Ökologischer Landbau in China - die Lösung aller Probleme?

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Lebensmittelsicherheit ist eines der meistdiskutiertesten Themen in den chinesischen Familien, direkt neben Karriere oder Ausbildung der Kinder. Um diese Lebensmittelsicherheit ist es - verglichen mit Deutschland - nicht gut bestellt im Reich der Mitte. Dieses Thema dominiert gelegentlich auch die Medien, und zwar nicht erst seit dem auch im Westen bekannt gewordenen Milchskandal. Neben dieser »Breaking News« gab es auch vorher schon immer wieder Berichte über verunreinigtes Öl, in »Rindfleisch« gewandeltes Schweinefleisch, mit Zucker aufgespritzte Melonen und vieles mehr. 

Dabei existieren in China sehr strenge Gesetze bezüglich Lebensmittel und deren Sicherheit. Der Milchskandal stellte eine Zäsur dar. Insbesondere in der Mittelschicht wurde die nachdrückliche Durchsetzung der existierenden Gesetze gefordert und tatsächlich wurde das Gesetzesframework zusätzlich erweitert. Doch Gesetze zu erlassen ist die eine Seite, die Durchsetzung ist eine ganz andere.  ...

Heute, acht Jahre nach dem Milchskandal ist vieles besser und dennoch besteht eine noch viel zu große Lücke zu dem deutschen Vorbild. Die Hauptprobleme sind nicht fehlende Gesetze oder mangelnde Kenntnisse/Bewusstsein bei Erzeugern und Verbrauchern, sondern vor allem die »Human Ressources«. Es fehlt vor allem Personal für eine flächendeckende Lebensmittelüberwachung bzw. Rohstoffüberwachung vom Erzeuger bis hin zum Verbraucher, und zwar angefangen von den Mitarbeitern in den Instituten bis hin zu den Kontrolleuren auf der Straße. Die Ausbildung der Mitarbeiter, bzw. die  Etablierung einer lückenlosen und effizienten Lebensmittel-Überwachung hat in Deutschland Jahrzehnte gedauert. 

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Motivation und Bildung in der Kooperative "Sun Commune"

Bioladen, Bioecke ... Biohof

Doch diese Zeit hat man in China nicht. Insbesondere die Mittelschicht drängt auf eine schnelle Umsetzung. Doch sie wartet nicht einfach nur, bis der Staat die Lösung aller Probleme präsentiert. Entsprechend haben sich viele Initiativen gebildet, die zwar nicht direkt mit der Ökobewegung in DE vergleichbar sind, aber in ihren Auswirkungen durchaus Parallelen hat. So schießen in den neu erbauten Wohngebieten ökologische Community-Shops und Bioläden aus dem Boden und in den besseren Supermärkten greift die Bio-Ecke immer mehr Raum. Die Preise sind z.T. beachtlich und deutlich über denen in Deutschland. 

Doch die Preise sind für die o.g. Mittelschicht nicht das eigentliche Problem. Wesentlich schwerer wiegt das mangelnde Vertrauen gegenüber Lebensmittel aus chin. Produktion. Eher kauft man Wurst aus Deutschland, Nudeln aus Italien, Butter aus Neuseeland oder Milch aus Australien - inkl. dem damit verbundenen ökologischen Fußabdruck.

Da liegt es nahe, dass, wenn man der staatlichen Lebensmittelüberwachung nicht traut, man dieses Problem durch die eigene Produktion und Überwachung löst. Dieses Konzept unterscheidet sich eventuell von dem üblichen Vorgehen in Deutschland: Eine Gruppe von Leuten aus den wohlhabenden Metropolen im Osten gründen einen Verein, beschließen Farmland für die eigene Versorgung zu pachten; organisiert engagierte hauptamtliche Angestellte, z.B. Agraringenieure mit Ökolandbau-Ambitionen und -Erfahrungen vor Ort; binden die lokalen Farmer in das Konzept mit ein und überzeugt sie für den Verein von nun an ökologisch zu produzieren. Zusammen mit den Festangestellten überwachen vor allem die Mitglieder kontinuierlich die Produktion, Verarbeitung und Lieferung. Aber das ist nicht alles. Hinter dem Wunsch sichere Lebensmittel zu bekommen, steht vor allem die Idee, dies »für die Kinder« zu tun. 

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Der vermutliche schoenste Schweinestall der Welt

Landwirtschaftliche Kooperativen

Und so kommt es zu dem Phänomen, das sich jeder Ökohof in DE wünscht, dass die Eltern mit den Kindern regelmäßig die Quelle ihrer Lebensmittel besuchen und so auch ein Bewusstsein für den Umgang mit Lebensmitteln bzw. der Natur selbst vermitteln. Auch wenn das nicht die ursprüngliche Idee war, so ist dies mittlerweile ein wesentlicher Bestandteil der Idee der chin. »Landkommunen« geworden. 

Kathai hat kürzlich die »Sun Commune« ca. 80km von Hangzhou besucht. Sie liegt im Lin’An County. Diese Gegend ist auch die Sommerfrische vieler Hangzhouer. Und so kommt es auch nicht von ungefähr, dass sich mittlerweile fast 20 ähnliche Kooperativen in der Gegend gegründet haben. Dazu noch einige weitere in der Region um die Stadt Anji. Die Sun Commune ist ca. 40ha gross, doch nicht alles davon kann als Anbaufläche genutzt werden. Vielmehr ist die Nutzfläche in die natürliche Vegetation eingebettet. Zur Kooperative gehören neben den Mitgliedern in den Städten noch die ca. 140 Farmerhaushalte sowie 35 Angestellte vor Ort, welche die alteingesessenen Bauern anleiten. Die Mitglieder zahlen jährlich 25,000RMB (3,400EUR) in den Verein ein und erhalten dafuer 2x die Woche Reis, eine Auswahl aus 12 verschiedenen Gemüsen, Schweinefleisch, Eier, Hühnerfleisch, Entenfleisch usw. entspr. der Jahreszeit. 

Chen Wei (陈卫), einer der Gründer der Kooperative zum Konzept: »Wir wollen das Stadt und Land in Harmonie leben. Unsere Grundlage ist die Landwirtschaft und die Stadtbewohner kommen hierher, um die Bauernkultur zu erleben, in der Nähe der Natur. Die Bauern erhalten auf diese Weise eine Existenzsicherung, und ermöglicht es ihnen auf traditionelle Art und Weise, dieses Land zu kultivieren, zu lieben und letztlich qualitativ hochwertige landwirtschaftliche Produkte zu erzeugen.« (“我们想做一个城市人与农民和谐共处的社区。在这里农业是基础,城市居民可以来这里体验农耕文化,亲近自然。农民可以得到生活保障,并且以传统的方式耕种自己热爱的土地,生产出优质的农产品。”)

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Beijing-Black-Schweine waehrend der Mittagsruhe

Stadt, Land und Harmonie

Neben hochwertigen Lebensmitteln steht zwischen den Zeilen noch ein viel wichtigerer Aspekt - die Landflucht. Seit 2011 leben in China mehr Menschen in Staedten, als in ländlichen Gebieten. Waren es 2011 noch 50.57%, so sind es heute bereits über 56%. Oder um es deutlicher zu sagen, jedes Jahr strömen ca. 18 Mio. Menschen von den ländlichen Gebieten in die Glitzermetropolen des Ostens. Man kann es ihnen nicht verübeln, denn sie alle möchten sich eine Scheibe vom »Chinesischen Traum« abschneiden. Zahllos sind die Geschichten von ehemals armen Doerflern, die z.B. in Shanghai »Das große Geld« gemacht haben.  Der Hangzhouer Internetmilliardär Jack Ma (马云) , aus einfachen Verhältnissen stammend, ist nur eines von vielen Vorbildern für diese Generation.

Auf der einen Seite strömen hochmotivierte meist junge Menschen in die Städte und auf der anderen verschwinden immer mehr Dörfer und Siedlungen von der Landkarte und mit ihnen wertvolle landwirtschaftliche Anbaufläche. Gleichzeitig möchten die jährlich 18 Mio Neustaedter ebenfalls Energie, Wasser, Wohnungen und natürlich Nahrung.

Die Landwirtschaft noch weiter zu industrialisieren und somit zu effektivieren mag eine Lösung sein, aber die Beispiele weltweit und auch in der Geschichte der letzen 100 Jahre zeigen nicht in diese Richtung. Die naheliegendste und nachhaltigste Methode wäre in der Tat, das Land wieder attraktiv zu machen. Präsident Xi Jinping rief in einer Rede 2013 dazu auf, in »attraktive Dörfer« (美丽乡村) zu investieren und nicht Geld »für unnötige und geschmacklose Dinge zu verschwenden.«

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Versammlungsort

Sun Commune

Die 2013 gegründete Sun Commune hat das ganz wörtlich genommen. Chen Hao (陈浩), in seinem Hauptberuf Architekt und Professor an der »China Academy of Art in Hangzhou« hat einige Gebäude auf entworfen und damit einen Achtungserfolg in der Architektenszene erzeugt, welcher bis in die Redaktionsstuben der New York Times reichte. Vermutlich hat er den schönsten Schweinestall der Welt entworfen. Basierend auf chinesischen Traditionen orientieren sich seine Gebaeude an der eigentlichen Idee der Sun Commune, auch ein Begegnungsort zu sein, wo man gut lebt und nicht nur arbeitet. 

Der dritte Aspekt der Sun Commune ist die Bildung der Kinder und deren Erholung. Das lässt sich gut kombinieren mit einer Forderung der Kooperation gegenueber den Mitgliedern, regelmäßig vorbeizuschauen um die oekol. Produktion sicherzustellen. Sie nennen dieses System »Vertrauen&Glauben« und sehen diese Methode als sinnvoller an, als sich auf Öko-Label zu verlassen, denen die meisten Chinesen eh nicht trauen würden. Ungeachtet dessen werden die Lebensmittel regelmäßig an der Zhejianguniversität auf Belastungen (auf Basis des japanischen Framework für biolog. erzeugte Lebensmittel) hin geprueft.

Da die Kooperative etwas höher über dem Meeresspiegel liegt, sind die klimatischen Bedingungen im Sommer deutlich besser als in den umliegenden Metropolen. Die Mitglieder aus Shanghai, Hangzhou, Wenzhou bis hin nach Hong Kong, senden ihre Kinder für einige Wochen in ein Sommer-Ferienlager in die Kooperative. Es wäre kein chinesisches Ferienlager, wenn man es nicht auch gleich für zusaetzliche Bildungsangebote wie z.B. Englischunterricht durch Muttersprachler nutzen würde. 

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Kinderferienlager

Die nächste Generation

Die Kinder lernen in dieser Zeit, wie z.B. man Seide erzeugt oder wie man Reis biologisch anpflanzt und erfahren dabei, wie schwer die Arbeit trotz maschineller Unterstützung sein kann. Gleichzeitig werden tradierte Anbauformen bzw. Kenntnisse der biolg. Erzeugung weitergereicht, die sonst eventuell auszusterben drohen. So werden z.B. auf den Reisfeldern der Sun Commune Enten gehalten - eine uralte Methode - um so Parasiten und Schädlinge fernzuhalten, sowie gleichzeitig für natuerlichen Stickstoffeintrag sorgen - und auf diese Weise zusätzliche Duengung obsolet machen. Derlei Wissen, wie auch die Kultivierung alter Sorten, Mehrfelderbewirtschaftung usw. nützt nicht viel, wenn es nur noch in Büchern zu finden wäre. Ohne Anwendung, wuerde es zu totem, nutzlosen Wissen.  

Bevor die Kooperative ihre Unternehmung startete, haben sie mittels großflächiger Umfragen insbesondere die finanziellen Risiken abgefragt. Allein in der Stadt Hangzhou (10 Mio Einwohner) haben ca. 10,000 Befragte signalisiert, Mitglied werden zu wollen. Die Fläche gibt jedoch nur biolog. erzeugte Lebensmittel für max. 1,000 Mitglieder her. Die Nachfrage ist also deutlich groesser, als das Angebot. Allein in den Delta-Provinzen Jiangsu, Shanghai und Zhejiang leben ca. 160 Mio Menschen auf etwas mehr als der Haelfte der Fläche der Bundesrepublik.

Selbst wenn sich noch weitere Kooperativen finden wuerden, würden evtl. die Bedürfnisse der Mittelschicht gedeckt werden, aber eine Lösung für alle Chinesen wäre damit noch lange nicht erreicht. Herr Chen Wang, der Dritte der drei Chens der Kommune, sieht die Lösung nur in einer Kombination aller Formen der biolog. bzw. schadstofffreien Erzeugung der Lebensmittel. 

Dazu zählt auch das »Urban Farming«. Jedoch nicht nur auf den Hausdaechern, Balkonen oder Fassaden, sondern auch in aufgelassenen ehemaligen Fabrikarealen, neu angelegten Reinräumen und vieles mehr.  Gerade Japan geht, auch aufgrund des Fukushima-Desasters, diesbezüglich neue Wege. Mithin wird auch klar, dass die voellig anderen Dimensionen in Asien, ganz andere Lösungen als z.B. im dünn besiedelten Deutschland erfordern. 

Dies gilt nicht nur für die Ernährung, sondern folgerichtig auch für die Energieversorgung, dem Verkehr, der Wohnflächenversorgung und so weiter, die alle unmittelbar miteinander und auch mit der Versorgung gesunder Nahrungsmittel in Verbindung stehen.

Autor/ Bilder: Sven Tetzlaff


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Die "Sun Commune" liegt in einer touristisch attraktiven Gegend.

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Eingang zum B&B der Kooperative

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Die Nutzflaeche ist in die natuerliche Umgebung eingebettet.

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Enten leben symbiotisch in Reisfeldern 

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Kinderferienlager

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Erzeuger - hier ein Weinhersteller - der Umgebung, folgen den Ideen der Kooperative.

 

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