Kuenstliche Intelligenz vs. Fotografische Einfalt

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

Kürzlich wälzte sich die Ankuendigung einer neuen Fotografiesoftware durch die üblichverdächtigen Medien. Es geht um Arsenal. Natürlich ist die Software revolutionär, nie dagewesen und »disruptive«  vermutlich sowieso. Um was es geht in aller Kuerze: Arsenal ist ein Stück austrainierte Software (AI/KI), welche dem Fotografen sagen soll, wie die beste (perfekte) Zeit-ISO-Blenden-Kombination für das aktuelle Motiv ist. Nebenbei soll Arsenal noch eine universelle Fernbedienung und ein geeignetes Timelapse-Modul sein.

Mir geht es hier konkret um den Anspruch, mittels KI, also »künstlicher Intelligenz« und den aktuellen Sensorwerten, das perfekte Foto erschaffen zu wollen. Wobei KI natürlich nicht wirklich was mit Intelligenz zu tun hat, sondern als Metapher für eine antrainierte Software steht. Dass man eine solche Software ganz wunderbar trollen kann, hat Microsoft mit Tay hinlänglich bewiesen...

Entsprechend versucht man, den Trainingsprozess möglichst gekapselt zu halten, und gleichzeitig setzt man auf die Statistik. Die Idee: Je mehr »Meinungen« desto besser, dann setzen sich – wie bei Tay – Trolle mit ihrem Blah nicht durch, sondern gehen in der Statistik unter. Das Problem dabei: Meinungen, Geschmack, Kunstverstand usw. sind keinesfalls statisch, sondern unterliegen dem Zeitgeist, den Moden, der Sozialisation, dem Kenntnisstand der Gesellschaft usw. usf.

Arsenal versucht sich also an der Quadratur des Kreises. Und bekanntlich funktioniert die nicht. Was viele eben gerne vergessen, ist, dass die Fotografie auch diesen Moden etc. unterworfen ist. Heute ist es modern, Brandung glattzuziehen und Wasser- in Milchfälle zu verwandeln. In den 60ern – während der Eagle-Sharp-Tessar-Hype – hätte das als Sakrileg gegolten. Dito dies ganze Bokehisierung&Filter-Gedoehns. Jede Datenbank/ jede KI, die auf einen überwiegend aktuellen Bildbestand zurückgreift bzw. trainiert wird, wird auf diese (aktuellen) Moden zurückgreifen.

Neulich in einem Flight Magazine gesehen: milch-kotzende Merlions in S'pore und Milchfaelle in den Highlands. Braucht kein Mensch!

Interessanterweise wird meist eine neue Mode bzw. Trend geprägt, wenn sich ein Fotograf einer Konvention bewusst entgegenstellt. Also wenn man den knackscharfen und feinstkörnigsten Tessar-Bildern erst mal überdrüssig wird und plötzlich Bokeh und Korn erfindet und ausreichend selbstbewusst zum Heiligen Gral erhebt. Dazu ist dann jedoch »echte« Intelligenz notwendig.

In der Werbung ist man sich dieser Bildsprache (und seiner Codes) durchaus bewusst und nutzt das. Ein Grund, warum Fernsehwerbung bildlich z.B. mit Instagram korreliert. Und es ist auch so, dass die Werbung ganz gezielt versucht, selber Trends zu setzen. Der Telekom ist das seinerzeit mit dem Tilt-Effekt gelungen. Eine Mode, die sich dann lawinenartig ausbreitete.

Software wie Arsenal, die zweifellos kommen und vermutlich in die Kameras wandern wird, wird es deutlich einfacher machen, massenkonformen Geschmack gezielt zu produzieren. In der Werbung würde ich Arsenal nutzen. Das ist ein wenig wie beim Radio – man will es allen recht machen und erntet am Ende Dudelfunk, den – ob seiner Belanglosigkeit - kaum einer bewusst ertragen kann.

Nutzt man Arsenal, ist man zweifellos »modern« (Neusprech »stylish«), aber gut ist das Bild dann immer noch nicht. Leider funktioniert der Gegenschluss auch nicht: Eine Mode bewusst verweigern, macht auch nicht automatisch ein gutes Bild. Die Motivwahl, die Lichtverhaeltnisse, die Codes u.v.m. ergeben erst in ihrer richtigen Mischung ein gutes Bild.

Fazit: Wer Likes haben und hip sein will – nimmt Arsenal! Wer gute Bilder machen will, lernt, und nutzt die eigene Intelligenz.


PS: Ich habe über (grenzdebile) Fotomoden gelegentlich in den Podcasts berichtet

- Minute 18:00 http://sventetzlaff.com/index.php/home/podcast/102-008-fotografie-milch-und-amputierte-muslimmarkt-xi-an

- Minute 46:35 http://sventetzlaff.com/index.php/home/podcast/187-046-biohoefe-aus-gursky-fotomoden

  • No comments found

Leave your comments

Post comment as a guest

0
terms and condition.