Godwins Law der Fotografie

Geschrieben von Sven Tetzlaff am . Veröffentlicht in Fotografie

Jeder kennt die Szene. In einem Forum, am Stammtisch ... streiten sich zwei Parteien ungefähr so: »Nikon ist die Beste!«, sagt der eine Fotograf; »Nein, Canon!«, der andere. Und dann weiter, »Nikon, Nikon, Nikon – Scumbag!« – »Canon Rulez! nene ne ne nene«. Gelegentlich werden sogar Argumente ausgetauscht, »Meine hat kein' Spiegel«, »Mein Farbstich ist schoener«, »Mein Sound ist cooler.« ... Es kommt auch fast immer ein Citroen-Fahrer lang und verkündet lässig im Hanfleinen-Sakko, »Also meine Hassi[1] und ich ...«.

Nach einer Weile wird es den Streithammeln (und dem Publikum sowieso) langweilig und dann passiert das Erstaunliche: Jemand verkündet die Gute Nachricht: »Die beste Kamera ist die, die man dabei hat.« Hosianna! Alles entspannt sich. Der Frieden ist gesichert ... und oft endet auch die Diskussion.  [...]

Dieses Mantra hat sich schon so verselbstständigt, dass es manche Forenposter an den Anfang ihres Beitrags stellen, wenn sie z.B. keine Lust auf eine Diskussion haben – was nicht unbedingt etwas nutzt.

Wenn man etwas sooft gelesen und gehört hat, wie eben diesen Spruch, dann ist die Gefahr groß, dass man das Mantra nicht mehr hinterfragt. Die Tatsache ist jedoch: Dieser Spruch ist völliger Bullshit.

Erinnerung

Betrachte ich mir meine ersten Fotoalben (so ab 12J), dann sehe ich einen haufen Bilder umringt von Eintrittskarten, handschriftlichen Beschreibungen, Postkarten, gepressten Pflanzen ... Offensichtlich ging es mir darum, eine Erinnerung festzuhalten, die ich allein mit dem Foto nicht festnageln konnte.

Mir war klar, dass die Geschichten, welche die Bilder erzählen sollten, reichlich dünn waren. Tatsächlich haben die Bilder dann an der Rekonstruktion der Erinnerung - oder der vermeintlichen Erinnerung - nur einen geringen Anteil. Viel eher wird sie durch die genannten Ephemera, durch Gerüche, der Haptik ... getriggert. Darunter sind auch Bilder, die offensichtlich nicht von mir stammen (da ich auf dem Bild bin), die ich nur schwer einordnen kann und die meiner Erinnerung u.U. Streiche spielen.

Aber viel entscheidender ist, dass sich so ziemlich meine gesamte Erinnerung überhaupt nicht aus Fotos speist. Ich nehme diese Alben nur sehr selten zur Hand – fast nie. Zeige ich diese Alben außenstehenden Personen, werden die Bilder in dem ganzen Prozess noch unwichtiger bzw. sinken – falls sie technisch halbwegs OK sind - auf die Dokumentation der Zeit herab. Doch diese »Dokumention« finde ich an anderer Stelle viel besser. Ich war damals weder technisch noch theoretisch in der Lage, adäquate Bilder zu machen. Der Wert dieser Bilder ist heute nicht die Erinnerung, sondern eher die Dokumentation der Entwicklung meiner Fotografie.

Erinnerungen mit Fotos zu dokumentieren ist ein zweischneidiges Schwert. In den allermeisten Fällen gelingt das eher schlecht als recht. Zur wirklichen Dokumentation benötige ich ein gewisses technisches Level, einen theoretischen Überbau und jede Menge Erfahrung.

Geschichten erzählen

Aber den eingangs beschriebenen Fotografen geht es in den seltensten Fällen um die Fixierung von Erinnerung. Sie beanspruchen für sich, mit den Bildern eine Geschichte zu erzählen. Jeder weiß, das ist nicht so einfach und das Vermögen fällt auch nicht vom Himmel. Schnell wird klar, diese »Ability« ist ein sehr fein abgestimmtes Gemenge aus Technik, Übung und Wissen. Die Drei stehen in so enger Wechselwirkung, dass es m.E. unmöglich ist, eins davon daraus zu lösen.

Natürlich ist dieses Dreieck nicht auf eine Technik beschränkt, und gelegentlich gelingt es sogar, das Eine mit dem Anderen zu kompensieren. Aber die meisten Menschen werden sich intellektuell, finanziell, physisch ... auf eine bestimmte Auswahl beschränken müssen. Mit diesem Technikzoo, mit meinem Wissen und der Erfahrung bin ich in der Lage, das richtige Bild zu machen.

Was nützt es mir also, wenn ich z.B. eine Kamera dabei habe, die ich nicht kenne, mit der ich nicht geübt habe oder ich generell keine Ahnung von Fotografie habe? Die Antwort ist: Gar nichts. Die Bilder, die so entstehen, sind zu 99% belanglos und triggern, wenn überhaupt, nur kurzfristig vermeintliche Erinnerungen.

Nicht falsch verstehen, es geht mir nicht darum, eine bestimmte Technik hervorzuheben. Wer sein Smartphone genau kennt, weiß, was er bekommt, wenn er dies oder jenes damit tut - wo die Grenzen sind – und gelernt hat, wie er eine Geschichte »konstruiert«, der macht auch damit die richtigen Bilder. Genauso wie jemand mit einer 50k-Kamera rumdödeln kann und hinten nur Müll herauskommt. Mehr Technik bedeutet manchmal auch mehr Möglichkeiten - mehr Freiheitsgrade. Nur bleibt dies totes Kapital, wenn ich die Freiheitsgrade nicht begreife, mich nicht darum bemühe oder nicht einsetzen will. Darüberhinaus, »Technik« heißt nicht nur »Kamera« und Zubehör, sondern dahinter steht genauso das Prozessing, die Präsentation usw.

Sprüche klopfen

Der o.g. Spruch ist nicht nur Quark, sondern er ist auch reichlich respektlos. Er reduziert die Fotografie auf das Auswerfen von Abbildern. Warum schleppen wir dann überhaupt nach Kameras mit uns rum und fragen nicht gleich nach den entsprechenden Feeds der Überwachungskameras aller Orten? Immerhin ist so mein letzter 6Pack-Kauf an der Tanke dokumentiert. Erinnerungen, die ich auf keinen Fall missen möchte? Das klingt jetzt etwas rhetorisch, aber auf einer dubiosen Wannabie-Seite[2] wurde genau dieses Konzept verheiliggralt.

Fotografie ist eben genau dies nicht: Ein Bild zu knipsen ... weil es geht. Im Gegenteil, ein Fotograf verfügt auch über die Fähigkeit, ein Bild NICHT zu machen. Auch dies gehört zu dem o.g. Dreieck. Im digitalen Zeitalter mit Auslöserdauerfeuer, kostenlosem »Film« und diversen Presets/Filtern/Styles, scheint das vielen entgangen zu sein. Quälte Onkel Werner seinerzeit noch geradeso die Familie samt überschaubaren Freundeskreis mit seinen letzten Urlaubsdias, so ist diese Form der Folter zu einem Massenphänomen geworden[3]. Man könnte bisweilen den Spruch auch umkehren: Die beste Kamera ist die, die manche Leute NICHT dabei haben.

Fazit: Jemand der meint, dass er wirklich mit jeder Kamera, die er gerade dabei hat, das richtige Bild machen kann, ist entweder der geniale Fotogott oder ein schlichter Spinner. Als Atheist neige ich dazu, die erste Variante auszuschließen. Mehr keine Fotos wagen!


[1] Wär ich König von Deutschland, würde ich den Deminutiv von Kamerabezeichnungen ins StGB aufnehmen.

[2]»Mit 4K-Video lässt man die Kamera einfach durchlaufen. Bei 24 bis 30 Bildern die pro Sekunde durchrattern, wird schon irgendein ein guter Schuß dabeisein. Im Schnittprogramm exportiert man den besten Frame und hat bei der Auswahl alle Zeit der Welt. Das ist die neue Fotografie. Traditionalisten werden diese Entwicklung mit dem gleichen Schaudern begleiten wie schon die Einführung des Winders, der Programmautomatik, des Autofokus, des Bildstabilisators oder auch der Eisenbahn.“ (Sascha Steinhoff, Meinung: 4K-Video ist ein teures Abenteuer, heise-foto, 13. November 2014. )

[3] Stephen Shore (Fotograf, geb. 1947, New York.) https://de.wikipedia.org/wiki/Stephen_Shore »I went on to Flickr and it was just thousands of pieces of shit, and I just couldn’t believe it. And it’s just all conventional, it’s all cliches, it’s just one visual convention after another.«

  • Hey Sven,
    interessante Punkte zu der "besten Kamera" und dem "ein Foto mal nicht zu machen". Kann ich nur unterschreiben (auch wenn ich mich häufig dabei ertappe, doch lieber ein paar Bilder mehr zu machen als nötig oder geplant). Klar, dass ich die Kamera kennen und beherrschen sollte, wenn ich sie schon dabeihabe. Ansonsten kann ich den Eindruck des Moments vermutlich nicht angemessen 'rüberbringen...
    Bis dann, ich werde häufiger mal 'reinschauen!
    Tilman

  • Uwe Peche

    Ich habe auch immer eine Kamera dabei. Meistens fährt sie nur spazieren, allerdings habe ich dann auch die Möglichkeit ein Bild zu machen, mit einer Kamera die ich kenne. Das finde ich noch besser als darüber zu philosophieren, warum "ein Bild nicht machen" die bessere Alternative ist. :D Eine provokante Botschaft, denn in letzter Konsequenz wäre man dann ein Fotograf, der nur mit seiner Erinnerung arbeitet. Dann wäre man allerdings kein Fotograf mehr...
    Insofern ist der Spruch am Ende doch noch zu etwas Nütze, er lässt einen die Kamera nicht zu Hause vergessen. :D

  • Die meisten Diskussionen um Marken oder gar DSLR oder DSLM ... sind doch Kinderkram. Aber in der Tat gehöre ich zu denjenigen, die immer eine Kamera dabei haben - wenngleich es da "nur" meine alte Leica M8 mit 35mm Objektiv ist. Ich mache nicht ständig Fotos, doch genieße ich die Möglichkeit ein Foto machen zu können. Manchmal ist es nur die Idee zu einem Foto und manchmal nur ein Schnappschuß, der auch mit Handy gemacht werden könnte. Doch idt doch das Erstellen eines Fotos allein für sich schon ein genuß. Anpeilen, Ausschnitt suchen, Blende und zeit wählen und ... Schuß. Ich bin halt Old-school und ein genießer - na und? ;-)
    Gruß
    Holger Reich

    Ein Foto ist erst fertig, wenn ich es in Händen halten kann

Leave your comments

Post comment as a guest

0
terms and condition.