Die solarthermische Revolution … begonnen sie hat …

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Erneuerbare Energien

Auch im ersten Halbjahr 2013 hat die Solarthermie in Europa noch immer nicht zu ihrer alten Form zurueck gefunden. Haette man nur die Solarthermie in Europa im Blick, so waere dieser Ausblick deprimierend. Doch Suedamerika, Suedafrika, Indien und allen voran China geben Wachstumsraten vor, die fuer gute Laune sorgen. Betrachtet man die CO2 Reduktionsziele der Laender, sind sie allerdings auch dringend geboten. Ob das Erstarken der Solarthermie in den genannten Regionen auch die Rekonvaleszenz der PV unterstuetzt, wird man abwarten muessen. Evtl. ist es sogar umgekehrt so, dass da, wo die PV schrumpft, die Solarthermie auftrumpft.

 

Solar Water Heater in Beisha (Lijiang)

Solar Water Heater in Beisha (Lijiang)

China als De-facto-Mutterland der Solarthermie nimmt in der Betrachtung der Weltmaerkte, des eigenen Heimatmarktes, sowie deren Hauptexportzielgebiete eine besondere Stellung ein. Bekanntlich setzt China ueberwiegend Sydney-Roehren ein. Deren Produktion war bislang nur auf China beschraenkt. Um dichter an die zukuenftigen Absatzmaerkte zu kommen und um die Forderungen nach lokalem “Content” zu erfuellen, ist man von diesem Paradigma abgewichen. Linuo startete eine Roehrenproduktion in der Tuerkei und Sunrain errichtet ganz aktuell eine Roehrenfabrik in Suedafrika und eine weitere chin. Firma verhandelt aktuell mit brasilianischen Behoerden. Diese Revolution kam auf leisen Sohlen - wenn auch nicht voellig unerwartet.

Damit realisiert sich ein Szenario, welches Jiao Jiwen von Tsinghua Solar vor zwei Jahren in seinem Vortrag auf der “International Solar Thermal Conference” in Beijing sehr dezidiert darlegte. Er verglich die chinesische Thermieindustrie mit der deutschen Autoindustrie. Jiao meinte, “Es ist voellig klar, dass, wenn alle oder zumindest viele Chinesen gerne ein deutsches Auto fahren wollten, da deutsche Autos nunmal mit die Besten sind, dann ist es praktisch unmoeglich, diese Produktion in Deutschland zu belassen. Folgerichtig gibt es ja auch Shanghai-Volkswagen und weitere. Die Autos werden fuer den chinesischen Markt in China mit deutscher Technologie hergestellt.

Die chinesische Solar-Thermie-Industrie verfuegt ueber die fortgeschrittenste Technologie bezgl. der Solarthermie weltweit und somit erzeugt sie eine Nachfrage, die sie unmoeglich von China aus befriedigen kann. Das heisst Tsinghua und auch andere gehen daran, ihre Technologie (und nicht nur die Produkte) “Exportfaehig” zu machen. Aehnlich wie in der Autoindustrie moechte Tsinghua seine Technologie und seine Werke in den Verbraucherlaendern bei lokalen Partnern lizensieren und dort produzieren lassen.” 

Jiao Jiwen praezisierte den Fahrplan der chin. ST Industrie:

• Technology transfer

• Offer high auto-production line 

• Offer new generation products 

• Special research programs for solar thermal application standard research

Jiao Jiwen (Tsinghua)

Vergleicht man die aktuellen Zahlen aus unterschiedlichen Quellen wie. z.B. der ESTIF mit denen der Vorjahre, dann ist es offensichtlich, dass die Roehre weltweit immer mehr und z.T. sogar drastisch zulegt. Die Gruende dafuer sind vielfaeltig. Einer ist, dass die Chinesen ihre Exportaktivitaeten stark ausgedehnt haben, deren Hauptprodukt nun mal die Roehre ist. Ein anderer ist, dass immer mehr Anlagen mit hohen Temperaturen wie z.B. bei Prozesswaermeanlagen in der Textilverarbeitung, angefragt werden. In diesen Bereich faellt auch die gesamte Thematik der solaren Klimatisierung.

Region  Entwicklung Roehrenkollektor Flachkollektor unverglaste Kollektoren
Subsahara Afrika Neu 2012 30 33 37
  installiert bis 2011 5 31 64
  Veraenderung +25 +2 -27
 
Asien (o.China) Neu 2012 31 69 0
  installiert bis 2011 5 95 0
  Veraenderung +26 -26 0
 
Australien, Neuseeland Neu 2012 2 36 62
  installiert bis 2011 1 41 58
  Veraenderung +1 -5 +4
 
Lateinamerika Neu 2012 6 48 46
  installiert bis 2011 3 70 28
  Veraenderung +3 -22 +18
 
China Neu 2012 95 5 0
  installiert bis 2011 93 7 0
  Veraenderung +2 -2 0
 
Europa Neu 2012 16 82 3
  installiert bis 2011 8 87 5
  Veraenderung +8 -5 -2
     
Mena Neu 2012 7 92 1
  installiert bis 2011 8 91 1
  Veraenderung -1 +1 0
     
USA Neu 2012 2 18 80
  installiert bis 2011 0 11 89
  Veraenderung +2 +7 -9
 
Gesamt Neu 2012 82 15 3
  installiert bis 2011 62.7 28.1 9
  Veraenderung +19.3 -13.1

-6

Quelle: ESTIF, S&WE, Tetzlaff

Alle Angaben in %

Abgesehen von Mena (-1%) nimmt die Nutzung der Roehre in allen Regionen weiter zu. Im suedlicheren Afrika und in Asien sogar je um ca. 25%. Insgesamt wuchs der Roehrenanteil im letzten Jahr zum Durchschnitt 2011 um +19.3%, der Flachkollektoranteil sank um -13.1 % und die unverglasten Kollektoren (bzw. Absorbermatten) nahmen um -6% ab. Betrachtet man diesen Trend zusammen mit den o.g. Bemuehungen der chin. Unternehmen, die Produktion der Kernkomponenten in die Export-Zielgebiete zu verlegen, so kann man ohne grosse Spekulation davon ausgehen, dass einerseits der relative Anteil der Roehren im Vergleich zu anderen Technologien zweistellig wachsen wird, aber auch die absolute Zahl der verkauften Roehren aehnlich stark wachsen wird.

Aus dem Shifting von Produktionsflaechen in die Exportgebiete, der Praeferierung bestimmter Technologien sowie den Absatz- und Liquiditaetskrisen der Solarthermie in Europa, entstehen fuer die gesamte Branche neue Herausforderungen und Chancen. Viele europaeische Unternehmen neigen dazu, diese Entwicklung pessimistisch zu sehen - zu Unrecht. Aus vielen Gruenden sind die europ. Solarthermie-Firmen in einer sehr komfortablen Situation, die es zu nutzen gilt. Allerdings ist auch der Umkehrschluss zulaessig, dass, wer nicht in der Lage ist, sich auf die Entwicklung einzustellen, in wenigen Jahren vom Markt verschwunden sein wird.

Anlaesslich der von Sun & Wind Energy (Asia) veranstalteten “International Solar Thermal Conference ” hatte ich Gelegenheit den Praesidenten der ESTIF und gleichzeitig CEO von TISUN, Robin Welling, in einem Interview zu diesem Spannungsfeld zu befragen. Eine Essenz des Interviews ist, dass sich sowohl chinesische als auch europaeische und zukuenftig ganz neue Player internationalisieren muessen. An dem Willen und dem Vermoegen, dies zu tun bzw. zu koennen, wird sich dann auch Sein oder Nichtsein der einzelnen Firmen entscheiden.