Der Wörkfloh - entschleunigt und entschlackt.

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotofalter

 „Es waren nicht viele Bilder, die der Benutzer mit der alten Ausrüstung täglich anfertigen konnte. Ein Tagesausflug brachte als Ergebnis meist nur ein einziges Bild. Aber wenn man es ansah, konnte man verstehen, daß es die Mühe gelohnt hatte. Ja, zu jener Zeit war das Fotografieren zwar eine beschwerliche, dabei aber doch gemächliche Angelegenheit. Irgendwo habe ich gelesen, daß die Fotografen früher oft in aller Ruhe eine Flasche Bier getrunken haben, ehe die Belichtung einer Aufnahme durch Wiederaufstecken des Objektivschutzdeckels beendet wurde.“

Kommt dies irgendjemandem bekannt vor ? Jep, dies ist ein klassischer FrueherWurdenDieBilderNochMitLiebeGemacht-Entschleunigungs-Artikel. Jeder der heute zu wissen meint, welche Seite des Fotoapparates zum Motiv zeigt und nebenbei (oder hauptberuflich) bloggt, der hat schon mal einen solchen Fotografie-Entschleunigungs-Artikel verzapft - so auch ich. Uebrigens, das Zitat stammt aus dem Jahre 1957 - und das mit dem Bier bringt wirklich einen neuen Aspekt aufs Tapet.

Genauer aus dem Foto-Falter vom April 1957, S. 110-111 und S. 114, ist mit „QUALITÄT contra QUANTITÄT“ betitelt und stammt von FRITZ MARQUART. Es ist jetzt nicht so, dass solche Artikel keinen Wert haetten. Doch haben sie. Aber es geht gar nicht um „Entschleunigung“. Tatsaechlich reden viele in der Fotografie von „Entschleunigung“, meinen damit aber tatsaechlich, dass sie sich durch einen selbstverschuldeten und/oder bescheuerten Arbeitsablauf[1] - oder schlichte Unfaehigkeit - selbst ins Aus schiessen.

Nicht die Geschwindigkeit der Produktion, sondern die Zunahme der Arbeitslast[2] und damit die mangelnde Zeit fuer ihre Bewaeltigung, sind das Problem, welches den Fotografen nach Verlangsamung rufen laesst.

„Heute ist das anders geworden. Es ist nichts Besonderes mehr, wenn wir mit umgehängter Kamera Spazierengehen. Das Gewicht der modernen Kleinbildkamera ist so gering, daß wir es kaum noch spüren. Ich bevorzuge für Wanderungen eine ganz flache Kamera, die ich nicht einmal mehr umhänge, sondern einfach in die Jackentasche stecke. …
Sicher fehlt uns die Bedächtigkeit, die den Fotografen von früher auszeichnete. Die Mühe des Einlegens jeder einzelnen Platte förderte die Achtung und hatte ein konzentriertes Interesse zur Folge.
Unsere moderne Kleinbildkamera ist so handlich und ihr Mechanismus arbeitet so leicht, daß es uns geradezu lockt, spielenderweise den Auslöser zu drücken, … Nicht, daß ich diese Eigenheiten als nachteilig bezeichnen und etwa „zurück zur alten Plattenkamera" rufen will. Im Gegenteil, die Automatik der modernen Kamera ist unentbehrlich, weil sie die Handhabung zur unwesentlichen Nebensache macht und damit hilft, die Bildgestaltung als Hauptsache auszuüben.“

Gerade im letzten Satz waere m.E. der Konjunktiv sehr abgebracht. Ich koennte mich mit AutoISO, Blenden-oder Zeitautomatiken, Autofokus und was weiss ich noch alles, tatsaechlich auf die Gestaltung konzentrieren. Heute gilt jedoch selbst in den simpelsten Situationen, also keine Sport-, Action- oder Hops-Bilder, „Erst mal draufhalten und ich such mir spaeter die besten Bilder raus…“ !

„Sieht man heute Archive oder Sammlungen von Kleinbildfotografen an, so wird man erschrecken. In den Ordnern finden sich oft Tausende von Negativen, darunter aber kaum eins, das für eine Veröffentlichung in Frage käme. Viele Amateure haben große Kartons, vollgestopft mit Vergrößerungen. Von jedem Ausflug 60, 70 Stück. Der Autor kommt gar nicht dazu, sie zu ordnen und in ein Album zu kleben. Die etwa beabsichtigte Auswahl fällt schwer. Die Bilder sind alle gleich gut bzw. gleich schlecht; nichts Besonderes ist darunter. Mancher hatte ungezählte Rollen Negative, die noch nicht einmal ausgewertet und kopiert oder vergrößert wurden.“

Sagenhaft ! 60-70 Stueck. Das gilt heute bei den meisten Fotografen als „verhalten“, „wohlueberlegt“, „durchkomponiert“ … OK, so ganz kann man das mit dem Heute dann doch nicht mehr vergleichen. Denn die Bildentwicklung in einem RAW-Entwicker ist bedeutend schneller als damals im Nassverfahren. Gleichzeitig duerften sich Kosten und Zeit bezueglich Vergroessern/Ausdrucken sehr aehneln. Bloss das heute kaum noch jemand etwas ausdruckt. Ebenso zuckt heute kaum noch einer, wenn man ihm erzaehlt, dass man mit 2,000 Fotos eines Wochenendes zurueckgekommen ist. Moeglicherweise bekommt man das noch bearbeitet, aber bei solch einer Menge wird man auch bei dem besten Bild nicht mehr von Kunst, sondern allenfalls gutmeinend von Vernacular-Fotografie, sprechen koennen. Fuer mich persoenlich macht das einen enormen Unterschied.

Ein „gutes Bild“ oder eben Kunst ist ein bewusster Prozess. Ich kann den Zufall in diesen Prozess einbauen, aber sowie er das bestimmende Element wird, dann ist es eben keine Kunst mehr - und ein „gutes Bild“ auch nicht. Der Fotograf mutiert so zum Bilder-Buchhalter. Genausogut koennte er auch Ueberwachungskamera-Bilder nach gelungenen Motiven durchsuchen und dann vielleicht noch nen Filter draufwerfen … Und da schau her, mit der ganzen Drohnenfotografiererei verschmelzen in der Tat diese beiden „Genres“.

Wenn jemand von 2,000 Fotos genau 2 aussucht, die er fuer halbwegs gelungen haelt, dann muss sich der Fotograf ernsthaft fragen lassen, ob diese beiden nicht reiner Zufall sind. Gut, ich bin mir sicher, wer bis hier gelesen hat und genau so arbeitet, der denkt natuerlich: „Ist mir doch hurz, merkt doch keiner !“ Stimmt, aber wer so denkt, der hat noch etwas viel Grundlegenderes nicht begriffen. Dazu kommt noch, dass dies evtl. im Kunstmarkt funktionieren koennte - so denn das Marketing stimmt. Doch ein nachhaltiger Erfolg wird nicht eintreten, denn der Kunstmarkt ruft nach Kontinuitaet und Weiterentwicklung. Und in der Berufsfotografie funktioniert das erst recht nicht, denn da fliegt die Scharade sowieso gleich auf - zumal einem die Kosten um die Ohren fliegen.

Lediglich auf den diversen Bilderhalden der elektronischen Medien, auf denen taeglich abermillionen Bilder abgekippt werden und auf denen allein die Aufmerksamkeit als Waehrung zaehlt, erhaelt der Bilder-Buchhalter den Ruhm fuer seine Fleissarbeit in Form von like, plus, add, follow oder was weiss ich, was es noch so fuer Aufmerksamkeits-Coins gibt. Aber wer will das wirklich ?

„Die fotografische Arbeit muß ein Gefühl für die Dinge, die wir gestalten wollen, voraussetzen, wenn sie erfolgreich sein soll. …
Eine besondere Gefahr bringt die Kleinbildkamera für den Anfänger. Zu schnell gewöhnt er sich an das „Knipsen"; später wird er dann die Gewohnheit nicht wieder los.“

Letzteres finde ich interessant. Denn die Essenz waere, wer das Fotografieren lernen will, der sollte sich die komplizierteste Kamera anschaffen und sich dann muehsam dem Gipfel naehern - „Per Aspera ad Astra“[3] also. Oder umgekehrt, wer frueher geknipst hat, der wird kein guter Fotograf mehr.

Fazit: Weder „Per Aspera ad Astra“, noch die „Entschleunigungsdebatte“, sind innerhalb der Fotografie besonders neu. Doch mit den in den Himmel wachsenden elektronischen Bilderhalden hat die Diskussion eine neue Qualitaet erlangt. Die Fotografen teilen sich gerade in zwei Lager. Dem Bilder-Buchhalter-Lager und dem Lern-Fotografen. Ungefaehr so, wie man es vielleicht auch vom Sport kennt. Da gibt es die Sportler, die real und sehr physisch, mit viel Muehe den Sport zelebrieren - und dann gibt es den eSportler …

„Vielleicht gibt diese kritische Betrachtung auch anderen Amateuren Anregung zur Prüfung, Vereinfachung und Verbesserung ihrer Arbeit, damit sie sich noch mehr an der Lichtbildkunst erfreuen können und nicht in einem Wulst halbfertiger Aufnahmen oder in einem Gestrüpp technischer Schwierigkeiten ersticken.“

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[1] Heutzutage reden deutsche Fotografen gerne anstelle von Arbeitsablauf von Wörkfloh. Je nach Dialekt klingt das mal mehr oder weniger debil. Aber solche Leute sagen auch Äpp, wenn sie Programm meinen …

[2] Von Äpp-Sagern auch gerne „Workload“ genannt.

[3] "Durch das Rauhe zu den Sternen"

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