Interview: Dr. Rolf Meißner

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Erneuerbare Energien

Paradigmenwechsel
Den Thermie-Insider kennen ihn schon laengst. Dr. Rolf Meissner ist seit ueber 20 Jahren in der Solarthermie und fuer die Fa. Ritter Paradigma bzw. Paradigma XL taetig. Der Name Paradigma steht bekanntlich fuer die Intention des Unternehmens die 'Paradigmen' zu wechseln. So hat Dr. Meissner auch immer wieder 'Paradigmen' in die Runde geworfen um diese letztlich zu aendern. Dies fuehrte immer wieder zu interessanten und kontroversen Diskussionen in der Branche. Am Ende hat Paradigma jedesmal das laengere Ende in der Hand gehabt. Im Roehrenkollektorbasierenden Geschaeft haelt die Ritter-Gruppe mit ca. 45% Marktanteil alle Zuegel in der Hand.

Doch Ritter-Paradigma koennte auch ein gutes Beispiel sein, "wie man es machen kann". Dr. Meissner enthuellt in diesem Interview ein wenig das Geheimnis um den Erfolg und mahnt natuerlich weitere 'Paradigmenwechsel' an.(Alle Bilder: Sven Tetzlaff)

Sven Tetzlaff:

Ich bin der Auffassung, dass die Solar-Thermie-Technologie Chinas weltweit am fortgeschrittensten ist. Insbesondere bezüglich Solarcooling oder Prozesswärmesteuerung, also die anstehenden Aufgaben betreffend, sollte man auf dieses Know-How zurückgreifen. Was denken Sie darüber ?

 

Dr. Rolf Meißner:

Ich meine, in Kollektortechnologie insgesamt oder überhaupt in puncto Entwicklung ist die deutsche Solartechnik wesentlich stärker als die Chinesische, auch bei der Kühlung und Prozesssteuerung. Es wird in Europa nur der Fehler gemacht, die meiste Energie in die falsche Technologie zu stecken. Z. B. wird über das ‘was weiss ich’ wievielte Frostschutzmittel nachgetüftelt, wissend, dass das beste Wärmeträgermedium anders aussieht. Und es werden immer wieder Verbesserungen am Flachkollektor vorgenommen, ohne dass man einen Schritt vorwärts kommt. Denn man kennt ja die physikalische Grenze. Und diese kann man nun mal nicht überschreiten.

"... wir wissen alle, dass die FK, die heute im Durchschnitt verkauft werden, aufgrund des Wettbewerbsdruckes schlechter sind als die Kollektoren der 90iger."

 Wir haben in den 90igern gelernt, dass die FK-Technologie ihr Limit erreicht hat. Und wir wissen alle, dass die FK, die heute im Durchschnitt verkauft werden, aufgrund des Wettbewerbsdruckes schlechter sind als die Kollektoren der 90iger. Ich rede jetzt nicht von einzelnen hervorragenden Systemanbietern und von Großflächen-Kollektoren. Ich rede von den 80 - 85 % FK, die heute verkauft werden. Einfach damit sie günstiger sind, wurden sie ‘abgemagert’ bis an die Grenze.

Wir haben sehr frühzeitig auf Röhren gesetzt und gelernt, dass man dabei ganz andere Anwendungsbereiche erschliessen kann. Wir haben auch Umwege machen müssen und sind in ein paar Fallen getappt. Dabei sind wir schon 1995/1997 zu den ‘Sydney’-Röhren gekommen, wie sie damals besonders in China verbreitet waren und nach einer kometenhaften Entwicklung heute weltweit verbreitet sind.

Und wir haben diese Technologie verbessert, also z. B. mit deutschen Qualitätsstandards versehen. Bei der Röhre war anfangs noch viel Potential drin. Da sind wir mit Glasexperten aus Jena an die Sache herangegangen. Lange Rede - kurzer Sinn, wir hatten vor ungefähr 15 Jahren (1997) unseren Röhrenkollektor. Der blieb 12 Jahre (seit 2000) nahezu unverändert, was seine Kennlinie betrifft.

Es ist allgemein bekannt, was der für eine Kennlinie hat. Wenn man eine Simulation durchführt, gab es viele Jahre gar keine Kollektoren, die da überhaupt nur heran kamen. Heute gibt es natürlich Wettbewerber und wir freuen wir darüber, dass es endlich mehr Röhrenkollektoren gibt. Aber dieser Klassiker ist immer noch in der allerersten Liga dabei. Unserer Erfahrungen zeigen, dass wir uns damals nicht geirrt haben. Wir sind mit dieser Entwicklung sehr zufrieden.

Später sind wir einen weiteren entscheidenden Schritt gegangen, als wir merkten, dass das Dilemma guter Kollektoren und Überhitzung unlösbar war mit Frostschutzmitteln. Das war ein schwerer und riskanter Schritt. Denn wir waren vor die Wahl gestellt, schlechtere Kollektoren einzusetzen, irgendwelchen „Stagnationsvermeidungs-Krampf“ zu veranstalten oder eben die Wassertechnik einzuführen. Wir haben uns für Wassertechnik entschieden.

Das war 2003 und seitdem setzen wir den Kollektor praktisch nur noch mit Wasser ein. Das war eigentlich der Durchbruch. Seit dem erschließen sich uns Möglichkeiten, wo jemand, der noch vor diesen ganzen Blockaden steht, gar nicht dran zu denken wagt.

Zum Beispiel können wir Heissdampf erzeugen oder Heißstarts veranstalten. Wir können die Kollektoren mittags starten und wieder stoppen und wieder starten. Wir können Anlagen in Betrieb nehmen, die überhaupt noch keine Abnahme haben. Die gehen im August in Betrieb und werden dann irgendwann im Dezember ans Netz angeschlossen. Das macht den Anlagen nichts aus - denn die sind stillstandssicher. Die Anlagen können jeden Tag sieden und gehen dann wieder in den Urzustand zurück. Das ist eine ganz andere Welt, die wir uns da geschaffen haben.

" Aber es wird ignoriert, dass es im Grunde genommen eine Technologie gibt, die die allermeisten systemimmanenten Probleme der konventionellen Technik längst hinter sich gelassen hat. "

Aber dieser Umstand wird geflissentlich ignoriert. Die Vorteile sind allgemein bekannt: den Fachmedien bekannt, den Instituten, den Verantwortlichen in den Verbänden... Aber es wird ignoriert, dass es im Grunde genommen eine Technologie gibt, die die allermeisten systemimmanenten Probleme der konventionellen Technik längst hinter sich gelassen hat. Wir können jetzt Applikationen bis 160 Grad machen. Damit sind wir auch ein starker Mitbewerber für die mechanisch nachgeführte bzw. konzentrierende Technik. Bis 160 Grad lohnt es sich wahrscheinlich nicht, Parabolrinnentechnik oder Fresnell-Technik einzusetzen.

Ab 200 Grad, kein Thema, da soll die konzentrierende Technik übernehmen. Aber im gesamten Bereich bis 160 Grad, sind wir sehr gut aufgestellt. Das zeigt sich besonders bei unseren Grossanlagen, also auf einem Feld, wo wir von Anfang an sehr aktiv sind. Es zeigt uns einfach, das Anlagen dieses Typs besser mit Wasser betrieben werden können. Prozesswärmeanlagen brauchen oft bessere Kollektoren, wenn die Prozesse auch im Winter betrieben werden, nicht nur im Juni oder Juli.

Wir haben weiterhin eine grundsätzlich andere Einstellung als der Markt oder als manche Meinungsmacher bezüglich der Speicher. Ich persönlich habe 20 Jahre Speicher entwickelt, und kenne ich mich mit Speichern besonders gut aus. Aber diesbezüglich bin ich gewissermaßen vom Paulus zum Saulus geworden, weil ich heute Speicher eher zu vermeiden suche. 

"...die vom Speichern reden, haben den Überhitzungsschutz im Kopf."

Wenn wir nur die Wärme ersetzen würden, die ohne Speicher ersetzbar ist, könnten wir etliche Quadratkilometer allein in Deutschland installieren. Es stellte sich die Speicherfrage erst, wenn wir die solaren Anteile erhöhen wollten. Und erst wenn man in neue Größenordnungen vorstoßen wollte, müsste über saisonale bzw. grosse Speicher nachgedacht werden.

Wir versuchen immer gerade so viel zu speichern, wie notwendig ist. Wir haben diese besondere Freiheit, weil unsere Anlagen komplett stagnationssicher sind. Die Speicherdiskussion wird oft unehrlich geführt. Es heisst überall, dass das Speichern ein grosses Problem darstellt und das ist auch richtig, aber die meisten, die vom Speichern reden, haben den Überhitzungsschutz im Kopf. Sie bewegt: “ich muss irgendwie ein Mittel finden, damit mir die Anlage im Sommer nicht aus dem Ruder läuft”. Das hat mit Speichern gar nichts zu tun. Wenn sie nämlich ernsthaft und ehrlich speichern würden, dann würden sämtliche Systeme exergetisch hochwertig, extrem schichtend von oben einspeisen. Das ist aber nicht der Fall. Auch die größten Speicher werden ganz ganz elend von unten mit wenig Effizienz geladen. Die Speicherwärme ist dann häufig gar nicht nutzbar, weil sie in einem Temperaturbereich ansteht, den niemand braucht. Wenn ich ernsthaft grosse Speicher beladen will, dann müsste ich sagen, unter 95 Grad geht mir nichts hier rein. Dann verzichte ich auf ein bisschen Kollektorertrag, aber das Gesamtsystem ist effizienter, weil ich jederzeit die Wärme wieder aus dem Speicher herausnehmen kann. Das sind dann mindestens Tages- oder Wochenspeicher. Übergroße Speicher verursachen im Winter oder in der Übergangszeit inakzeptable Verluste.

Es ist vorteilhaft, wenn wir die Energie in die Netzte einspeisen und das Netz dabei selbst als Speicher verwenden, so wie wir das z. B. in Wels gemacht haben. Das heißt praktisch speicherfrei zu arbeiten. Fazit: Speichern schon, aber immer mit sehr kritischem Blick auf die Wärmeverluste.

 

Tetzlaff:

Aber wie ist das jetzt, z.B. Das Aqua System, oder auch offene Systeme und so weiter, sind ja hier in China übliche Standards. Also was kann man den Leuten, die neue Systeme in und für Europa oder woanders entwickeln wollen, empfehlen? Was würden Sie für einen Ratschlag geben?

 

Meißner:

{gallery alignment=left-float padding=11}galleries/trapez/_MG_2054-1024.jpg{/gallery}Also zunächst erst einmal muss man sich um eine vernünftige Röhre kümmern. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt sehr sehr viele Fabrikate. Es gibt sehr viele gute Röhren und auch schlechte Röhren, wobei die Röhren in China mittlerweile weitgehend standardisiert sind. Aber mit der Röhre hat man noch lange keinen System. Die europäischen Hersteller sollen sich aus China eine gute Röhre mitnehmen oder sich einen guten Röhrenpartner suchen und eigene Kollektoren entwickeln - eigene Kollektoren in ihren Labors mit ihrem Kollektor- und Materialkunde-Know-How. 

" ... ein solcher grundsätzlicher Schwachpunkt ist ein Metall-Glass Übergang."

Die chinesische Denkweise ist extrem pragmatisch. Es gab nie Förderungen für den Kunden, es gab wohl Industrieförderung, aber der Markt in China ist ein echter Markt. Die Menschen kaufen SWH, um ihren Komfort zu erhöhen und auch um die hohen Energiekosten zu sparen - von Anfang an, seit 15 Jahren. Das hat den Markt auf eine natürliche Weise entwickelt. Es gab kaum Förderpolitik und keinen Verbandslobbyismus, sondern im Grunde genommen hat nur der Markt funktioniert.

Die Systeme sind also pragmatisch, einfach und kaum übertragbar auf europäische Verhältnisse. Europäische Kunden würden den Komfort dieser Anlagen nicht akzeptieren. Die Anlagen sind auch nur bedingt effizient. Verglichen mit Flachkollektoren sind sie sehr effizient, aber man findet auch genügend Schwächen.

Doch die Frage war ja, was kann man von hier mitnehmen. Die Doppelwandröhre hat ihren Ursprung in der Thermoskannentechnik, ist also ca. 140 Jahre alt. Findet man eine alte 80 Jahre alte Thermoskanne auf dem Dachboden, dann hält die immer noch den Kaffee heiß oder die Limonade kalt.

Die in Europa übliche Single Glass Technik hat in den 80igern und auch in den 90iger bereits sehr viel Schimpf und Schande über die Röhrentechnik gebracht. Es wird dann aber immer pauschal geschlussfolgert, die Röhren insgesamt taugen nichts. Das ist aber eine unsachliche Darstellung, weil es mittlerweile eine größere Vielfalt in der Röhrentechnologie als in der Flachkollektortechnologie gibt. Der Flachkollektor ist schnell erklärt, auch wenn's da viel Varianten hinsichtlich der Materialien oder der Rohrführungen im Inneren gibt usw. Aber trotzdem ist das ein sich immer wiederholendes, relativ einfaches Prinzip.

Es gibt aber eine grosse und verzweigte Vielfalt von Röhren. Da gibt es trockene oder nasse Anbindung, einwandige, zweiwandige und sogar dreiwandige Röhren. Es gibt direkt durchflossene und indirekt durchflossenen Röhren, verschiedene Bauarten und Wärmeträger für Heatpipes, Vollglasröhren und solche mit Glas-Metall-Übergängen und noch viele andere Unterscheidungsmerkmale wie Glassorte, Wandstärke usw. Wenn man sämtliche vernünftige Permutationen durchdekliniert, gelangt man zu einer enormen Vielfalt. Und das spiegelt auch der Markt wieder. Es gibt vielleicht 15 vollkommen verschieden aufgebaute Röhren.

Jedes System hat gute und schlechte Seiten, aber es gibt auch grundsätzlich Schwachpunkte. Und ein solcher grundsätzlicher Schwachpunkt ist ein Metall-Glass Übergang. Das hat man zwar bei Glühbirnen hinbekommen, aber es ist ein Unterschied ob ich Drähtchen durch das Glas bringe oder eine richtig grosse Durchdringung veranstalte. Single-Glass-Röhren halten länger als vor 15 Jahren, denn da hielten die selten länger als ein Jahr das Vakuum. Man kann da versuchen was man möchte, es bleibt immer ein latentes Risiko oder eine Schwachstelle, wenn Metall und Glas zusammengebracht werden. Das ist Labortechnologie. Aber im technologischen Grossprozess und dann mit 20 Jahren oder längerer Lebenszeit? Ich glaube daran nicht.

Es gibt gute Systemhersteller, die dieses Risiko eingehen. Darüber bin ich froh, denn sonst gäbe es für die Dewar- oder Sydney-Technik nicht den notwendigen Wettbewerb. Ich kann nur für uns sagen, wir haben uns für Dewar-Röhren entschieden und werden dabei bleiben. Es gibt überhaupt keinen Anlass, weitere Technologien hinzuzunehmen.