Reif fuer Farbe ?

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotofalter

"If color photography had been invented first, would anyone have missed black-and-white?" ( Judy Linn, 1980). Ein farbiges Foto ist heute die Selbstverstaendlichkeit selbst. Und wenn man statt der Farbe Schwarz-Weiss fotografiert, ist man ein Freak, macht Kunst und ist in jedem Fall ein Schnoesel. Als PhaseOne mit dem Achromatic+ Rueckteil und spaeter Leica mit der M-M auf dem Fotomarkt laut krachend aufschlug, ging bei so manchem Marktjournalisten, der vor allem irgendwie MEHR an die Kunden seiner Inserenten verticken wollte oder musste, eine Welt unter.

Jahrelang haben sie das MEHR der Megapixel, Masse, ISO, fps, Farben, … ihrer Inserenten an das kaufwillige Volk gepredigt. Die Maennerkamera mit angeloetetem Batteriegriff, mindestens 10fps, 200k ISO und +40Mpix galt als das Profimodell schlechthin, welches folgerichtig jeder Amateur als Ziel seiner Traeume ansah. 

Die naechsten Provokationen Leicas mit einer digitalen M-E60 ohne Display und schlussendlich einer weiteren M-Analog induzierte eine neuerliche Kampfansage besagter Journalisten. Seitdem animieren sie unermuedlich, auch ausserhalb der dafuer geschaffenen Industriemessen, mit weiterem technischen Overkill zu mehr Umsatz, mehr Masse, mehr …. Heute reicht es nicht mehr Bilder mit 10fps zu feuern, jetzt wird das Herauspellen von Einzelbildern aus einem 4k-Stream zur Zukunft der Fotografie gejazzt.

"Mit 4K-Video lässt man die Kamera einfach durchlaufen. Bei 24 bis 30 Bildern die pro Sekunde durchrattern, wird schon irgendein ein guter Schuß dabeisein. Im Schnittprogramm exportiert man den besten Frame und hat bei der Auswahl alle Zeit der Welt. Das ist die neue Fotografie. Traditionalisten werden diese Entwicklung mit dem gleichen Schaudern begleiten wie schon die Einführung des Winders, der Programmautomatik, des Autofokus, des Bildstabilisators oder auch der Eisenbahn.“ (Sascha Steinhoff, Meinung: 4K-Video ist ein teures Abenteuer, heise-foto, 13. November 2014. )

Natuerlich hat das mit dem Fotografieren so viel zu tun wie ein Klostein mit Waldduft. Uebrigens genausowenig, wie mich die besagte Eisenbahn von einem gemütlichen Waldspaziergang (inkl.Duft) befreite. Dass wissen sicher auch die Einpeitscher, aber solange ihre Inserenten steigende Verkaufszahlen sahen, war das egal und notwendig dies zu behaupten. Doch nun scheint sich das Blatt zu wenden.

Immer mehr Enthusiasten wenden sich vom reinen Technikfetisch ab und fragen: „Ja wozu denn das Ganze - ich will doch nur Gute Bilder machen und nicht zum Mars fliegen ?“ Auch ich kaufe gelegentlich eine Kamera aus Spass an der Technik, der Mechanik, dem Aussehen usw. Zwar ist das nicht das erste Kriterium, doch unwichtig ist es nicht. Auch die Moeglichkeit mit einem Fotoapparat zu filmen begeistert.

In der Realiaet zeigt sich jedoch schnell, dass gerade letzteres nur sehr selten bei einer Person und am gleichen Projekt zu machen ist. Zu verschieden sind die Konzepte, Herangehensweisen und Planungen. Will man Film&Foto in einem Projekt vernuenftig und hochwertig realisieren, ist ein gewaltiger Aufwand noetig. Und so nutzt der Filmer das eine und der Fotograf das andere. Nur gelegentlich schiesst man mal einen Schnappschuss zum Film oder ein Footage zum Bild. Im gleichen Masz ist die 4k-Moeglichkeit in einem Fotoapparat oder eben einer Kamera eine  interessante Idee - ersetzt sie doch im Zweifelsfall den Einsatz einer ueberdimensionierten Highspeedkamera. Aber zur Ueberwindung des persoenlichen Unvermoegens mangels Ahnung Gute Bilder zu machen, fuehrt das natuerlich nicht. (Genausowenig gibt es eine Pille zum Abnehmen und das Abspielen von Sprachlehr-Audios im Schlaf fuehrt auch nicht zur Fremdsprachenkenntnis.)

Abb. 1 Aus einer 5DMkII Videoaufnahme herausgepellte Sequenz eines Hagelbeschusstests

Und so kommt man, nachdem die Spielphase beendet ist, immer wieder zum eigentlichen Kern zurueck. Ich will Bilder machen. Ich interessiere mich in erster Linie fuer Bilder und erst sehr weit hinten fuer zusaetzliche  Moeglichkeiten. Diese Moeglichkeiten fuehren ausserdem zu einem weiteren Phaenomen, naemlich der Zeitschuld. RAW bietet mir z.B. die Moeglichkeit auf den Weissabgleich zu pfeifen. Machen muss ich ihn aber dennoch … irgendwann. Frueher hab ich den schon im Laden mit der Wahl des Films gemacht. So haeufe ich eine Zeitschuld in der elektronischen Bildverarbeitung an. Das o.g. Extrahieren von halbwegs akzeptablen Bildern aus einem Stream geht soweit, dass man auf Bildidee, Komposition usw. verzichtet und diese erst spaeter und evtl. nach dem Zufallsprinzip zuweist. Mit der Lichtfeldtechnik eroeffnet sich eine weitere Moeglichkeit, die Blende bzw. Tiefenschaerfe und korrspondierende Gestaltungsmoeglichkeiten auf spaeter zu vertagen. Das alles ist wie gesagt interessant und wird seinen Einsatz finden, aber fuer Gute Bilder in dem Sinne, wie ich sie jetzt machen moechte, ist das nur hinderlicher Ballast.

Interessanterweise gab es frueher die Trennung von Fotograf und Laborant. Der Fotojournalist, aber auch der niedergelassende Fotograf, gab seine Bilder vom letzten Auftritt einer Rockgruppe in der Stadthalle oder die der Hochzeit der Familie Neumann an seinen Laboranten bzw. direkt in ein externes Labor. Gelegentlich konnte dann - je nach Wert der Fotografie - spaeter noch geschraubt werden oder wurden bewusst weitere Interpretationen geschafffen. Aber man liegt nicht so falsch, wenn man meint, dass vor der Entwicklung 90% der Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes im Kasten war.

Die Zeitschuld ist auch nicht ohne Zinsen, denn was ich vergessen habe im Vorfeld ins Bild zu bringen, ist nur sehr muehsam und bedeutend zeitaufwaendiger in der EBV oder der Dunkelkammer nachzuholen (wenn nicht unmoeglich). Die meisten ambitionierten Enthusiasten heute, waeren frueher Laboranten genannt worden. Insolvente Laboranten allerdings, denn das immer weitere Anhaeufen von Zeitschuld fuehrt unweigerlich in die Pleite. Zahllose Amateure haben fantastillionen, z.T. Jahre alte Bilder in ihren Speichern, die alle noch ihrer Bearbeitung harren - jedoch nie bearbeitet werden und die irgendwann als unverkaeufliche Konkursmasse im Datennirvana enden.

Warum nun diese lange Einleitung zu einem Foto-Falter-Artikel ? Nun, der Artikel wirft mindestens eine interessante Frage auf, naemlich ob Farbe in der Fotografie tatsaechlich sinnvoll ist. Also ob sie genau wie 4k-Rosinenpicken, Lichtfeld, MegaISO usw. fuer mich nicht auch eine weitgehend sinnbefreite Moeglichkeit ist ? Kaeufer der Leica M-M oder des Achromatic+ sehen das vermutlich so. Und das gilt nicht nur fuer die Fotografie, die man mehr oder weniger gehaessig mit Kunst subsumiert. In der Wissenschaft wird ebenfalls eher das Grausstufenbild(*) verwendet - immerhin ist das ein wesentliches Einsatzgebiet des o.g. Achromatic+ , und auch der Fotojournalismus benoetigt eher selten Farbe. Bei genauerer Betrachtung ist es voellig legitim zu fragen, braucht es wirklich die Farbe ? Ist Farbe hoffnungslos ueberbewertet ? Ist Farbe gar stoerend und macht das Bild schlechter ? Und last but not least, ist Farbe auch nur so eine Industrienummer, deren Sinn vor allem im MEHR besteht ?

Abb. 2 Beijing Messe waehrend des MH370-Verschwindens (Leica MM)

Um auf den Fotojournalismus zurueckzukommen, es ist evtl. in ambitionierten Wirtschaftsmagazinen (brand eins) oder fotolastigem Boulevard (Stern) moeglich, eine Schwarz-Weiss-Geschichte unterzubringen. Aber in den diversen Online-Formaten oder den unzaehligen Magazinen, Apps, ePaper … die vor allem auf einen Massengeschmack setzen, gewinnt man mit Schwarz-Weiss keinen Blumentopf. Das gleiche gilt fuer Industrie- oder Handelsmagazine. Ein Fotograf, der ostentativ auf SW setzt und dies gegenueber seinem Auftragsgeber durchzudruecken versuchte, der wuerde schlicht verhungern. Das naheliegende Argument „Ja, aber dieses Bild braucht doch gar keine Farbe. Im Gegenteil, sie stoert und lenkt ab.“, wuerde von jeder Bildredakteurin innerhalb von Nanosekunden vom Tisch gefegt werden.

Aber wenn man sich nur einen Augenblick auf die Frage einlaesst, dann ist die Entscheidung fuer die omnipraesente Farbe nicht mehr so ganz selbstverstaendlich. Das wichtigste Pro-Argument lautet ungefaehr „Wir sehen farbig und deshalb ist Farbfotografie dichter an der Wirklichkeit.“ Nur ist dieses Argument ziemlich falsch. Die Wirklichkeit wird tatsaechlich erst im Hirn zusammengebaut und da spielt die Sozialisation eine ganz wesentliche Rolle. Die findet jedoch nicht in der Kamera statt. Um unser tatsaechliches Farbsehvermoegen ist eher bescheiden bestellt.

Auf unser Sehorgan, das Auge, wirken Lichtwellen als Reize, die, durch die Augenoptik geleitet, auf der Netzhaut wirksam und von dort mittels der Nervenbahnen in das Gehirn geleitet werden, wo sie uns erst bewußt werden. Diese Apparaturen unseres Organismus sind im Verhältnis zu technischen Einrichtungen als recht grob zu bezeichnen.

Als wenn der grobe Apparat nicht schon reichte, kommt hinzu, dass z.B. 10% der Maenner mit Rot und Gruen so ihre Schwierigkeiten haben und Nachts geht sowieso nichts mehr...  Aber das ist gar nicht der Punkt. Die Fotografie hat nicht die Aufgabe die universelle Wirklichkeit abzubilden. Und das gilt praktisch fuer alle Spielarten der Fotografie - auch fuer die des Fotojournalismus.  "The only way to depict reality is to construct it." (Andreas Gursky )

Abb. 3 Beijing Night (Leica MM)

Hellmuth Burkardt geht in seinem Aufsatz Bunt Oder Farbig im Foto-Falter des Dezembers 1957 in den ersten paar Zeilen auf die physikalischen Eigenschaften der Farbe bzw. des Lichts ein. Aber schon schnell landet er bei der psycholgischen Wirkung der Farben, um sogleich ein paar scheinbar feststehende Tatsachen geradezuruecken.

Sich mit den Ordnungsgesetzen und denen dabei gefundenen Zahlenwerten auseinanderzusetzen, ist Aufgabe der mathematischen Farblehre, die Behandlung der Eigenschaften des Lichts, seine Messungen nimmt die physikalische Farblehre vor, und die chemische Farblehre beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen den Farben der Stoffe und ihrer chemischen Zusammensetzung. Die physiologische Farbenlehre hat die Aufgabe, die Vorgänge zu untersuchen vom Eintritt des Lichtes ins Auge bis zur Entstehung der Farbempfindung im Gehirn, wozu die Lehre von den regelmäßigen und unregelmäßigen Farbempfindungen kommt. — Wir müssen uns beschränken auf diese oder jene interessante und für die Farbanwendung wertvolle Erscheinung wie vor allem aus dem Hauptfach der Farblehre, der psychologischen, deren Inhalt im engeren Sinn die Farbe als Empfindung ist, also dem letzten im Bewußtsein auftretenden Ergebnis all der mannigfaltigen Faktoren.

Wer Farben anwenden will, muß Farben sehen, das Grün des ,.blauen" Himmels, ,,denn vom blauen Himmel schlechthin redet nämlich nur der Farbenlaie" (Fischer, s. S. 361). Daß Schnee blaue, violette Schatten wirft, ist wohl am ehesten bekannt, aber wie reich ist unsere farbige Umwelt an Grün-Reflexen auf Wänden, Gesichtern, Händen, Kleidern, auf dem Wasser!

Das Blau des Himmels ist oft Gegenstand fototheoretischer Betrachtungen. Es zeigt, dass an einer so trivialen Frage „Ist der Himmel blau ?“ (Why isn’t the Sky blue ?), sich schon die Geister scheiden koennen.  Farben sind jenseits der oben genannten verschiedenen (Farb)Lehren vor allem gesellschaftliche Uebereinkuenfte. Und solche Regeln sind vielleicht nicht willkuerlich, so aber auch nicht unveraenderlich.

Fotografiere ich in Farbe, transportiere ich mit dem Bild gleichzeitig einen gewaltigen Haufen gesellschaftlicher Codes. Das ist in nur sehr wenigen Faellen wirklich gewollt. In 99.999999% der Faelle ist es dem Fotografen voellig egal. Er transportiert mit den fotografierten Farben im Bild vor allem seine persoenliche Sozialisation. Und das, ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden.

In der Werbung weiss man schon seit langem um diese Codierungen. Ein cocacolaroter Weihnachtsmann funktioniert in China zu verschiedenen Zeiten voellig anders, als z.B. in Europa. (In der Werbung bzw. in der Grafik verwendet man aus eben diesen Gruenden auch die sogenannten Farbschemata, in der bestimmte Farben z.B. entsprechend dieser Codes zu einer harmonischen Farbauswahl zusammengestellt sind.)

Verwendet man Farben und geht aus seinem Dorf heraus, warten an jeder Ecke Fettnaepfe. Es ist m.E. unrealistisch zu verlangen, dass jeder Fotograf wirklich jede geografische, historische und kulturelle Farblehre bis ins letzte Detail beherrscht. Umgekehrt darf dieser nicht erwarten, dass sein Bild universell als ein Gutes Bild verstanden wird - und dies schon gar nicht ueber die Zeit hinweg.

Es ist also keineswegs verkehrt, dass, wenn man Missverstaendnissen aus dem Weg gehen will, die Farben -soweit verzichtbar- einfach weglaesst. Allein schon aus Selbstschutz. Doch jenseits dieses eher reflektierten Weglassens, gibt es noch einen viel fundamentaleren Grund, mit den Farben eher vorsichtig umzugehen. Und damit waere wir wieder bei dem o.g. Unvermoegen mangels Ahnung.

Wenn auch verschiedene Zeiten verschiedene Farben, verschiedene Farbklänge bevorzugten, immer blieb das Bestreben nach Harmonie, nach Wohlklang. „Damit zwei oder mehrere Farben harmonisch wirken, muß Gleichheit wesentlicher Elemente an ihnen bestehen", schreibt Wilhelm Ostwald in seiner ,.Einführung in die Farbenlehre". Und damit entscheidet er im Grunde, was wir — jenseits der fachlichen Bezeichnung von bunten und unbunten Farben — an einem Gemälde, einer farbigen Wiedergabe gleich welcher Art, auch der Farbfotografie als farbig oder bunt empfinden. Mit farbig bezeichnen wir das Zusammenklingen der Farbtöne, ihre Abstimmung aufeinander, mit bunt bezeichnen wir das unvermittelte Nebeneinanderstehen von Farben, die Wahllosigkeit. Denn damit ein Färbwerk harmonisch, farbig und nicht bunt wirke, bedarf es einer Auswahl. In dieser Hinsicht sieht es gerade auf dem Gebiet der Farbfotografie noch recht betrüblich aus.

Die Kamera macht bunt. Eine Kamera entscheidet nicht ueber Farbharmonien. Wenn ich dies beherrschen will, dann muss ich schon bei der Aufnahme an so einiges denken. Das ganze Thema ist nicht trivial und setzt viel Muehe und Kenntnis voraus. Will ich Farbfotos machen, muss ich diese Muehe und den langen Weg des Erkenntnisgewinns auf mich nehmen - so ich denn mehr als Scheissbilder machen moechte…

Es geht nicht um die Wirkung einzelner Farben oder den viel und gerne zitierten Komplementaer- oder Signalfarbenfarben, sondern es geht um das gesamten Farbset im Bild bzw. der Serie. Ich kann das mit etwas Glueck auch spaeter bearbeiten, aber dann handel ich mir wieder eine Zeitschuld ein. Oder, wenn ich restlos untalentiert bzw. voellig farbenblind bin, dann werf ich irgendein Preset, Plugin, Filter, Style auf das Bild. Voellig egal, ob es angemessen ist oder auch nur im entferntesten einen Sinn ergibt - Hauptsache ich erreiche einen Look (Wenn ich allein dieses Wort hoere rollen sich mir die Zehennaegel auf. „Look“ klingt fuer mich wie - ich bin zu unfaehig mir einen eigenen Stil zu erarbeiten).

Abb. 4 Links die historischen Farben eines Terrakottakriegers, rechts die heute assoziierten Farben. (Leica M240)

Nein, ich erreiche keine harmonischen Farben, indem ich irgend einen Kodachrom-Filter verwende. Hellmuth Burkardt kannte damals ja gar nichts anderes als den konkreten Film. Und im Rahmen der Moeglichkeiten waren manche Bilder mit einem Kodachrom eben bunt (Scheissbild) und manche farbig (Gutes Bild). Ich wiederhol mich jetzt mal: die Chancen auf ein Gutes Bild  erhoehen sich mit jedem Weglassen von ueberfluessigen Optionen.

Farbcodes (Gefuehle, tradierte Werte, Symbole …) und Farbharmonien sind die zusaetzlichen Freiheitsgrade, die mit der Einfuehrung der Farbe in die Fotografie Einzug gehalten haben. Jeder zusaetzliche Freiheitsgrad vermehrt nicht einfach die Schwierigkeiten ein Gutes Bild zu schaffen, sondern er potenziert sie. Das verursacht nach der Bewusstwerdung dieses Problems vor allem Schweiss und Kopfschmerzen.

Das ist einmal nicht verwunderlich, ging es doch bisher lediglich erst einmal darum, Farben aufnehmen zu können. Aber dieser Entwicklungsabschnitt dürfte nun wirklich beendet sein. Jetzt muß es darum gehen, die Farblehre, die Geschichte der Farbanwendung zu studieren in Hinblick darauf, wie wir auf dem Gebiet der Farbfotografie zu künstlerisch wertvollen Bildern gelangen können. Es ist unserem Entwicklungsstand einfach nicht mehr gemäß, daß wir noch kitschig-bunte Bilder produzieren. Die technischen Voraussetzungen für Besseres sind gegeben, wir müssen jetzt auf dem Gebiet der Farblehre und Farbanwendung nachziehen. Wir müssen die Ergebnisse, die die Kunstentwicklung in früheren Zeiten empirisch, in neueren Zeiten wissenschaftlich mit sich gebracht hat, für das Gebiet der Farbfotografie übernehmen und für dieses Gebiet weiterentwickeln. Wir dürfen uns nicht mehr freuen, daß wir überhaupt Farben auf unseren Bildern bannen können, sondern müssen zu einer kulturvollen, harmonischen Farbgebung kommen.

Leider sind wir immer noch auf diesem Entwicklungsstand von 1957 bzw. sind evtl. sogar dahinter zurueck gefallen. Kakelbunte Bilder jenseits einer jeden Harmonie und ohne Ruecksicht auf irgendwelche Farbwirkungen finden sich in praktisch allen Zeitungen, Magazinen, Onlineangeboten … in der ihnen eigenen Penetranz wieder. Das hat was mit Geschmack, bzw. dessen fatale Abwesenheit zu tun:

Das ist aber nicht nur durch Studien der Farblehre und der Geschichte zu erreichen, das ist eine Frage der Geschmacksbildung.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet bei der bei Fotoenthusiasten so beliebten Hochzeitsfotografie („Hab letzten ein Hochzeitsshooting gehabt…“), man sich zumindest unbewusst sowohl an die Regeln bzw. Codes, als auch an immer wiederkehrende Farbharmonien haelt. Das laesst hoffen. Jedoch beschleicht mich das Gefuehl, dass es in irgendeinem Regal einen Hochzeits-Look gibt, den man ueber die Bilder druebergiessen kann. Das funktioniert dann vermutlich in einem so formalen und abgegrenzten Prozedere wie einer Hochzeit sogar, und zwar ohne das der Fotograf auch nur den Hauch einer Ahnung haben muss …

Wie oben schon erwaehnt, ist die Werbung bezueglich Farben schon viel weiter. Das ist ein Grund, warum ich mir gerne gute Modemagazine wie z.B. Cosmopolitan anschaue. Zwar sind die abgebildeten Farben nur selten die, die wirklich fotografiert wurden, dennoch stimmt alles. Aber genausowenig wie die Hochzeitsfotografie, die allenfalls fuer das Brautpaar und ein paar Verwandte von belang ist, interessiert mich die Fashionfotografie als Sujet. Sie interessieren mich rein technisch - sonst gar nicht.

Es zeigt sich immer wieder im Verlauf der Zeiten, daß hochentwickelte Menschen und hochentwickelte Zeiten auch farbige Kultur besaßen. Es ist also eine gesellschaftliche Verpflichtung, wenn wir uns um die Harmonie der Farbgebung auf dem Gebiet der Fotografie bemühen, nachdem die Periode des Experimentierens abgeschlossen ist. Es geht nicht mehr darum, Farben aufzunehmen, sondern darum, Farb-Akkorde aufzunehmen, aus einem farbigen Gesamtton Farben soweit hervortreten zu lassen, daß sie in dem Gesamtzusammenhang als besondere Tönungen auftreten, andere Farben in diesen Gesamtzusammenhang zu bannen dem Bild damit eine erregende oder stille Stimmung zu verleihen. Es geht nicht mehr darum, die in der Umwelt auftretenden Farben aufzunehmen, sondern sie hervorzuheben oder zu dämpfen, um ein Neues zu gewinnen: das künstlerische Farbfoto, das einmal Ausdruck unsrer Zeit zu sein vermag.

Ich will bezueglich dieses Fazits nicht den Kulturpessimisten heraushaengen lassen. Dazu besteht auch gar kein Grund. Noch nie zuvor waren sich so viele Menschen ueber Farben im Klaren. Ebenso ist es Jammern auf hohem Niveau, wenn man nur die vielen Scheissbilder beklagt. Tatsaechlich wurde noch nie soviel fotografiert und ich gehe jede Wette ein, dass die Zahl der Guten Bilder geradezu explodiert ist. Das Problem ist lediglich das schreckliche Missverhaeltniss. Also die Menge der Wissenden im Verhaeltniss zu den vor sich hin Fotografierenden ueberhaupt, bzw. das Verhaeltniss von Scheissbildern zu Guten Bildern. Durch die ungeheure Flut an Scheissbildern wird es immer komplizierter, die zweifellos mehr als frueher vorhandenen Guten Bilder zu finden.

Das ist keineswegs eine elitaere Attituede. Ich sehe das genauso wie Burkhardt, naemlich, dass es sich um eine gesellschaftliche Verpflichtung handelt. Gesellschaft bezieht ausdruecklich ALLE mit ein - also nicht nur die, die sich taeglich das neuste und teuerste Equipment leisten koennen. Die Steinhoffs da draussen, mit ihrem MEHR des Scheisskapitalismus produzieren allenfalls mehr Scheissbilder. Das ist eine Sackgasse. Und man muss diesen Schneller-Hoeher-Weiter-Dumpfsinn  auch gar nicht mitgehen. Denn wie schon oefter in diesem Artikel gesagt, die Loesung ist so einfach.

Man muss sich hinsetzen und studieren, dann die Erkenntnis versuchen in die Praxis umzusetzen und anschliessend aus den Fehlern lernen. Ohne Muehe geht das nicht - ebensowenig wie ein Marathonlauf, eine Bergbesteigung, eine Bandprobe oder der Abschluss eines Artikels… Das ist kein ewiger Kreislauf, wie uns die Industrie weissmachen will, dass ist eine mehr oder minder verschlungene Spirale, auf der wir uns mit unseren neuen Erkenntnissen immer weiter nach oben schrauben. Es sind wirklich nur die Erkenntnisse und keineswegs die Maschinen, die uns weiter bringen. Ich kann noch so viele 8k-100Mpix-3MioISO-Kameras kaufen, in dieser Spirale bringt mich das exakt keinen einzigen Millimeter voran.

Um auf Judy Linns eingangs gestellte Frage zurueck zu kommen: Ja ! Und wir waeren sehr wahrscheinlich heute auch da, wo wir ohnehin sind.


(*)Und mit diversen Filtern, ueber die RGB hinausgehend, werden fuer analytische Zwecke falsche Farben zugeordnet.

Download Falter Artikel

 

  • No comments found

Leave your comments

Post comment as a guest

0
terms and condition.