and young males. 20,000 to 30,000 people were eaten. People always remained loyal.)6

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der erste Satellit, der diese gruseligen Gamma-Bursts entdeckte, SWIFT7 hiess und es dessen urspruengliche Aufgabe war, illegale Atombombentests zu entdecken. Der Namensgeber Jonathan Swift wiederum, der hatte mit seinem Aufsatz “Ein bescheidener Vorschlag”8 einen sehr eigenen Ansatz zur Loesung des Hungers in Irland formuliert, was man in diesem Kontext unbedingt erwaehnen muss.

In den hochindustriealisierten Regionen beginnt die Zersetzung der Gesellschaft als erstes. Wobei sich zeigt, dass vor allem die unentwegten Protagonisten der Wolfsgesetze (der Euphemismus lautet “Neoliberal”) am wenigsten den Herausforderungen gewachsen sind. Als Krakeeler9 fuegen sie sich erwartungsgemaess ziemlich weit unten in die Nahrungskette ein. Gourmets nennen sie “Broderhappen” und “Fleischauer-Lunch”.

Derweil in der ehem. USA, in den Indianer-Reservaten, zwischen den Roulette- und Baccara -Tischen sinnieren die Alten, also die, die sich noch nicht das Gehirn weggetrunken haben, wie man “PayDay” eigentlich in ihrer alten Sprache nannte… Ein paar Jahre spaeter, nachdem man sich wieder an das Wort erinnerte, leben in ganz Amerika noch so viele Nachfahren europaeischer Einwanderer wie vor 1492.

In Kansas starrt der Bauer auf sein 370ha grosses Mais-Feld. Eigentlich war der Mais fuer eine Rinderherde irgendwo in Suedamerika gedacht. Was wird jetzt eigentlich aus denen - denkt er noch. Was kann man aus Futter-Mais machen - Kleidung, Energie, Baumaterial ? Doch es ist müßig darueber nachzudenken, denn es wird seine letzte Ernte sein. Der Boden ist ausgelaugt und die Saat funktioniert nur mit einem sehr speziell designten Chemiebaukasten. Der kommt nicht mehr. Ohne den kann er auch das Saatgut, das er bei normalem Mais ziehen und verwenden koennte, nicht mehr benutzen. In Kenya denkt ein Bauer aehnliches. Es wird kein chinesisches Schiff mehr kommen, das den Soya abholt.

Die global verteilte Produktion und der Absatz aller Produkte brechen vollstaendig zusammen. Es gibt keine “verlaengerten Werkbaenke” oder “Absatzmaerkte” mehr. Der Wert eines Unternehmens wird nur noch danach berechnet, was es jetzt sofort an Hardware - z.B. Schaufeln, Faesser, Toepfe …herstellen und vor Ort verkaufen bzw. tauschen kann. Die virtuellen Megakonzerne wie GE, Nestle, Daimler, Samsung sind von der Planetenoberflaeche geloescht, als haette es sie nie gegeben.

Der Impuls setzt die weltweite Energieerzeugung auf bronzezeitliches Niveau zurueck. Die Oelriggs auf See zerstoeren sich selbst. Saemtliche Sicherheitstechnik versagt, die Balancetanks laufen voll. Die Kuesten werden mit dem letzten Oel geflutet. Um die Plattformen herum entstehen biologisch tote Bereiche mit kontinentalen Ausmaszen. In den arabischen Oel-Sonst-Nichts-Laendern stehen alle Räder still. Es gibt kein Trinkwasser mehr. Die geringe Vegetation ist nicht in der Lage, alle Menschen in der Region zu ernaehren. Eine gewaltige Voelkerwanderung setzt ein.

In ausnahmslos allen Atomkraftwerken kommt es, nachdem den Notstromaggregaten der Diesel ausgeht, zu den erwarteten Kernschmelzen. Die Mitarbeiter haben sich schon Tage vorher weit genug weg in Sicherheit gebracht. Die über hunderte von Kilometern sichtbaren Atomfeuer schaffen fuer die naechsten 10,000 Jahre gewaltige Todeszonen.

Auf den Tankschiffen - mit dem letzten fuer die Menschheit gefoerdertem Oel - raetseln die Offiziere auf der Bruecke wie man eigentlich mit Sextant, Zirkel, Lineal und papierner Karte navigiert. Wenn sie in Sichtweite des Landes kommen, kommen die Oelpiraten an Bord. Die gesamte fossile Stromversorgung bricht zusammen. Gas, Oel und Kohle werden in den stillstehenden Kraftwerken geplündert, damit man wenigstens noch einen thermischen Nutzen daraus ziehen kann.

Die Windraeder stehen still, denn es gibt ja kein Netz mehr mit dem sie sich synchronisieren koennen. Einzig der Gleichstrom der Photovoltaikfarmen laesst sich anzapfen, um damit alte Bleiakkumulatoren zu laden. Mithin werden sie zur begehrten Beute. Allein dort wo es gelingt die Module zu verteidigen, ist die Saat einer möglichen zukuenftigen menschlichen Zivilisation gelegt.

Die letzten Funkamateure halten mit ihren alten Roehrengeraeten Kontakt mit Gleichgesinnten. Solange, bis auch das letzte Geraet an Ersatzteilmangel stirbt. Vielleicht versuchen sie sogar sich zu koordinieren, um einen Reboot der menschlichen Zivilisation zu ermöglichen, doch der tägliche Existenzkampf ist die neue normative Kraft des Faktischen.

Reboot

Die Eingeborenen am Amazonas registrieren die ploetzliche Ruhe. Keine Motorsaegen mehr, keine Hubschrauber, keine Latifundistas mit ihren Söldnern. Augenblicklich beginnt der Jungle damit, sich die ihm geraubte Flaeche zurueck zu holen. Ueberall auf der Welt wo Menschen leben, die aus dem hektischen Getriebe der modernen Welt ausgestiegen sind oder nie in ihm angekommen waren, registriert man die unheimliche Ruhe.

Einige Wenige aus den ehemals dicht bewohnten Gebieten, die das Grauen der folgenden Jahre nach dem Blitz überlebten, werden neben dem täglichen Kampf ums Ueberleben damit beginnen, dass noch verbliebene Wissen der Menschheit zu konservieren. Die Reste der alten Zivilisation, wie z.B. die Photovoltaikmodule ermöglichen ihnen eine einigermaßen weiche Landung im posttechnischen Zeitalter. Es wird tausende von Jahren brauchen, bis man wieder welche bauen können wird.

Man versucht auf Tierhaeuten die Lehren aus diesem Unglück an die späten Nachfahren zusammen zu fassen. Die Lehre ist, dass mit dem Grad der Technisierung im gleichen Masze die geistige Reife der Gesellschaft wachsen muss. Denn nicht das kosmische Ereignis hat die Zivilisation ausgelöscht, sondern die notorische Ignoranz von möglichen Varianten und die letztlich gesellschaftliche Ungleichheit. Das Masz für die Unreife einer Gesellschaft ist die Kluft zwischen denen, die an den Segnungen der Technik partizipieren und denen, die das nicht können.

Formatiere neu - Homeverzeichnis anlegen

Wenn mich und meine Familie heute so ein Blitz treffe würde, haette ich ganz sicher andere Sorgen als die, über die ich jetzt gerade kuechenphilosophiere. Ich bin auch kein Prepper, der sich explizit auf einen solchen Fall vorbereiten will. Um was es mir viel eher geht, dass sind solche langweiligen Sachen wie “Was bleibt von mir …” , “Wie nutze ich meine Zeit …”, “Was will ich wirklich …” oder so. Noch die Generation über mir, hat Briefe, Fotos und diverse andere Dinge, die sie mit Händen geschaffen oder angestossen haben und die ausgesprochen materiell sind. Ich dagegen habe z.B. 100k Fotos, diverse Blogbeitraege, unendlich Forenkommentare auf Festplatten und im Internet, jedoch die handgeschriebenen Briefe oder Aufsätze der letzten 20 Jahre kann ich vermtl. an einer Hand abzählen und auch die gedruckten Fotos der letzten Jahre sind in der Menge nicht zu vergleichen mit denen vor der Internetaera.

Was mir ebenso unangenehm aufstößt, dass immer mehr meiner sozialen Kontakte in die virtuelle Welt wandern. Mir ist was ähnliches schon mal aufgefallen, als ploetzlich jeder ein Telefon hatte - in der DDR dagegen, war das eher selten der Fall und entspr. musste man sich treffen, wenn man etwas voneinander wollte. Dabei ging bzw. geht es gar nicht so sehr um die Pflege von Freundschaften, sondern meist ganz schlicht um Besorgungen. Ein Markt war ein realer Platz, auf dem ich etwas erwerben, Leute treffen oder Informationen austauschen konnte und nicht so ein OneClick-Dingens. “Die Märkte” steht heute vor allem im grenzdebilen Politikersprech für ein virtuelles, dampfartiges und auf jeden Fall völlig menschenfreies Etwas, wo sich ominöses Scheingeld ohne jegliche Substanz auf wundersame Art ungeschlechtlich vermehrt.

Natuerlich geniesse ich mein Kindle, meine iPads, mein Smartphone, meinen 17” MBP mit mattem Display, auf dem ich das hier gerade schreibe, mein GalaxyTab, mein saumodernes Auto - das ich aber nicht mehr anschieben kann…, und natürlich meine diversen Digitalkameras. Ich bin ausgesprochen technikaffin und dennoch beschleicht mich schon seit Jahren so ein wachsendes Unbehagen.

Vermutlich habe ich daher unbewusst vor vier Jahren meine alte Analogkamera wieder herausgekramt und mir dann auch gleich noch weitere dazu gekauft und meine Dunkelkammer reaktiviert. Dann bin ich -schon etwas bewusster- dazu übergegangen, immer mehr Bilder auch wirklich zu drucken. Meine Artikel und Aufsätze, auch die, die ich für die Schublade geschrieben habe, hab ich ausgedruckt und mit Klebebindungen archiviert. Das war relativ viel Internetausdruckerei doch mittlerweile kehre ich das Verhältnis um. Ich produziere offline mehr, als letztlich ins Internet wandern wird.

Irgendwann, so mein Plan, wird meine virtuelle Welt nur noch ein Verzeichnis mit Zeigern auf meine realen Assets sein. Ich werde ebenso weniger (keine?) Produkte kaufen, die schon beim Kauf moralisch verschlissen sind und das Geld für langlebige Produkte ausgeben, die frei von jeglichem Registrierungs-Werbungs-permanentOnline-Bullshit sind. 2014 werde ich wieder öfter auf richtige Märkte gehen und (deutlich) weniger bei Taobao, Amazon oder eBay bestellen.

Natürlich gehört es nicht zu den Guten Vorsätzen, mich aus dem Internet oder der Technik selbst zurückzuziehen, zumal das beruflich ohnehin nicht funktionieren würde, doch ich werde versuchen, das jetzt wieder vom Kopf auf die Beine zu stellen. Das Internet bzw. die virtuelle Welt wird wieder ein Topf werden, in dem ich meine Suppe koechel, aber es wird nicht mehr die Suppe selbst sein, zu der der Topf allmählich mutierte. Ich werde mehr schreiben, mehr fotografieren, mehr drucken bzw. überhaupt mehr Dinge schaffen, die nach einem Blitz mehr als nur verlorene Bytes im Siliziumsand sind.

Und anfangen werde ich mit einem Old-School-Fotoalbum, so richtig mit Fotoecken und so ...

 

Nachtrag

Natürlich glaube ich nicht wirklich an ein Ende der Welt und bin auch der allgemeinen (jährlich) wiederkehrende Hysterie eher abgeneigt. Viel mehr dient diese Geschichte als Metapher zur Beschreibung des Verlusts von virtuellem Zeugs im Verhältnis zu dem Verlust an echten Dingen.

Statt von der Natur geht von uns selber, den Menschen, eine sehr viel realere Gefahr für unsere Zivilisation aus, wie z.B. dieser Artikel hier[1] zeigt. Von globaler Erwärmung, Umweltverschmutzung, PeakIrgendwas … gar nicht erst zu reden.
 
Dennoch habe ich mich gefragt, ob ein solches Szenario auch nur ansatzweise realistisch ist und habe Florian Freistetter[2] gefragt. Dessen Antwort kam praktisch postwendend (Das nenn ich mal Wissenschaftskommunikation in Echtzeit !):

“Nun, ein Gammablitz hätte tatsächlich globale Folgen, aber ganz anders und ohne Comptonstrahlung. Die Gammastrahlung erreicht den Erdboden nicht; die reagiert mit der Atmosphäre der Erde; erzeugt Stickoxide was wiederum die Ozonschicht kaputt macht. Bis die sich regeneriert hätte, wären wir also der UV-Strahlung schutzlos ausgeliefert. Siehe hier.[3]


2 Da hab ich studiert !
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